Die transdisziplinären Workshops „Generative Bildarbeit“ brachten SchülerInnen und Studierende zusammen, um gemeinsam zu forschen. Die Arbeit sollte dazu führen, dass die Teilnehmenden Mehrsprachigkeit durch visuelle Methoden konkret erleben und diese schätzen lernen.
Die Forschenden waren Studierende der Internationalen Entwicklung (Universität Wien) sowie SchülerInnen und LehrerInnen der Neuen Mittelschule (NMS) des 18. Bezirks. Die SchülerInnen der NMS haben zum großen Teil einen sogenannten Migrationshintergrund und sprechen eine andere Muttersprache als Deutsch. Durch die Methode der generativen Bildarbeit entwickelten die Forschungsteams in drei Workshops einen transdisziplinären Zugang zu Vielfalt und erarbeiteten dabei kreative Wege, über kulturelle oder sprachliche Grenzen hinweg zu kommunizieren. Geleitet wurden die Workshops von Vera Brandner, Lehrbeauftragte an der Universität Wien und Mitglied im Verein ipsum, sowie von Gerald Faschingeder, ebenfalls Lehrbeauftragter und Direktor des Paulo Freire Zentrums. Die erste Einheit fand im Klassenraum der SchülerInnen statt, die zwei folgenden Einheiten im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung.
Zwischenräume
Das Ziel der Foto-Workshops war es, gemeinsam den Begriff „Zwischenräume“ auf verschiedene Weise zu erforschen und dabei Mehrsprachigkeit zu erleben. Diese wird im Kontext von Schule und Bildung oft auf (meist zugeschriebene statt tatsächlich) mangelnde Deutschkenntnisse reduziert. Die Kenntnis um andere (Mutter-)Sprachen wird dadurch unsichtbar. Das Projekt „Mehrsprachigkeit durch visuelle Methoden“, in dessen Rahmen die Workshops stattfanden, wollte Bewusstsein und Wertschätzung aufbauen, aber nicht über eine explizite Thematisierung der verschiedenen Sprachlichkeiten, sondern über den Weg der nonverbalen, visuellen Kommunikation. Die Forschenden wurden dazu angeregt, konkrete, physische Zwischenräume (im Sinne von Grenzen, Abständen, etc.) im Alltag zu suchen und zu erkennen. Zusätzlich wurden auch Zwischenräume zwischen Menschen sichtbar gemacht.
In Vorbereitung auf den Workshop wurden die TeilnehmerInnen beauftragt, ein Objekt mitzubringen, das für sie einen Zwischenraum darstellt, ausfüllt oder überbrückt. Während der Vorstellungsrunde in Paaren wurden diese „Artefakte“ ausgetauscht. Die vielfältigen Gegenstände – von einer SIM-Karte, über einen (ungültigen) Reisepass, ein Lesezeichen, eine Büroklammer, einen Schlüssel, einen Babyschuh, bis hin zu einem Haargummi – dienten als Inspiration für die Fotos, die im Laufe der Workshops entstehen sollten.
Eine Forschungsreise
In dieser ersten Einheit erarbeiteten die TeilnehmerInnen, auf welche Art Fotos entstehen: indem entweder Motive geschaffen oder gefunden werden. Dafür bauten sie aus sich selbst „Skulpturen“ oder suchten im Schulgebäude nach Ritzen, Löch
ern und Spalten, die als Zwischenräume erkennbar waren. War das Motiv gefunden oder konstruiert, durfte jede Person exakt ein Foto mit einer der von Vera Brandner mitgebrachten Polaroid-Kameras schießen. Dies bedeutete, dass Fokus, Position, Bildausschnitt etc. vorher genau überlegt werden mussten. Für die SchülerInnen war es ein besonderes Erlebnis, mit diesen „veralteten“ Kameras zu fotografieren, da sie als „Digital Natives“ zwar mit Handy- und digitalen Fotoapparaten vertraut sind, analoge Fotografie jedoch kaum mehr kennen. Die Foto-Erfahrungen sollten die TeilnehmerInnen zwischen den Workshops zu Hause ausweiten und die Ergebnisse zum nächsten Termin mitbringen. Dabei sollte stets „Zwischenräume“ die leitende Thematik sein und das Artefakt konnte, musste aber nicht, in das Motiv integriert werden.
Am zweiten Termin wurden die in der Zwischenzeit entstandenen Fotos im Raum als erste kleine Ausstellung arrangiert. In Gruppen begaben sich die TeilnehmerInnen nun auf eine „Forschungsreise“, bei der die Fotos mit Hilfe einiger Leitfragen diskutiert wurden: Was zeigen die Bilder (nicht)? Welche Gefühle rufen die Bilder hervor? Was bedeutet die Perspektive, was die Farbwahl?
Die Verortung auf der gesellschaftlichen Landkarte
Im Anschluss an diese Diskussionsrunde wurde aus jeweils einem Foto jeder Person, das sie am meisten berührt, eine „Landkarte“ kreiert. Die Bilder wurden auf einem Tisch aufgelegt und sollten nach eigenen Assoziationsmustern bewegt, kombiniert und nebeneinander gelegt werden. Dabei durften sie von allen gleichzeitig bewegt werden. Dies ging so lange, bis das Gesamtbild stand und niemand mehr das Bedürfnis hatte, ein Foto zu bewegen.
Die Fotos lagen zunächst gerade, das heißt Kante an Kante, aneinander. Nach einer Weile bemerkte eine Studentin diese starre Ordnung und brach sie auf, indem sie Fotos anwinkelte. Dieser Impuls wurde sofort von den anderen aufgegriffen, die nun ebenfalls Bilder drehten und teilweise sogar auf den Kopf stellten.
Die „Landkarte“ wurde im Anschluss noch durch Schnüre und Post-its mit „Grenzen“, Verbindungen, Bezeichnungen und Symbolen versehen. Es entstand ein buntes Bild, das deutlich machte, wie die Fotos und Assoziationen der Forschenden zusammenhängen. Im Laufe des Workshops konnte beobachtet werden, dass die Diversität der Klasse von den SchülerInnen als „normal“ wahrgenommen und nicht explizit thematisiert wurde. So wurden zwar bei den Vorstellungsrunden in der ersten Einheit oft die Herkunftsorte und -länder genannt, sie erhielten aber keinen größeren Stellenwert als andere Aspekte, die die jeweilige Person beschrieben. Davon handelte auch das Forschungsergebnis: Die „Landkarte“ war ein Abbild davon, dass alle TeilnehmerInnen, trotz der „Zwischenräume“ und Differenzen, ein Teil des gesellschaftlichen Ganzen sind.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Die Fotos schoss Vera Schueller, Praktikantin bei ipsum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Projekt „Mehrsprachigkeit durch visuelle Methoden“ wurde gefördert von:
