Dieser Bericht widmet sich dem Vortrag Barbara Herzog-Punzenbergers, den sie am 7. Jänner 2019 im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung“ an der Universität Wien hielt. Der Schwerpunkt ihrer Forschung und Titel ihres Buches lautet „Ungleichheit in der Einwanderungsgesellschaft“.
Was vor dem ersten Schultag schon entschieden ist.
Zunächst wird der Frage nachgegangen, wo Bildung stattfindet – laut Herzog-Punzenberger formell im Rahmen von Institutionen sowie informell etwa im inner- und außerfamiliären Kontext. Dort, wo Bildung stattfindet, kommt es auch zu Bildungsungleichheiten. Bevor Kinder in die Institution Schule eingegliedert werden, haben sie schon sehr unterschiedliche Kenntnisse. Gemessen wurde dies anhand des Vokabulars, welches Kinder in die erste Schulstufe mitbringen: Es wurde als wichtiger Faktor für spätere Leseleistung festgemacht. Um diese Ungleichheit zu verringern, müsste die Frage gestellt werden: Wie kann man diese Gegebenheiten angleichen? Tatsächlich wird im herkömmlichen Schulsystem darauf fokussiert, Kinder nach Leistung einzuteilen und somit wird der Startvorteil einiger Kinder in der Institution Schule nach und nach ausgebaut.
Wie sich Herkunft auf Bildung auswirkt.
Die Herkunft der Kinder und deren Eltern wirkt sich auf die Schullaufbahn der Kinder aus. Unterschieden wird zwischen dem primären und dem sekundären Herkunftseffekt.
• Beim primären Herkunftseffekt zeigt sich, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen in die Schule kommen. Diese bestimmen über Noten und damit über weitere Bildungswege und Chancen.
• Der sekundäre Herkunftseffekt bezieht sich darauf, dass durch die Bildung der Kinder der Status der Eltern erhöht oder zumindest erhalten werden soll. Die Entscheidung für eine Lehre kann demnach ein Aufstieg sein für Kinder, deren Eltern nie eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Für Kinder, deren Eltern einen Matura- oder Universitätsabschluss haben, wäre dies ein Abstieg und kommt deshalb oft nicht in Frage.
Die Selektion geht demnach immer weiter nach oben, da mehr Menschen hohe Abschlüsse erzielen. Der Druck wird an diejenigen weitergegeben, die niedrige oder gar keine Abschlüsse haben und deren Jobs durch „Überqualifizierte“ verrichtet werden. Eine Studie, die in europäischen Ländern die zweite Generation von türkischen Migrant*innen beforschte, kam zu dem Ergebnis, dass Kinder von Eltern mit sehr niedrigen Bildungsabschlüssen in manchen Ländern dennoch sehr gute Chancen haben, einen Hochschulabschluss zu erreichen – in Österreich sei dies aber nur schwer möglich. Das unterstreicht die Hypothese, dass gewisse Systeme Ungleichheit verfestigen, während in anderen Schulsystemen wie etwa in Schweden die Bildung der Eltern kaum eine Rolle für die Ausbildung der Kinder spielt.
Welche Strukturen es für Frauen braucht.
Anhand einer europäischen Vergleichsstudie zeigt Frau Herzog-Punzenberger Ungleichheiten, die für Frauen aufgrund des Bildungssystems entstehen. Oft wird bestimmten Kulturen zugeschrieben, dass sie Frauen nicht in der Berufsausübung förderten oder gar hinderten. In einer Studie über die zweite Generation von türkischen Migrant*innen wurde deutlich, dass in Wien fast die Hälfte der Frauen dieser Gruppe nicht in den Arbeitsmarkt eingebunden ist. In Stockholm sind es hingegen nur etwa 20 Prozent. Ob Frauen berufstätig sind, hängt also nicht nur mit Kultur und Migrationshintergrund zusammen, sondern wird stark von den Strukturen in der Einwanderungsgesellschaft mitbestimmt. In Ländern, in denen es Kinderbetreuungseinrichtungen für alle Kinder, oft ganztätig und mit Mittagessen gibt, steigt der Anteil an Frauen im Arbeitsmarkt merklich an.
Ein Bildungssystem ohne Ungleichheit ist möglich.
Am Ende des Vortrages geht Frau Herzog-Punzenberger noch auf die länderübergreifende PISA-Studie ein: Kinder von zugewanderten Eltern können sowohl besser als auch schlechter als der Durchschnitt abschneiden. Der sozio-ökonomische Faktor sowie der Bildungsgrad der Eltern spielen dabei meist die größte Rolle.
Ein Bildungssystem, das alle Kinder bestmöglich und unabhängig der Bildungsabschlüsse der Eltern, der Kenntnisse vor Schuleintritt und der ökonomischen Fähigkeiten der Familie fördert, sei der Vortragenden nach möglich, in Österreich aber noch nicht realisiert.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at