Gegen-Bildung?

Das Leben und Lernen ohne Autoritäten stand im Mittelpunkt des zweiten
internationalen Treffen von Alternativunis und autonomen
Bildungsinitiativen in Bern. Den spröden Frontalvortrag durch
alternative Lehrmethoden zu ersetzen spielte dabei eine wichtige Rolle.

"Hinter der inhaltlichen Arbeit der Offenen Uni Berlins steht keine direkte Gruppe. Vielmehr sind es 100 bis 200 Leute pro Woche, die den Raum mit Inhalten füllen." Diese Ansage eines Bildungs-Aktivisten drückt aus, was für viele VertreterInnen alternativer Bildungsprojekte ein wünschenswertes Programm wäre.
Die Unzufriedenheit mit dem politischen und inneruniversitären Status quo in Sachen tertiäre Bildung hat in den letzten zwei, drei Jahren vielerorts zur Gründung alternativer/offener Universitäten und ähnlicher Bildungsinitiativen mit verschiedenen Facetten geführt. Um die unterschiedlichen Selbstverständnisse besagter Alternativunis besser kennen zu lernen, hatte bereits letztes Jahr in Berlin ein Treffen stattgefunden. Diesen Mai lud die selbstverwaltete Bildungsplattform Denk:mal nach Bern, um bezüglich Erfahrungen und Problemen Austausch zu betreiben und eine widerständige Praxis zu proben. Mit dabei waren noch VertreterInnen der Offenen Uni Berlins (OUBS), der Selbstverwalteten Seminare in Dresden und von Keine_Uni aus Wien.

Harte Zeiten

Grund für die Wahl des Ortes war Solidarität mit der Gruppe Denk:mal, die seit längerem einen Bauernhof besetzt und in letzter Zeit in Bedrängnis geraten war: "Zwar verlangen die Gesetze der Stadt Bern, dass mit Besetzern verhandelt wird", so ein Vertreter von Denk:mal, "allerdings wird eine Luxussanierung des Hauses ebenfalls angestrebt." Harte Zeiten also für ein Projekt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Bildung mit Praxis zu verbinden, indem es neben Seminaren ein Haus samt Garten erhält und von einer "autonomen Schreinerei" über Volksküche, Schlafmöglichkeiten, Infoladen und Seminarräume bis zum hauseigenen Kino und Internetcafé zum Nulltarif alles anbietet, was das Herz begehrt.

Die Selbstverwalteten Seminare aus Dresden benutzen dagegen ihre Website oftmals als Ausgangspunkt für Aktivitäten, haben aber noch kein eigenes Zentrum für ihre Seminare. Dies ist derzeit leider auch noch der Stand bei der Wiener Keine_Uni, welche noch immer nach einer adäquaten Räumlichkeit sucht, um ein regelmäßiges Plenum und ihre über zwanzig verschiedenen Lese-, Arbeitskreise und Workshops abzuhalten.

Der OUBS hingegen steht an der Humboldt-Universität sogar ein zweistöckiges Haus zur Verfügung, um autonome Seminare abzuhalten und eine vielfältige Infrastruktur anzubieten. Ihr Alternatives Veranstaltungsverzeichnis umfasst um die hundert Seiten.

Trotz teilweiser infrastruktureller Probleme konnte in Dresden mit dem Aufruf zum Entführen der Anwesenheitslisten letzten Winter ein ziemlicher Wirbel veranstaltet und nicht nur die Autorität der ProfessorInnen mit einfachen Mitteln erschüttert, sondern auch die Mithilfe der StudentInnen selbst an einem System der repressiven Kontrolle thematisiert werden. Auch die Wiener Keine_Uni erregte neulich in der von der ÖH abgehaltenen "Woche der freien Bildung" einiges Aufsehen, als Veranstaltungen direkt in Straßenbahnen abgehalten wurden.

Methodik

Wer sich nun fragt, wie die Konzepte und Didaktik(en) alternativer Unis aussehen, wird darauf keine einfache Antwort finden: denn alternative Unis sind vitale Gebilde, einmal Plattform für bestehende, einmal Urheberinnen neuer Projekte. Dazu benutzen sie meist Wiki-Websites als Kommunikationsforen. Auch wird nicht gerade viel theoretisiert: Zwar beruft sich beispielsweise die Wiener Keine_Uni unter anderem auf die gesellschaftstheoretischen Überlegungen eines Antonio Gramsci und das Verständnis von Bildung als Befreiung, das Paulo Freire vertritt; aber gerade diese Theorien zielen auf Selbstermächtigung ab und besagen, dass das eigene Engagement zählt. Außerdem sind bei einer Trommeljamsession oder im Bastelkreis didaktische Konzepte wohl kaum von Nöten, denn die Methode ergibt sich aus dem jeweiligen Gegenstand.

Dementsprechend besteht ein gewisser kleinster gemeinsamer Nenner alternativer Didaktik lediglich in einer basisdemokratischen, die Hierarchien, Geschlechterverhältnisse und gruppendynamischen Prozesse reflektierenden Umgangsweise, welche keine Zugangshürden außer der Rücksicht auf die/den andere/n kennt. Gelernt wird (endlich) einmal, was gefällt. Deshalb sind oft auch Aspekte einer alternativen, antikapitalistischen Lebenspraxis Teil der offenen Unis, wie das Beispiel Bern zeigt.

Fishbowl und Open Space

Einigermaßen ausgearbeitete Konzepte gibt es lediglich für größere Veranstaltungen, in denen Ideen entstehen oder Interessen abgeglichen werden sollen. Das Fishbowl-Konzept ist dabei ziemlich verbreitet: In einem inneren Kreis (aus Stühlen) diskutieren einige TeilnehmerInnen. Die TeilnehmerInnen außerhalb hören zu. Wenn jemand aus dem äußeren Bereich ein Statement abgeben will, muss er/sie sich hinter einen der Stühle stellen. Der/diejenige, der/die auf dem Stuhl sitzt sollte dann sein/ ihr Statement beenden und dem/der Wartenden den Stuhl überlassen. Diese Methode eignet sich vorausgesetzt, sie wird ernst genommen sehr gut zum gleichberechtigten diskutieren, weil auch dominante Personen sich hier beschränken müssen.

Der Open Space wiederum ist eine Art Rahmen und entfaltet seine beste Wirkung in mehrtägigen Treffen wie jenem in Bern. TeilnehmerInnen beschreiben ihn oft als eine Art "geplante Kaffeepause", "Feuerwerk der Ideen" oder "kontrolliertes Chaos": Denn jede/r TeilnehmerIn kann eine eigene Kleingruppe zu einem bestimmten Thema eröffnen, dem sich andere TeilnehmerInnen nach Lust und Laune anschließen, welche selbige aber auch wieder wechseln können. Gruppen können laufend "gegründet" und wieder beendet werden. So entsteht ein Netzwerk informeller Diskussionen, das durch seine Vielfalt und einen ungezwungenen Charakter besticht.

Dass die alternativen Unis einem derzeitigen Trend entsprechen, zeigt nicht zuletzt eine Nachricht, die die TeilnehmerInnen kurz nach Ende des Treffens ereilte: Am 22. Mai wurde in Bochum aus Protest gegen die durchgesetzten Studiengebühren die Freie Uni Bochum gegründet.

https://www.keineuni.org
https://www.offeneuni.tk/
https://www.hierarchnie.de.vu

Der Beitrag erschien zuerst in Progress, dem Magazin der Österreichischen HochschülerInnenschaft.

Der Autor studiert Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung in Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.