Als kulturellen Höhepunkt des 13. Forums Jägermayrhof luden die Veranstalter am 7. Oktober 2009 in die Kammerspiele des Linzer Landestheaters zum Stück Ein Schritt weiter im Auftrag der Gewerkschaft. Dieses tatsächlich im Auftrag der Gewerkschaft verfasste Stück greift eine alte Tradition der ArbeiterInnenbildung auf: Bewusstseinsbildung durch Theater.Im Mai 1919, vor nunmehr 90 Jahren, verabschiedete der österreichische Nationalrat das Betriebsrätegesetz. Dieses kann als die historische Kompromissformel verstanden werden, gegen die Interessen der UnternehmerInnen Elemente der ArbeiterInnenmitbestimmung im Betrieb durchzusetzen, ohne den radikalen Weg der Räterepubliken zu gehen, die rund um Österreich in Bayern und Ungarn in jenen Tagen an der Macht waren und die Enteignung der UnternehmerInnen durchgesetzt hatten. Dieses Jubiläum wollte der Bereich Bildung und Zukunftsfragen des ÖGB Oberösterreich unter der Leitung von Sepp Wall-Strasser in Erinnerung rufen: Bernd Freytag, Schüler von Einar Schleef, wurde der Auftrag erteilt, ein Stück über die aktuelle Realität der täglichen Arbeitskonflikte und die Leiden der BetriebsrätInnen zu schreiben.
Die Pferde des Chef
Kurz zum Inhalt von Ein Schritt weiter: In 43 Szenen werden die Spannungen und Konflikte der innerbetrieblichen Mitbestimmung dargestellt. Das Stück verweigert sich jeder konventionellen linearen Erzählstruktur, sondern bietet kurze Vignetten der täglichen Tragödien am Arbeitplatz: Achtstündiger Arbeitstag mit nur 10 Minuten Mittagspause, Mobbing einer Betriebsrätin, Angst vor der Krise und überzogene Kompromissbereitschaft der Belegschaft, ein Unternehmer, der das den Arbeitern vorenthaltene Geld in seine Pferde steckt und schließlich doch in Konkurs geht, ein Betriebsseelsorger, der zwar versucht, Hoffnung zu machen, dann aber an den Härten der Realität scheitert und die Flucht ergreift. All diese Bilder, mit Tempo vorgetragen und vom Chor verstärkt, entstammen nicht der Phantasie des Autors, sondern stammen aus dem tiefen Oberösterreich, aus der Arbeitswelt eines eigentlich sehr wohlhabenden Bundeslandes.
Die Geschichte dieses Bundeslandes dringt auch in anderer, ausgesprochen unbehaglicher Form auf die Bühne: Eine Obdachlose interveniert beständig in das Drama, doch das Verstörende an ihr ist, dass sie eigentlich einen Häftling aus Gusen, dem Nebenlager des KZ Mauthausen, darstellt. Die Nutzung menschlicher Arbeitskraft, aber auch von Haut, Haar und Zahn der ArbeiterInnen wird zum makabren Spiegel heutiger Betriebskonflikte. Der Spiegel irritiert und hinterlässt die ZuschauerInnen ratlos; immerhin wissen diese dann, weshalb jener Gewerkschaftssekretär, der den Auftrag zum Stück gab, das ganzen Stück hindurch mit dem Autor über dessen Ausrichtung debattiert. Diese Diskussion wird als eine weitere Nebenhandlung aufgeführt; die Reflexion im Spiegel der Vergangenheit findet sich in der Reflexion der Produktion des Stücks selbst verdoppelt.
Reflexion durch ästhetische Überforderung
Die Idee, dass die Gewerkschaft ein Stück auf der prominenten Hauptbühne des Landes in Auftrag gibt, ist sicherlich ungewöhnlich. Sie mag aber aufs Erste Assoziationen an die meist wenig belangreichen Belangsendungen der SozialpartnerInnen im Radio auslösen. Kann denn, ja darf denn eine Institution wie der ÖGB als Auftraggeber von Kunst fungieren? Wie ist dies mit dem Konzept der Freiheit der Kunst vereinbar? Könnte ein solches Experiment nicht vielmehr den gegenteiligen Effekt erzielen, dass sich der ÖGB bzw. seine Mitglieder mit Form und Inhalt der künstlerischen Reflexion nicht identifizieren können?
