Globales Lernen in Erfahrung bringen, dies bedeutet mehr als Lesen und Schreiben. Es ist das Gehen, das es Helmuth Hartmeyer ermöglicht hat, sein Lernen neu zu erfahren. Gehen bedeutet Bewegung, Veränderung, neue Sichtweisen zu erschließen. Daran ließ Hartmeyer die 80 Gäste teilhaben, die zur Präsentation seines Buches „Von Rosen und Thujen. Globales Lernen in Erfahrung bringen“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Bildung im C3ntrum“ am 3. Dezember 2012 gekommen waren.Wenn man ein Buch wirklich verkaufen möchte, solle man entweder ein Kochbuch verfassen oder über das Gärtnern scheiben. Er sei kein begnadeter Koch, leitete Helmuth Hartmeyer den Abend ein. Aber das Gärtnern sei durchaus seine Sache, vor allem das Rosen Züchten. Und damit kam der Autor auf das Globale Lernen zu sprechen. Nicht wenige unter den ZuhörerInnen waren gespannt zu erfahren, ob hinter dem etwas rätselhaften Titel „Von Rosen und Thujen“ mehr steckte als ein Marketing-Gag. Ja, es geht um mehr, wie auf der ersten Seite des Buches zu erfahren ist:
„Thujen stehen für Beständigkeit, aber auch für Monotonie, Einengung und Begrenzung. Rosen stehen für wiederkehrende Vielfalt, für Ästhetik und Freiheit.“ Zwei Pflanzen werden hier zur Metapher für verschiedene Formen des Lernens. Monotonie versus Vielfalt, Freiheit statt Begrenzung. Dem wird wohl kaum jemand widersprechen. Was dies für das Globale Lernen genau bedeutet, erfährt der/die interessierte LeserIn im Buch selbst.
Foto: Gerald Faschingeder
Gehen als Lernen
Hartmeyer erzählte bei der Buchpräsentation vom konkreten Erfahrungshintergrund, der ihn zu Rosen und Thujen gebracht hat. Es war seine dreiwöchige Wanderung durch Österreich, von West nach Ost, 635 Kilometer den Jakobsweg entlang, aber in umgekehrter Richtung, von Feldkirch nach Hütteldorf, um vom Fernen nach Hause zu kommen, um das eigene Land mit anderen Augen zu sehen. Gärten mit Rosen und Gärten mit Thujen gehörten zu den auffälligsten Begleitern dieser Wanderung. Paradox, wo doch Pflanzen verwurzelte Wesen sind, die eben nicht gehen können. Über Paradoxien nachzudenken gehört aber zum Kern des Globalen Lernens, dem es ja um Orientierung in einer Welt voller Widersprüche geht.
WegbegleiterInnen
Über das Gehen und die Wege mit Helmuth Hartmeyer sprachen auch zwei langjährige WegbegleiterInnen. Zunächst erzählte Hakan Gürses davon, wie er Hartmeyer kennengelernt hatte und welche Projekte sie verbunden haben. Es waren die entwicklungspolitischen Seminare des Österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik (ÖIE) am Anfang der 1990er Jahre, die Helmuth Hartmeyer auf die Beine gestellt hatte und wo Hakan Gürses als Musiker und als Referent mitwirkte. Gürses berichtete in diesem Zusammenhang von einer Veranstaltung über den ersten Irakkrieg, deren BesucherInnen die Nachricht von der Abschiebung rumänischer AsylwerberInnen ereilt hatte und die bald darauf zu einer Protestaktion vor der Roßauer Kaserne überging. Viele weitere gemeinsame Aktivitäten folgten; so etwa im Kulturbeirat von KommEnt oder in der Strategiegruppe Globales Lernen.
