Die Autorin sprach mit einer Reihe von Personen aus dem Bildungsbereich
über deren Beziehung zu Paulo Freire und seinem Werk. Teil II: Ein
Gespräch mit Peter Stöger.
"Der Charakter der Hoffnung ist das Tiefste und das Reichste, was uns Paulo Freire überhaupt hinterlassen hat." (Peter Stöger)

Peter Stöger ist Lehrbeauftragter für Erziehungswissenschaften an der
Pädagogischen Akademie in Stams und an der Universität Innsbruck.
Seit
er in die Berufswelt eingestiegen ist, ist er Lehrer zu Beginn in der
Volksschule, dann in der Hauptschule. Neben der Tätigkeit als Lehrer
hat er Erziehungswissenschaften studiert und ist seit Abschluss des
Studiums in der LehrerInnenbildung tätig.
Den Zugang zu Paulo Freire fand Peter Stöger nicht in der LehrerInnenbildung, sondern durch häufige Aufenthalte in Lateinamerika. Seine Frau, die aus Mexiko stammte, und Begegnungen mit BefreiungstheologInnen während der Reisen in Lateinamerika, haben diesen Zugang ermöglicht.
Alphabetisierung im Hühnerstall
Zum einen seien es Priester gewesen, die im Sinne von Gustavo Gutiérrez, Samuel Ruiz García und Leonardo Boff gearbeitet haben. Zum anderen sei es die Begegnung mit einer Ordensschwester gewesen, die von der argentinischen Militärdiktatur verfolgt wurde. Sie habe ihre Heimat verlassen und sei nach Peru gegangen. Dort habe sie im Sinne Paulo Freires gearbeitet und dabei einen Hühnerstall in eine Schule umfunktioniert. Sie habe Alphabetisierungskurse durchgeführt und sich mit ihrer Arbeit besonders an Frauen gerichtet.
Friedhof als Lesebuch
In der eigenen Lehrtätigkeit bringt Peter Stöger verschiedene Methoden ein, die nicht direkt von Freire kommen, jedoch in sehr starkem Bezug zu Freire betrachtet werden können. "Friedhof als Lesebuch" ist eines der Projekte, das er mit seinen StudentInnen durchführt.
Dabei gehe es um die Dekodierung der Wirklichkeit. Die StudentInnen würden versuchen, anhand der Daten, die am Innsbrucker Westfriedhof vorhanden sind, Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen. So lasse sich zum Beispiel genau ablesen, zu welchem Zeitpunkt die Kindersterblichkeit zurückging, und es könne daraus geschlossen werden, wann das Penizillin erfunden wurde.
Ein anderes Beispiel sei die Erkenntnis, die anhand eines Grabes, indem Menschen aus der Ukraine begraben wurden, gewonnen werden kann. Diese Menschen seien bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen, der Jüngste der Gruppe sei 17 Jahre alt gewesen. Es habe sich dabei um eine Gruppe von ZwangsarbeiterInnen gehandelt, die in Tirol gefangen gehalten wurden.
Mit dieser Methode fänden die StudentInnen ihre generativen Themen, die in der Folge aufgearbeitet würden. Die Themen würden von wirtschaftlichen Details bis hin zu sozialer Gerechtigkeit reichen.
Paulo Freire im Turnunterricht
Zugänge Paulo Freires in der Pflichtschulbildung zu etablieren, betrachtet Peter Stöger als eher schwierig:
"Die Schule, die an das System der freien Marktwirtschaft gebunden ist, lässt solche Ansätze nicht zu."
Die Pädagogik Freires sollte trotzdem in unterschiedlichen Formen in den Unterricht eingeflochten werden. Ein sinnvolles Feld, um dies erfolgreich umzusetzen, ist für Peter Stöger der Turnunterricht. Der eigene Körper, die eigene Beweglichkeit und die Körpersprache seien für die SchülerInnen ein sehr umfangreiches Feld, um generative Themen zu erarbeiten. Dazu wäre es sehr sinnvoll, in den Pflichtschulen viel mehr nach dem Prinzip der Interdisziplinarität zu arbeiten die generativen Themen der SchülerInnen könnten über den Turnunterricht hinaus im Zeichenunterricht und im Religionsunterricht sehr breit aufgearbeitet werden.
Das Kollektiv und die Konzentration
In den Schulen wird Konzentrationsschwäche bei Kindern als Verhaltensauffälligkeit beschrieben und vermehrt wahrgenommen. Das Unvermögen vieler Kinder, sich über einen gewissen Zeitraum hinweg mit einer Sache intensiv auseinanderzusetzen, übernimmt Peter Stöger als Sinnbild für die Konzentrationsschwächen, die in unserer Gesellschaft bestünden.
"Das Prinzip der Gemeinsamkeit hat an Wirkkraft verloren. Es dreht sich alles um das Ich, nicht um ein Kollektiv. Feste wie der Geburtstag und Weihnachten werden als Konsumorgie gefeiert. Das gemeinsame Konzentrieren auf ein Zentrum findet nicht mehr statt. Gemeinsam zu einer Mitte finden würde bedeuten, etwas zu finden, das nicht am Markt erhältlich ist etwas, das jenseits von Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Wissen als Besitz bestehen kann."
Sündenböcke hier und dort
Paulo Freire hat Peter Stöger dazu gebracht, Fragen der sozialen Gerechtigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten:
"Ohne Paulo Freire hätte ich nie darüber nachgedacht, dass es MitbürgerInnen gibt, die im Laufe der Geschichte als Minderheit verfolgt worden sind. Und das betrifft dann nicht immer nur die draußen, sondern auch die im eigen Land."
Ob Lateinamerika, Tirol, die Steiermark oder das Burgenland immer bestehe systemisch und strukturell der gleiche Mechanismus, Menschen zu marginalisieren, Sündenböcke zu suchen und zu finden und damit auch Propaganda zu betreiben. Die Beschäftigung mit Minderheiten in der eigenen Kultur sei der nächste und ganz konsequente Schritt, das Außen, geografisch betrachtet, mit unserer Situation zu verbinden. Der Vorwand, Paulo Freire hätte doch mit uns nichts zu tun und sei außerhalb Lateinamerikas nicht anwendbar, will soziale Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft verwischen.
Reflexion über das eigene Wirken
Das Positive in der eigenen Arbeit sieht Peter Stöger darin, dass durch seine Methoden zu lehren ein MultiplikatorInneneffekt bestehe. Die Resonanz von den MultiplikatorInnen habe ihm immer wieder Mut gegeben, weiter zu machen. Wobei dies im Grund eine Frage der eigenen Wahrnehmung sei.
"Ich könnte auch wahrnehmen, dass meine Arbeit unfruchtbar ist, aber ich habe mir den Aspekt der Hoffnung nie zugrunde richten lassen. Geht man hoffnungslos an diese Themen heran, müsste man Paulo Freire verraten und würde es selber psychisch nicht durchstehen, beim Thema zu bleiben. Eine gewisse Form von selektiver Aufmerksamkeit ist notwendig, um den Charakter der Hoffnung zu bewahren."
Die Autorin ist ipsum-Aktivistin und Studentin der Internationalen Entwicklung.