Heimat ist nicht nur ein (W)Ort

Das Freire-Zentrum und das Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien initiierten ein Lernexperiment. Ein Bericht vom ersten Semester.Der erste Versuch des gemeinsamen Lernens und Forschens war dem Thema "Heimat" gewidmet. SchülerInnen der Kooperativen Mittelschule (KMS) 18 in der
Schopenhauerstraße 79 waren genauso beteiligt wie StudentInnen der
Wirtschaftsuniversität Wien: Das Projekt ist in eine Lehrveranstaltung von Andreas Novy und Lukas Lengauer am Institut für Regional- und
Umweltwirtschaft eingebettet.

Der Heimatbegriff ist flüssig so lautet das Resümee von Lukas Lengauer, der uns in einem Gespräch über das Forschungsvorhaben den Ablauf und die Ergebnisse des Projekts näher brachte. Im Mittelpunkt des Forschungsprozesses stand die Frage, was denn für die vielen Kinder der Kooperativen Mittelschule in der Schopenhauerstraße 79 Heimat bedeutet. Besonders interessant erscheint dies vor dem Hintergrund, dass 86 Prozent der dortigen SchülerInnen nicht-deutscher Muttersprache sind.

Alsbald stellte sich heraus, dass die meisten Kinder Heimat nicht über die Zugehörigkeit zu einer Nation definieren. Entgegen manchen Erwartungen ist Heimat nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern kann an mehreren Orten erlebt werden. So betrachten viele SchülerInnen, egal ob SerbInnen, KroatInnen oder TürkInnen, sowohl Wien als auch ihr Geburtsland bzw. das Geburtsland ihrer Eltern als Heimat. Dass sie sich an beiden Orten bis zu einem gewissen Grad zu Hause fühlen, ergibt sich aus dem Umstand, dass viele SchülerInnen einen großen Lebensabschnitt im Herkunftsland verbracht haben. Aber nicht der Ort als solcher ist ausschlaggebend, sondern die Einbettung der Kinder in familiäre und andere soziale Netzwerke. Beheimatet fühlen sich die Kinder vorwiegend dort, wo sie auch Freunde, Familie, Verwandte und Bekannte haben. Auch das Spielen im Fußballverein oder die Möglichkeit, eigene kulturelle Bräuche auszuüben, tragen dazu bei, sich in einer Umgebung zu Hause zu fühlen. Werden solche Beziehungen zu den Herkunftsländern gepflegt etwa durch häufige Besuche in den Ferien, ist es wahrscheinlich, dass sich die Kinder zu zwei Heimaten hingezogen fühlen. Werden soziale Verbindungen gekappt, schwächen sich heimatliche Gefühle schnell ab. Manche SchülerInnen bezeichneten trotz einer langen Aufenthaltsdauer und umfassender sozialer Einbettung in Österreich eher ihr Herkunftsland als ihre Heimat und begründeten dies mit den im Vergleich zum Herkunftsland bescheidenen Wohnverhältnissen in Wien, unter denen sie häufig zu leiden haben. Dies verweist auf die soziale Marginalisierung vieler MigrantInnen, die in Österreich schlecht bezahlte, gesellschaftlich gering geschätzte Arbeiten übernehmen, wenig verdienen und sich oft nur kleine, schlecht ausgestattete Wohnungen leisten können. Und wer sozial am Rand steht, fühlt sich hier verständlicherweise schwerer zugehörig bzw. daheim.

Eine etwas andere Entdeckungsreise

Diese Erkenntnisse fußen auf Ergebnissen eines qualitativen Forschungsprojekts, das StudentInnen der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft über ein ganzes Semester lang engagiert und mit viel Einfühlungsvermögen durchgeführt haben. Die StudentInnen ließen sich darauf ein, eine ihnen kaum bekannte, scheinbar andere Welt in Wien" zu entdecken. Sie verließen das vertraute universitäre Milieu und setzten sich mit HauptschülerInnen und ihren Problemen direkt auseinander und erkannten, dass Fragen der Integration nicht nur die Ausländer betreffen, sondern gesamtgesellschaftliche Herausforderungen darstellen.

Gleichzeitig trainierten die StudentInnen den Umgang mit wissenschaftlichen Methoden, insbesondere auf dem Gebiet der teilnehmenden Beobachtung und der qualitativen Interviews.. Im Verlauf des Projekts waren sie mit den typischen Problemen der Feldforschung konfrontiert. Vor allem die Möglichkeiten und Grenzen des Feldzugangs im Kontext einer Schule sowie der persönliche Umgang mit Kindern, aber auch die Teamarbeit in den Forschungsgruppen erforderten hohe Flexibilität und Sensibilität.

Die Zusammenarbeit zwischen StudentInnen und SchülerInnen fand ihren feierlichen Abschluss in einem Schulfest, dessen Programmpunkte rund um das Thema Heimat kreisten. Gemeinsam erarbeitet wurden unter anderem Plakate, die die persönlichen Wohnsituationen darstellten sowie ein Schulsong, der den Zusammenhalt über nationale Grenzen hinweg feierte. Bürokratische Hürden, mit denen MigrantInnen in Österreich konfrontiert werden, wurden in einem Sketch aufs Korn genommen. Die Begeisterung war sowohl bei den SchülerInnen und StudentInnen als auch bei Eltern und LehrerInnen spürbar.

Aufgrund der positiven Erfahrungen mit diesem Lehrveranstaltungskonzept, werden Andreas Novy und Lukas Lengauer auch in Zukunft derartige praxisorientierte Lehrveranstaltungen anbieten, die sich mit verschiedenen sozial relevanten Themen beschäftigen werden. Im Wintersemester 2006/2007 werden Fragen von Integration und Diskriminierung bearbeitet, in Kooperation mit dem Wiener Integrationshaus und der Wiener Integrationskonferenz. Auch eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der KMS Schopenhauerstraße ist geplant.

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