Das vierte Spezialthema im Heft 6 des „Multicultural Education & Technology Journal“ dreht sich erneut um das Lernkonzept der „Global Studies“. Aus einer multiparadigmatischen Perspektive tragen sieben Artikel zum besseren Verständnis von komplexen sozio-ökonomischen Phänomenen der Globalisierung bei. Wie das letzte Journal, inkludiert auch dieses Beiträge von der Fünften Entwicklungstagung im Oktober 2011.Interdisziplinär und anhand zahlreicher Fallbeispiele beschäftigen sich die AutorInnen in dieser kürzlich erschienenen Zeitschrift mit den verschiedenen Phänomenen der Globalisierung sowie dessen Auswirkungen auf Diversität und Ungleichheit. Während beispielsweise Birgit Habermann die Komplexitäten von agrikultureller Diversität anhand des Beispiels Äthiopien aufzeigt, untersucht Veronika Wittmann gender empowerment in Südafrika. Weiters werden innovative technologische Lernpraxen vorgestellt, die dazu beitragen sollen, interdisziplinäres und verantwortungsvolles Lernen zu fördern. Ingrid Schwarz präsentiert zum Beispiel eine innovative Lehrplan-Analyse, die wirtschaftliche und entwicklungsbezogene Kompetenzen vermittelt.
Im Folgenden werden beispielhaft drei der sieben Beiträge genauer vorgestellt. Alle einzelnen Artikel des Journals (Volume 6, issue 4) können in elektronischer Form kostenpflichtig auf der Forschungsplattform Emerald erworben werden.
Margarita Langthaler, Nina Witjes, Gabriele Slezak (2012): A critical reflection on knowledge hierarchies, language and development
In diesem Artikel diskutieren die Autorinnen die Rolle sowie das Potential von Wissen für Entwicklung (knowledge for development, K4D) und beschäftigen sich mit Exklusion sowie ungleicher Entwicklung. Dabei konzentrieren sie sich insbesondere auf die Interaktion zwischen Kommunikation und Macht, mit dem Ziel, die komplexen und subtilen Mechanismen der Wissensproduktion und Machtverteilung zwischen dem globalen Norden und Süden zu verstehen. Die K4D-Initiative Burkina Faso Country Gateway dient als Beispiel, um diese Beziehung deutlich zu machen. Der Artikel zeigt auf, dass das K4D Paradigma die Wissenshierarchie zwischen Norden und Süden eher verstärkt, als reduziert. Es wäre deshalb notwendig, mehr über die Struktur von Wissensmanagement nachzudenken, um Interaktionen mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen und demokratische, partizipative Prozesse zu fördern.
Emina Durakovic, Britta Marion Feigl, Bettina Marion Fischer, Christopher Fleck, Lisa-Maria Galler, Johannes Heinrich, Karin Kulmer, Birgitta Kurzweil, Markus Scholze, Raphael Stefan Sperl, René Unterköfler, Kurt Remele, Julian Matzenberger, Gilbert Ahamer (2012): Dialogic Global Studies for multicultural technology assessment
Dieser Beitrag basiert auf den Erfahrungen einer multi-universitären AutorInnengruppe (Alumnis, AbsolventInnen und Studierende) mit einer dialogischen, virtuellen Lernpraxis. Dabei entwickelten die ForscherInnen 50 Fragen, um zwei komplexe technologische Projekte bezüglich deren Auswirkungen auf multikulturelle Gleichheit zu analysieren. Es handelt sich um Staudamm-Projekte im globalen Süden (Ilsu in der Türkei und Belo Monte in Brasilien), wobei sich die ForscherInnen insbesondere auf die Rolle eines der involvierten Unternehmen (Andritz Österreich) konzentrierten. Anhand der ausgearbeiteten Fragen eröffnete das Team einen dialogischen, multidisziplinären Raum, um die Projekte sowie die ökonomischen, technologischen, ökologischen und sozio-kulturellen Auswirkungen darauf zu beurteilen.
Johanna Damböck (2012): Humanitarian interventions: western imperialism or a responsibility to protect? An analysis of the humanitarian interventions in Darfur
Johanna Damböck, eine der JungforscherInnen auf der Fünften Österreichischen Entwicklungstagung 2011 in Krems, analysiert in ihrem Artikel humanitäre Interventionen am Beispiel Darfur. Mit Blick auf deren multikulturelle und internationale Akteure geht sie der Frage nach, inwieweit solche Interventionen ein Zeichen für westlichen Imperialismus oder aber doch eine Möglichkeit sind, über ethnische, kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg zu handeln. Sind die Einsätze vom Prinzip der Menschenrechte geleitet oder stehen nationalstaatliche, ökonomische Interessen im Vordergrund? Das Ziel dieses Artikels ist es aufzuzeigen, wovon der Entscheidungsprozess für humanitäre Interventionen in den United Nations geprägt wird.
Gilbert Ahamer (2012): Human Geography trains diverse perspectives on global development
Indem Gilbert Ahamer unterschiedliche Paradigmen von globaler Entwicklung aufzeigt, schlägt er Wege vor, wie Multikulturalität, Globalisierung und damit verbundene technologische Fallstudien besser verstanden werden können. Er zeichnet die sehr vielseitige historische Entwicklung der Geographie nach, analysiert geographisches Denken und damit verbunden die Entwicklungsökonomie. Daraus entwickelt er schließlich eine theoretische Basis für multikulturelles und multiparadigmatisches Lernen jenseits von Raum und Zeit. Geographie, ebenso wie die Entwicklungswissenschaft und multikulturelle Bildung sind, so Ahamers Conclusio, keine fixen, vorbestimmten Phänomene, sondern werden geschaffen und gestaltet. Erfolgreiches Lernen bedeutet deshalb für den Autor kollektive Bedeutungsproduktion.
Finden Sie hier die Zusammenfassung des vorangehenden Hefts (Volume 6, issue 3): Wissensallianzen durch „Global Studies“.
Die Autorin ist Mitarbeiterin des Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.