Heidi Grobbauer, Hakan Gürses, Helmuth Hartmeyer (v.l.); Foto: Gerald Faschingeder
Globales Lernen am Weg
Nach einer Lesung des Autors aus dem Beginn seines Buches spannte Heidi Grobbauer den Bogen zur Frage, wie sich Globales Lernen in Österreich entfaltet hatte. Personen und persönliche Kontakte, vor allem nach Deutschland und in die Schweiz, waren für die Entwicklung dieses neuen pädagogischen Konzeptes zunächst von großer Bedeutung. Klaus Seitz (Deutschland) und Christian Graf-Zumsteg (Schweiz) prägten mit ihren Überlegungen Anfang der 1990er Jahre den Beginn der öffentlichen Auseinandersetzung mit Globalem Lernen. Wie Hakan Gürses verwies sie auf die damals sehr innovativen Lehrgänge für Entwicklungspolitik, die der ÖIE unter Leitung von Helmuth Hartmeyer durchführte und die im Laufe der Jahre in ebenfalls sehr erfolgreiche Lehrgänge für Globales Lernen umgewandelt wurden. Als Perspektive für Fortführung und gleichzeitig Weiterentwicklung nannte Heidi Grobbauer den neu eingerichteten Universitätslehrgang „Global Citizenship Education“, mit dem erstmals in Österreich auch ein Masterprogramm angeboten wird.
Die Einrichtung der Strategiegruppe Globales Lernen (nach dem europaweiten Kongress zu Globalem Lernen in Maastricht 2002) bezeichnete Grobbauer als weiteren wichtigen Meilenstein. Die erfolgreiche Arbeit in der Strategiegruppe führt sie vor allem auch auf die Zusammenarbeit von VertreterInnen des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, der Austrian Development Agency (ADA), von Pädagogischen Hochschulen, Schulen und NGOs zurück, die auf „gleicher Augenhöhe“ kooperieren. Die Strategiegruppe ist heute anerkannte Partnerin, wie zum Beispiel die gemeinsame Durchführung einer Fachtagung zu Globalem Lernen am selben Tag an der Pädagogischen Hochschule Wien mit Beteiligung von ca. 180 TeilnehmerInnen gezeigt hat.
Im Bereich Wissenschaft und Forschung kann hingegen nur auf wenige Fortschritte in einer stärkeren Wahrnehmung von Globalem Lernen verwiesen werden, allerdings ist nicht zuletzt aufgrund der Lehrtätigkeit von Helmuth Hartmeyer an der Universität Wien eine Zunahme von Diplomarbeiten zu Globalem Lernen zu verzeichnen.
Wanderer Hartmeyer
Nach einer weiteren Lesung aus seinem Buch diesmal die letzten vier Seiten erhielt Helmuth Hartmeyer langanhaltenden Applaus. Dieser galt wohl nicht nur seinem Buch, das ja noch kaum jemand gelesen haben konnte, sondern war Anerkennung für sein jahrzehntelanges Engagement für jene Form der Bildung, die heute wohl am besten als Globales Lernen bezeichnet wird. Er selbst begleitete in seinen verschiedenen Tätigkeiten dieses wandelbare Bildungs-Etwas: Von der „entwicklungspolitischen Informationsarbeit“ über die „entwicklungspolitische Bildung“ und die „Entwicklungspolitische Inlandsarbeit“ bis zum „Globalen Lernen“ spannt sich der Bogen des begriffliches Wandels, während Helmuth Hartmeyer vom Englisch- und Geschichte-Lehrer zum ÖIE, zur Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) und dann zu KommEnt wandelte, ehe er 2004 die Leitung der Abteilung „Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in Österreich“ bei der ADA übernahm. So wie Hartmeyer im Frühjahr 2011 durch Österreich wanderte, so kann er durchaus beanspruchen, in vier Jahrzehnten durch Strukturen und Institutionen der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit des Landes gewandert zu sein.
Nicht immer wandelten sich im Zuge dieser langen Jahre dabei die konkreten Inhalte und Methoden der Bildungsarbeit. Die mehrfache begriffliche und konzeptionelle Mutation zeigt aber, dass es sich hier nicht um ein einmal abgestecktes Terrain handelt, eine fixe Größe, sondern diese Form der Bildung erfordert, sich dialektisch auf Wandel und Herausforderung einzulassen. „Von Rosen lernen“, so schreibt Hartmeyer, bedeute vor allem eines: „Bildung ist und bleibt ein Abenteuer, soll nicht Wege verschließen, sondern Räume eröffnen“ (133).
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Hartmeyer, Helmuth (2012): Von Rosen und Thujen. Globales Lernen in Erfahrung bringen. Erziehungswissenschaft und Weltgesellschaft, Band 5. Münster / New York / München / Berlin: Waxmann Verlag. ISBN: 978-3-8309-2809-6