Im Kindergarten hat sichs ausgespielt PädagogInnen wehren sich!

PädagogInnen, BetreuerInnen, AssistentInnen und Eltern haben sich zusammengeschlossen. Sie wollen nicht mehr schweigen. Gemeinsam und lautstark treten sie nun für bessere Rahmenbedingungen in österreichischen Kindergärten ein.

Schlechte Voraussetzungen für gute Bildung

Der Kindergarten stellt in der Regel die erste Bildungsinstitution dar, die Menschen in Österreich besuchen. Hier werden verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, die für den weiteren Bildungsweg und Lernerfolg entscheidend sind. Spielend erlernen Kinder in einem kreativen Prozess Grundlagen der Kommunikation und Konfliktbewältigung, motorische Fertigkeiten werden trainiert, soziale Kompetenzen entwickelt und verschiedene Ausdrucksformen erprobt. Zumindest sollte das laut dem Wiener Bildungsplan für Kindergärten so sein. Der Grundstein für die Entwicklung eines Kindes wird in den ersten Lebensjahren gelegt. So viel wie zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr lernen wir unser ganzes Leben lang nicht mehr. Was hier versäumt wird, ist später nur sehr schwer auszugleichen, meint die ehemalige Wiener Bildungs- und Jugendstadträtin Grete Laska im Vorwort des Bildungsplans. Umso bedenklicher demnach, dass die Realität an österreichischen Kindergärten scheinbar weit von diesem Idealzustand abweicht. KindergartenpädagogInnen haben heute mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Zu große Kindergruppen für zu wenige PädagogInnen, schlechte Bezahlung, zu wenig Vorbereitungszeit, fehlende Anerkennung; das sind die Hauptprobleme, die beklagt werden. Derzeit betreut einE PädagogIn nicht selten bis zu 25 Kinder, ein Zustand, der eine Betreuung und Förderung nach den im Bildungsplan festgehaltenen Zielen praktisch unmöglich macht. An ein optimales Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder ist so gar nicht erst zu denken.

Freie Bildung für alle?

Durch die Einführung des Gratiskindergartens in Wien eine Maßnahme, die von vielen KindergartenpädagogInnen zwar begrüßt, nicht aber ohne Skepsis zur Kenntnis genommen wird befürchten viele auch in Zukunft eine weitere Verschlechterung der Situation.

Gesellschaftspolitisch gesehen halte ich es für zentral, dass Bildung frei und allen zugänglich ist, meint Elisabeth Steinklammer, ehemalige Kindergartenpädagogin und im Kollektiv Kindergartenaufstand aktiv. Unabhängig davon wurde allerdings verabsäumt die seit Jahren bestehenden Missstände bezüglich der Personalsituation, Gruppengröße und Arbeitsbedingungen mit umzustrukturen. Somit hat sich an der Situation in der Bildungseinrichtung Kindergarten mit der Einführung nichts verbessert, sondern eher verschlechtert. Viele Kinder bekommen einfach keinen Platz, weil es zu wenige Gruppen gibt. Die Einführung hat auch Härtefälle verursacht, da nun alle Plätze finanziell gleich hoch gefördert werden. Aber nicht alle privaten Anbieter kommen mit diesem Sockelbetrag über die Runden, etwa wenn sie aus pädagogischen Gründen weniger Kinder pro Gruppe aufnehmen und dadurch die Maximalförderung (die erst ab 25 Kindern eintritt) nicht erreichen. Sie verrechnen dann die Differenz den Eltern weiter. Auf diese Differenz gibt es keine Förderung und damit können sich solche Plätze nur noch die besser Verdienenden leisten. Vor der Einführung des Gratiskindergartens wurden Eltern, die sich einen solchen Platz nicht leisten konnten, von der Gemeinde Wien finanziell unterstützt.

Kollektive Vernetzungen

Dass gegen diese, der Qualität der vorschulischen Bildung wenig förderlichen Rahmenbedingungen etwas unternommen werden muss, war vielen PädagogInnen klar. So wurde im Februar 2009 das „Kollektiv Kindergartenaufstand“ ins Leben gerufen. PädagogInnen, BetreuerInnen, AssistentInnen und Eltern ergreifen nun das Wort und protestieren gegen die derzeitigen Arbeitsbedingungen. Sie diskutieren, reflektieren, planen und führen Aktionen durch. Ein Kollektiv hat den großen Vorteil, dass jedeR etwas beitragen kann, es aber nicht von der einzelnen Person abhängt, ob es ein Erfolg wird. Das entlastet und gibt Kraft, so Elisabeth Steinklammer. Es ist aber auch eine Lernaufgabe für uns. Wie können wir uns so organisieren, dass sich jedeR beteiligen kann, basisdemokratisch Entscheidungen getroffen werden und die unterschiedlichen Energien genützt werden und wir trotzdem etwas weiter bringen. D.h. das Kollektiv ist auch eine Lernerfahrung für jedeN von uns, was es heißen kann gemeinsam politisch aktiv zu werden, als handelnde Subjekte.

Der vom Kollektiv entwickelte Forderungskatalog ist konkret und zielgerichtet. Er beinhaltet die Reduzierung der Gruppengrößen in den Kindergärten mit einem Betreuungsschlüssel von einer Pädagogin/einem Pädagogen auf 8 Kinder und die Erweiterung der Vorbereitungszeit für PädagogInnen, sowie die Forderung nach angemessenen Löhnen, einem Kollektivvertrag und einer gemeinsamen, demokratischen gewerkschaftlichen Organisierung aller im primären Bildungsbereich Beschäftigten. Daneben wird auch die Anhebung der Ausbildung zu einer Ausbildung zum Kindergartenpädagogen/zur Kindergartenpädagogin an den Universitäten genannt.

Wir sind viele, wir sind laut!

Um zu informieren und auf die schwierigen Verhältnisse aufmerksam zu machen, wird eine Reihe von Initiativen geplant. Bereits durchgeführte Aktionen bestätigen, dass die Thematik auf breites Interesse stößt und mit der Solidarität vieler, auch in anderen Berufsfeldern Tätigen, gerechnet werden kann. So wurde die Demonstration, die am 17. Oktober 2009 unter dem Motto „SOS Kindergarten – Aktion Aufschrei“ in Wien stattfand, von ca. 2.000 Menschen besucht. Trotz der Freude über die gelungene Demo heißt es aber am Ball bleiben. Bisher sind die Reaktionen von ArbeitgeberInnen und PolitikerInnen nicht wirklich ersichtlich im Gegenteil, manche ArbeitgeberInnen haben die Frechheit, erneut Null-Lohn-Runden zu fordern, beschreibt Elisabeth Steinklammer die Situation. Uns allen ist klar, dass es mit einer großen Aktion nicht getan sein wird. Wir werden weiter den Druck erhöhen müssen und so lange weiter machen, bis sich etwas verändert. Die letzte konkrete Aktion war der Aktionstag am 21.11.2009, wieder im Bündnis mit KIV (Konsequente Interessensvertretung), BKHW (Berufsgruppe von Kindergarten- und HortpädagogInnen Wiens), GPA-dip work@social und anderen Organisationen. Danach sind weitere Aktionen angedacht. Es gibt genug Ideen und Möglichkeiten, weiter Druck aufzubauen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.