Für Bildungsgerechtigkeit kämpfen: Äthiopische und österreichische Perspektiven

Vor dem Hintergrund, dass Bildungsgüter global aber auch lokal ungleich verteilt sind und dass Wohlhabende tendenziell zu höheren Bildungsabschlüssen und damit einflussreicheren Positionen gelangen, wurden am Abend des 25. April 2013 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung rund 40 TeilnehmerInnen Impulsvorträge zur Situation des Bildungswesens in Österreich und in Äthiopien geboten. Ein Fokus lag dabei auf der Integration von Menschen mit Behinderungen.

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Bildung für alle?

Zur Einführung in den Abend stellte Manuela Kräuter, Teamleiterin der Projektarbeit in Afrika bei Licht für die Welt Österreich, die Globale Bildungskampagne vor. Wie sie hervorhob, könne eine Regierung kein qualifiziertes und inklusives Bildungswesen auf die Beine stellen, ohne sich an den Bedürfnissen der Menschen selbst zu orientieren und müsse deshalb diese aktiv in Gesetzgebungsverfahren einbeziehen. Erschwerend komme hinzu, dass die meisten Regierungen nicht gewillt sind, auf diesem Sektor Verbesserungen durchzusetzen solange sie nicht von der Zivilgesellschaft unter Druck gesetzt werden. Deshalb sei es Aufgabe der Bevölkerung, die Bildungsversprechen der eigenen Regierung aktiv und lautstark einzufordern. Mit diesem Ziel arbeite die Internationale Bildungskampagne Education for All, als Netzwerk für Bewusstsein und Öffentlichkeit von Bildungsfragen, seit 1995 für eine Bildung für alle. Sie fordere nationale Regierungen heraus, ihr Bildungswesen im Sinne der Bevölkerung und für alle zugänglich zu gestalten. Durch die Öffentlichkeitswirkung der Millennium Development Goals, zu denen die Bildungskampagne beiträgt, habe sich, so Kräuter, zwar der Primarschulzugang global verbessert, insbesondere Minderheiten und Benachteiligte blieben aber in großen Teilen der Welt von Bildung und Gesellschaft weitgehend ausgeschlossen.

Inklusive Bildung in Äthiopien

Bildungsgerechtigkeit_030a.JPGShitaye Astawes vom Ethiopian Center for Disability and Development, die selbst seit ihrer Jugend im Rollstuhl sitzt, gab eine kritische Einführung in die Entwicklung der äthiopischen Gesetzgebung im Bildungswesen und gegenüber Menschen mit Behinderung. Als gegenwärtige Herausforderungen sieht sie das geringe Bewusstsein der Gesellschaft gegenüber Betroffenen und damit einhergehende Stigmatisierung, Unzugänglichkeit von Infrastruktur und geringe Ressourcenbereitstellung. So besuchen lediglich 3,2 % der Betroffenen eine Schule, die meisten bleiben ein Leben lang daheim. Die gegenwärtige Bildungsgesetzgebung stammt von 1994 und wurde 2006 erstmals um eine Special Needs-Strategie erweitert. Diese soll im aktuellen Jahr unter Einflussnahme der Zivilgesellschaft überarbeitet werden. Einerseits begrüßt Frau Astawes diesen politischen Willen ihrer Regierung, der sich z.B. in neueingeführten Klassen für Menschen mit Behinderung äußert. Andererseits sieht sie Lücken in der Strategie, nämlich wenig Umsetzungsdirektiven und auch Diskriminierung von Menschen mit Behinderung durch den Passus, dass LehreranwärterInnen laut Gesetz „psychisch und physisch fit“ sein müssen. Außerdem sei die Gesetzesinitiative keine lokalen Ursprungs sondern ein finnisches Design, also gebergetrieben.

Bildungsgerechtigkeit_050a.JPGTeshome Assefa, Vizedirektor der German Church School in Addis Abeba, empfahl Äthiopien eine konkrete Inklusionsstrategie, die auch den Kern der diesjährigen Globalen Bildungskampagne trifft: Um Inklusion auf breiter Ebene umsetzen zu können, sollten LehrerInnen künftig zugeschnitten auf die Arbeit mit Betroffenen ausgebildet werden, so etwa im Lippenlesen und in Gebärdensprache. Auch sollten sie in der Ausbildung erfahren, wie es sich mit Behinderungen lebt, um später Betroffene anhand ihrer konkreten Lebenswelt auszubilden – ein Gedanke, den schon Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten zum Kern hatte. Als Vorbild für eine nationale Strategie der LehrerInnenweiterbildung legte Assefa die an seiner Schule angebotenen Sommerkurse dar: Auf der ersten Stufe wird bei den LehrerInnen Bewusstsein für Betroffene gebildet. In einem zweiten Kurs können grundlegende Methoden der Arbeit mit Benachteiligten erlernt werden. Abschließend bietet ein dritter Kurs adäquate Methoden für den Unterricht mit benachteiligten Menschen.

Und in Österreich?

Wie Heidi Schrodt von der Initiative Bildung Grenzenlos und ehemalige Direktorin einer allgemeinbildenden höheren Schule hervorhob, sei das österreichische Schulwesen laut Bildungsbericht 2012 nach wie vor eines der ungerechtesten in der OECD-Gemeinschaft. Wie in fast keinem anderen Land entscheide soziale Herkunft über Bildung und Chancen der Menschen. Ein Drittel der SchülerInnen könne nach der Pflichtschule nicht sinnverstehend lesen. Nach wie vor würden GymnasiallehrerInnen an Universitäten, Lehrende für andere Schulformen jedoch an nicht-universitären Institutionen ausgebildet. Dies obwohl seit 2005 möglichst gute Bildung für alle mit Verfassungsrang garantiert sei. Gleichzeitig sei die Elementarpädagogik nicht Gegenstand von Reformen, obwohl erwiesen ist, dass die ersten Lebensjahre ein Kind prägen.

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Heidi Schrodt und Gerald Faschingeder (Moderator)

Versuch einer internationalen Synthese

Erich Ribolits, ehemaliger Universitätsprofessor für Bildungswissenschaften, suchte im Anschluss, die verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen. Dabei sprach er große Skepsis aus, ob Bildung die auf sie gerichtete Hoffnung im Alleingang erfüllen könne. Der aktuelle Bildungsdiskurs nach dem Vorbild Europas – Bildung als Ware, als Alleinstellungsmerkmal im individuellen Konkurrenzkampf auf allen Ebenen – gehe an sozialen Zielen vorbei. Während wir uns in einer Leistungsgesellschaft wähnen, sei Bildungsversagen sozial zugewiesen. Wo Bildung die zentrale Konkurrenzebene darstelle, trete Solidarität in den Hintergrund. Deshalb gilt es laut Ribolits, sich auf Paulo Freire zu besinnen und seine Forderungen lautstark in den Raum zu rufen: Bildung für alle – aber nicht nach dem Vorbild Europas.

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Erich Ribolits, Heidi Schrodt, Gerald Faschingeder, Teshome Assefa, Andrea Burziwal (Übersetzerin) und Shitaye Astawes (v.l.n.r.)

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Fotos: Shila Auer. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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