Im Zuge des Projekts Forschung macht Schule untersuchten junge Schülerinnen der Kooperativen Mittelschule im 18. Wiener Gemeindebezirk (KMS 18) mit Studentinnen der Wirtschaftsuniversität Wien ihre Lebenswelt. Eine Vorstellung der Gruppe Girls Power.Eine Rhetorik, die Wirklichkeit schafft
Girls Power nannte sich die sechsköpfige Gruppe, die es sich zum Ziel machte, ein Konzept von Kultur zu finden, das auch von den betroffenen Mädchen geteilt wird. Eine der neuen Thesen über zeitgenössische Formen von Kultur geht von einer Vermischung von Kulturen aus und sieht Hybridität als neue Kulturform. So wie sich das Wiener Gulasch vom ungarischen Gulyás ableitet, dort aber eher eine Suppe als ein eingekochtes Rindfleisch bezeichnet, so sind auch zeitgenössische Kulturen durch Hybridisierung gekennzeichnet. Wolfgang Welsch folgend gibt es daher nichts schlechthin Fremdes noch Eigenes mehr. Authentizität ist Folklore geworden, ist simulierte Eigenheit für andere, zu denen der/die Einheimische längst selber gehört. Wohl gibt es noch eine Rhetorik regionaler Kulturen, aber sie ist hochgradig simulatorisch und ästhetisch. Welsch betont das Veränderliche an Kultur und kritisiert daher sowohl die Idee von Inter- als auch von Multikulturalität, die Kulturen als etwas Fixes und Einzigartiges versteht.
Kulturen mischen sich
Mit diesem konzeptuellen Rahmen startete die Gruppe Girls-Power im März 2008 ihre kleine Forschungsarbeit im Projekt Hauptschule trifft Hochschule. Ein Semester lang wurde gemeinsam mit drei zwölfjährigen Schülerinnen der Kooperativen Mittelschule im 18. Wiener Gemeindebezirk die Frage erörtert, welche Lebensweisen und -formen ihre Identität ausmachen. Explizites Ziel war nicht über die Mädchen zu forschen, sondern in Anlehnung an den Wiener Soziologen Roland Girtler ihre Lebenswelten gemeinsam mit ihnen, möglichst unvoreingenommen zu entdecken und anschließend zu analysieren. Idealerweise sollten alle Teilnehmerinnen möglichst gleichberechtigt forschen, ein Ideal, dessen Umsetzung zu Problemen führte und auch die Grenzen des Konzepts der Hybridkultur aufzeigte. Der Versuch, mit ihnen zu einem Kulturbegriff zu kommen, der ihre Selbstwahrnehmung nicht zur Selbsttäuschung erklärt, sprengte dann jedoch alle herkömmlichen Kulturkonzepte.
Nationalität als Identitätsstifterin
Serbien, das ist meine Heimat, meine Leute, meine Stadt. meinte eines der beteiligten Mädchen. Wenn es darum geht, sich unter anderen zu positionieren und zu beschreiben, zählt nicht ihre Schule, ihr Bezirk oder ihr Modestil: Es ist in erster Linie ihre Nationalität bzw. die ihrer Eltern, die die Mädchen immer wieder in den Mittelpunkt von Gesprächen über ihre Identität rücken, als endgültige, tiefliegende Erklärung ihres Selbst. Nationszugehörigkeit begründet eine Identität, die mit fortlaufendem Aufenthalt in Österreich zu schwinden droht und mit Anstrengung aufrechterhalten werden muss. Serbien steht nicht für ein Volk, es dient als Kategorie, die stellvertretend für mehr steht: für Belgrad und zwei Städte einer Grenzregion zu Rumänien, für ein bestimmtes Essen, religiöse Feste, Hochzeiten, für Urlaub und vor allem für den Gegensatz zum Leben des Alltags, der Nachhilfe und Matheschularbeiten, kurz gesagt für Freiheit. Beispielhaft dafür ist der Ausdruck, für die Heimreise von Serbien nach Österreich: Wir gehen wieder ins Gefängnis, heißt es dann. Ihre Familien leben nicht nur in Serbien, sondern verteilt auf viele Länder Europas. Serbien ist allerdings der Verbindungspunkt, der Ort, an denen die Wege sich immer wieder kreuzen. Die Schülerinnen betonen, dass die Entscheidung für Österreich keine gegen Serbien gewesen sei, sondern ein äußerer Zwang: Ich mein, jetzt sind alle hierher gekommen, weil in Serbien, ich sage mal, schlechte Zeiten sind. Und halt, wenn es in Serbien so gut wäre wie hier, dann würde keiner kommen.
Das Internet als Brücke zu Heimat und Welt
Der Kontakt zu Serbien wird gepflegt, nicht einzig über die von Eltern mitgegebenen kulturellen Lebensweisen, sondern auch aktiv erleichtert durch die neuen Medien. Das Internet ermöglicht den Mädchen mit ihrer Herkunftskultur in nahem Kontakt zu bleiben. Die Identitätskategorie Serbien lässt nicht nur die Unterschiede zwischen ihnen aus ihren Augen schwinden, sondern verbindet sie mit anderen jungen Menschen. So schafft das Internet zweierlei: zum einen verstärkt es Tendenzen der Hybridisierung des Lebens der Mädchen, da es beispielsweise den Zugang zu unterschiedlichsten Musikrichtungen aus verschiedenen Ländern öffnet. Andererseits wird es genutzt, um nach dem Konzept der Einzelkultur scheinbar Gleichgesinnte aufzusuchen, die dann mittels des Chatprogramms MSN kontaktiert und so zu virtuellen, in Einzelfällen auch realen Freundschaften werden. Es wird also bewusst zwischen den einzelnen Kulturen differenziert, dennoch werden im Alltag die kulturellen Lebensformen der Mädchen einem ständigen Einfluss durch andere kulturelle Elemente unterzogen.
Hybrid- und Einzelkulturen
Kulturbegriffe dienen nicht nur der Benennung, sie haben Einfluss auf ihren Gegenstand und verändern diesen. Das Reden und Nachdenken über Kultur ist nicht bloße Rhetorik. Auch unser Kulturverständnis prägt die Art, wie wir Kultur leben. Hybridisierung ist eines der Konzepte, um die Lebensweisen der jungen Mädchen zu beschreiben, denn diese sind in vielen Fällen keineswegs eindeutig einer so genannten Volkskultur zuzuschreiben. Aber das Konzept der Hybridität stößt auch an klare Grenzen, denn die Schülerinnen ziehen bewusst Einzelkulturen zu ihrer Orientierung heran. Nation ist Identität. Sie wird aber nicht als geschlossenes System angenommen, sondern dient zur Orientierung in ihrer Umgebung. Die Lebensweisen und formen der Schülerinnen werden nur verständlich, wenn sie als Wechselspiel von Hybrid- und Einzelkultur, von wandelnden und selbstbestimmten Kontakten und fixen, traditionellen und verorteten Beziehungen angesehen werden. Kulturen verändern sich, aber nur ausgehend von fixen, verorteten Gewissheiten.
Mehr Information und weiterführende Literatur findet sich in einem Reader auf der Website des Paulo Freire Zentrums.
Andreas Novy, Lukas Lengauer, Anna Kaissl, Melanie Wawra, Jennifer Ziegler (2008): Dialog oder Konflikt der Kulturen II? Methodik- Unterlagen zur Lehrveranstaltung Internationale Entwicklungsforschung Theorien und Methodik
Die Autorin ist Studentin der Wirtschaftsuniversität Wien.