Wie kann Bildung im Spannungsfeld von Differenz und Gleichheit zu Gerechtigkeit beigetragen? Im Rahmen einer Tagung der Interessensgemeinschaft für Politische Bildung (IGPB) leitete Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) am 25. Februar den Workshop „Gleich, anders, gerecht, oder doch wurscht?“.
Die Spannung zwischen Gleichheit und Differenz.
Der Workshop begann mit einem theoretischen Impuls, in dem Faschingeder fünf Theoretiker und deren Haupttheorien vorstellte. Anschließend wurden einige Fragen zu Erwachsenen-Bildung in Kleingruppen bearbeitet, die die 15 TeilnehmerInnen schließlich auch im Plenum diskutierten.
In der theoretischen Einleitung problematisierte Faschingeder zunächst das Verhältnis zwischen Gleichheit und Differenz in Gesellschaft und Bildung. Diese Begriffe seien umstritten, denn sie stünden sowohl komplementär als auch widersprüchlich zueinander. Auf der einen Seite signalisiere Differenz eine benötigte Vielfalt der Gesellschaft, doch auf der anderen Seite werde Gleichheit gefordert. Gleichheit als Chancengleichheit zu verstehen und Zugangsmöglichkeiten für Ausgeschlossene zu schaffen sowie Differenz wertzuschätzen, wäre somit die zentrale Herausforderung für Erwachsenen-Bildung – wenn da nicht Machtverhältnisse entgegenwirken würden.
Bildung im Kontext sozialer Machtverhältnisse.
Faschingeder zog hierzu den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci heran, der den Begriff „Hegemonie“ maßgeblich geprägt hatte. Demnach stütze sich Vorherrschaft in der Gesellschaft nicht nur auf Zwang, sondern vor allem auf einen Konsens von Ansichten. Herrschaft werde also durch Zustimmung der überzeugten Menschen selbst reproduziert. Somit entstehe ein Teufelskreis, aus dem die durch Konsens unterdrückte Gesellschaft nicht herauskomme, da sie nicht einmal wisse, dass sie darin stecke. Augusto Boal, so Faschingeder, bezeichnete dies als das “Eindringen von Polizisten in die Köpfe der Menschen“. Wie derartig von sich entfremdete und unterdrückte soziale Gruppen emanzipatorisch erreicht werden könnten, sei somit eine relevante Frage.
Mit Michel Foucault und Jacques Derrida führte Faschingeder daraufhin einen konstruktivistischen Aspekt ein. Als Beispiel dekonstruierte er einen Artikel aus dem Standard, der von „Bildungsverlierern“ berichtete. Fragen wie „Wer oder was ist ein Bildungsverlierer?“ oder „Wie kann man in der Bildung verlieren“ zeigten auf, dass hier ein „Bildungswettbewerb“ bestehe, der aber konstruiert werde. Derartige Konstruktionen zu erkennen sei ein relevanter und notwendiger Befreiungsakt, so Faschingeder.
Schließlich präsentierte Faschingeder auch die Bildungskritik des Soziologen Pierre Bourdieu, der sich vor allem mit der Frage sozialer Klassen auseinandersetzte und fragte, warum diese, trotz hoher Bildungsquoten, noch existieren. Demnach sei ein sogenannter „Habitus“, also das gesamte Auftreten einer Person (Sprache, Geschmack, Kleidung und Lebensstil), tief in der Gesellschaft verankert und behindere Chancengleichheit: Am Habitus lasse sich der Status einer Person in der Gesellschaft ablesen. Zudem führe, seiner Ansicht nach, die sogenannte Gleichbehandlung in demokratischen Bildungssystemen eben nicht zu Chancengleichheit – dies sei bloß eine Illusion. Denn bestimmte Faktoren, wie das Einkommen der Eltern, soziale Netzwerke oder kulturelle Unterschiede, sorgen stets für ungleiche, und damit ungerechte, Startbedingungen.
Kann die Macht des Habitus durchbrochen werden?
Wie also können durch Erwachsenen-Bildung alle sozialen Klassen und Bildungsschichten erreicht werden, wenn sich alle nur in bestimmten sozialen Kreisen bewegen? Im Plenum wurde argumentiert, dass es möglich sei, Menschen auch außerhalb ihrer sozialen Klasse durch alternative und innovative Formate zu erreichen. Man könne dies zum Beispiel durch Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kulturfestivals zu kritischer Kunst, bewerkstelligen. Weiters könnte der Habitus, in Form von Sprache und Kleidung, gezielt genutzt werden, um soziale Gruppen anzusprechen, die sonst kein Interesse hätten. Außerdem, so ein anderer Vorschlag, sollten politische Themen im Sinne sozialer Gerechtigkeit in Sprach- und Weiterbildungskurse eingebracht werden.
Braucht es mehr Populismus und Partizipation?
Eine TeilnehmerInnen-Gruppe meinte hierzu, dass es sowieso keine „unpolitische Bildung“ gebe – dass Bildung per se politisch sei. Dennoch, bekräftigte ein Teilnehmer, sei es wichtig, mehr Menschen über politische Themen zu informieren und motivieren. Bürgerforen seien hierfür sehr effektiv. Eine andere Teilnehmerin kritisierte jedoch, dass diese Foren zwar politische Bildung in Form eines öffentlichen Diskurses anregen, aber keineswegs unparteiisch und äußerst populistisch angelegt seien. Das Format berühre die Herzen, aber nicht die Köpfe und spreche gerade wegen der populistischen Auslegung, im Vergleich zu bildungspolitischen Kursen, so viele Menschen an. Ob es diesen Populismus oder andere partizipative Methoden brauche, um viele Menschen anzusprechen, wurde problematisiert. Einigen konnte man sich jedenfalls darauf, dass eine passive Teilnahme an Kursen weniger ansprechend sei, als eine interaktive Teilnahme am Geschehen in einem reflexiven Raum.
Gegenseitige, freie und gemeinsame Bildung!
Schlussendlich wurde noch die Zweckmäßigkeit von Bildung hinterfragt. Eine zweckmäßige Bildung führe nicht zu autonomen und freien Bürgern – im Gegenteil – sie mache die Menschen zu leeren Objekten, die mit bestimmten Informationen „vollgestopft“ werden sollen. Paulo Freire nannte dies das „Bankiers-Konzept“: Lernende werden wie leere Konten behandelt, die von „allwissenden“ Lehrern aufgefüllt werden sollen. Diese Passivität des Lernprozesses passe Lernende an das herrschende System an und mache sie zu passiven Zuschauern. Stattdessen bedürfe es einer gegenseitigen, freien und gemeinsamen Erwachsenen-Bildung, so der Appell am Ende des Workshops
Der Autor studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Fotos: Surya Knöbel. ©Paulo Freire Zentrum