Dazu bestünde tatsächlich Anlass, wie die Konzeption des Stücks zeigt: Hauptprotagonist ist der Chor, der aus 10 Gewerkschaftsmitgliedern besteht und nicht nur in seinen Wortbeiträgen gleichgeschaltet ist. Die uniformierten GewerkschafterInnen tragen jene peinlich-knallige Radfahrerkleidung, wie sie sich bei Elfriede Jellinek als Sinnbild männlich-unreflektierter Triebgesteuertheit findet. Der Gewerkschaftschor bildet die Landschaft eine Formulierung von Einar Schleef , in der sich die betriebsrätliche Tragödie abspielt. Doch gleichzeitig wird damit ein Kuriositätenkabinett konstruiert, wirkt der uniformierte und entindividualisierte Chor doch lächerlich. Oder bedrohlich, je nach Perspektive.
Es wird nicht die Absicht des Autors gewesen sein, die Gewerkschaft in schales Licht zu stellen. Vielmehr ist auch ihm, in seinen wochenlangen Recherchen in oberösterreichischen Betrieben, die Ambivalenz der gewerkschaftlichen Interessensvertretung nicht verborgen geblieben. Bemüht, keine peinliche Belangsendung aufzuführen, mag er übers Ziel geschossen sein: Es wird verfremdet, was nur verfremdbar ist. Im anschließenden Publikumsgespräch verwies der Autor Bernd Freytag auf sein Vorbild, Die Heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht. Auch dort führt ein Chor durch das Geschehen, auch dort scheitert der Versuch der ArbeiterInnenorganisation kläglich. Aber Brecht setzt darauf, dass seine Verfremdungseffekte die Reflexion auslösen. Freytag hingegen irritiert so stark, dass am Ende die bürgerliche Selbstkritik in Form einer theaterästhetischen Selbstreferentialität überzubleiben droht. Befähigung zur Selbstregierung bleibt eine ferne Utopie.
Die Brasilianisierung der Arbeitswelt
Die Reaktionen auf das Stück waren entsprechend ambivalent: Das Publikumsgespräch dauerte zwei Stunden und führte von ästhetischen Diskursen über die Frage nach der Legitimität der Gewerkschaft bis zur Einsicht, dass den SchauspielerInnen jeglicher Einblick in die Realitäten oberösterreichischer Betriebe fehlte, ehe sie das Stück kennen lernten. Das ist wohl die eigentliche Tragödie an diesem Drama, dass alle dargestellten Arbeitskonflikte nicht erfunden sind. Seit 10 Jahren hat sich das innerbetriebliche Arbeitsklima in Österreich in vielen Firmen massiv abgekühlt: UnternehmerInnen versuchen nicht nur in Kolumbien oder China, Gewerkschaften zu verhindern, sondern auch in Oberösterreich. ArbeitskollegInnen mobben, auf Druck der UnternehmerInnen, ihre eigenen BetriebsrätInnen nicht nur in Südafrika oder den Philippinen hinaus, sondern auch in Oberösterreich. Verstöße gegen Arbeitsgesetzte und Regelungen des Kollektivvertrags häufen sich. Während sich die österreichische Öffentlichkeit am immer weiter verschlechternden Image der Gewerkschaft schadenfroh delektiert, übersieht sie die schleichende Brasilianisierung des Landes. Die Schatten der Globalisierung sind längst schon angekommen, während viele Menschen immer noch nicht bereit sind, sich zu organisieren und gegen die Zerstörung der Lebenswelt zur Wehr zu setzen. Währenddessen verweigern sich Gewerkschaften der so notwendigen Demokratisierung, beziehen nur langsam die Frauen- und die Umweltfrage ein und drohen, allmählich auf den harte Kern von Kernbelegschaften zusammen zu schrumpfen. Das Stück Ein Schritt weiter Im Auftrag der Gewerkschaft ist ein mutiger Versuch, all diese Realität in ästhetisch verdichteter Sprache auf die Bühne und damit zur Sprache zu bringen. Er fordert geradezu nach weiteren Experimenten, mit Mitteln der Kunst Bewusstseinsbildung zu bewirken und den Spagat von Ästhetik und Politik zugunsten der Aufklärung zu lösen.