„Fremde Heimat Widerspruch oder Realität?“

Was bedeutet Heimat? Gibt es auch fremde Elemente in der eigenen Heimat und Vertrautes in der Fremde? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion zum Projekt „Hauptschule trifft Hochschule“ am 11. März 2009 in der Kooperativen Mittelschule 18.Erika Tiefenbacher, die Direktorin der Kooperativen Mittelschule Schopenhauergasse 79 im 18. Bezirk Wiens, beschrieb zu Beginn dieser Veranstaltung den Schul- und Lebensalltag der SchülerInnen, von denen 80 bis 90 % Kinder mit Migrationshintergrund sind. Annemarie Filous stellte ihre Diplomarbeit vor, die sich mit dem Heimatverständnis von SchülerInnen der KMS 18 auseinandersetzt. Andreas Novy moderierte die Veranstaltung.

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 Andreas Novy
  Annemarie Filous
 Helmuth Hartmeyer


Scheinbar getrennte Welten

Die Lebensrealitäten der SchülerInnen weisen relativ wenige Berührungspunkte mit denen österreichischer StudentInnen auf. Um diesen Umstand zu verändern und eine gegenseitige Begegnung zu ermöglichen, hat diese Mittelschule gemeinsam mit der Wirtschaftsuniversität Wien und dem Paulo Freire Zentrum das Projekt „Hauptschule trifft Hochschule“ initiiert, das nun schon seit einigen Jahren erfolgreich besteht.

 

Heimat und Fremde

Annemarie Filous, die an einem der Projekte mitgearbeitet hat, beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit mit den unterschiedlichen Definitionsvarianten des Begriffes Heimat. In ihrer Arbeit standen die SchülerInnen selbst im Mittelpunkt und berichteten von ihren Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema. Zentral für Ihre Forschung war die Frage, welchen Heimatbegriff ein Kind mit nicht-deutscher Muttersprache hat. Sie stellte aber auch unterschiedliche theoretische Definitionsmöglichkeiten dieses Begriffes dar: So sprach sie beispielsweise von einer ortsbezogenen Definition, die oft unvollständig sei. Ebenso gebe es soziale, kulturelle und emotionale Komponenten. Heimat als räumliches Konstrukt ist nach Filous nicht greifbar, denn es beinhalte auch immer die Frage der Identifizierung.

Heimat ist ihrer Ansicht nach ein Relationsbegriff, der individuelle Einstellungen und Erfahrungen, aber auch die Komponente einer sozialen Konstruktion enthält. Es handle sich hierbei nicht um ein deterministisches Konzept, sondern um einen wandelbaren Begriff, der individuell konstruiert und weder völlig begreifbar noch vollständig sichtbar sei.

Der Widerspruch dieser Relation

Die Relation der Begriffe Heimat und Fremde drücke einen Widerspruch aus, denn sie bedeuten Gegensätzlichkeiten. Fremde sei Filous Definition nach ebenfalls ein Konstrukt, das wandelbar ist. Ebenso können sich aber auch fremde Elemente in der subjektiven Heimat finden. Ihre Hypothese war, dass für die interviewten SchülerInnen, Heimat jene Orte sind, wo Familie und Freunde der Kinder leben. Ihr Fazit war, dass in die Heimat manchmal unterschiedliche Elemente der Fremde hinein wirken. Heimat und das dazugehörige Umfeld seien sozial konstruierte Räume, die Gegenstände einer subjektiven Modifikation des Heimatverständnisses einer Person sein können. Sind die Elemente der Fremde in der Heimat stärker, so bestehe jenes Phänomen, dass Filous „fremde Heimat“ nennt.

Die Neugier in der Pädagogik

In seinem Kommentar veranschaulichte Helmuth Hartmeyer (ADA) die zuvor genannten theoretischen Erläuterungen von Heimat an seiner persönlichen Biografie. Wichtig ist für ihn, die Neugier am Fremden aufrechtzuerhalten. Dies sei Aufgabe der Pädagogik, die Schule leiste durch ihren Rahmen einen Beitrag dazu. Neugier sei der Ausdruck des Interesses am Fremden. Ebenso zeigte er den Zusammenhang zwischen Heimat, Vertrautheit und Geborgenheit. Heimat ohne Rückbindung auf das Subjekt ist seiner Meinung nach wirkungslos, ist nicht mehr als die Erarbeitung semantischer Ausdrücke. Er bezeichnete die traditionelle Heimat auch als inszenierte Heimat, denn es geht um die Gestaltung und bewusste Einbringung von Elementen des „Wohlfühlens“. Letztlich sei es doch so, dass bestimmte Symbole und Bräuche das Bild von subjektiver Heimat bestimmen.

 

Diskussionsrunde

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In der anschließenden Publikumsdiskussion wiesen TeilnehmerInnen darauf hin, dass der Begriff der Heimat ein deutschsprachiger Begriff ist, und dass es in anderen Sprachkreisen keine adäquate Übersetzung gibt bzw. gänzlich andere Konnotationen existieren.

In der Diskussion wurde auch thematisiert, dass die Frage der Widersprüchlichkeiten prototypisch ist für einen Heimatbegriff, der mit relativ engen institutionellen Räumlichkeiten und sozialen Bezügen arbeitet. Es ging hier auch um die Kontextgebundenheit dieser Begrifflichkeiten.

Gegenstand der Diskussion war ebenso, dass der Identifikationsprozess, der mit dem Begriffspaar Heimat Fremde einhergeht, ein zweiseitiger ist. Maßgeblich zur Identifikation von Individuen trägt bei, wie man von anderen identifiziert wird, aber auch wie und wo man sich selber zugehörig fühlt. Demnach gestalten und konstruieren sich Individuen ihre Welt und dieser Prozess wird auch von gesellschaftlichen Strukturen bestimmt, die oftmals stärker sind als das einzelne Individuum.

In der Diskussion wurden noch weitere Aspekte eingebracht, die nicht Gegenstand der Diplomarbeit sind, wie die Verwendung des Begriffes in der Politik und der Umstand, dass „Heimat“ in Österreich geschichtlich vorbelastet ist.

Hartmeyer betonte abschließend, dass Fremde keine natürliche Kategorie sei, sondern dass es ein „Sich-in-Beziehung-setzen“ mit anderen bedeute. Hier werde eine Grenze zwischen Eigen und Fremd gezogen, die seiner Meinung nach auch wichtig und richtig sei, um diese Differenz als sinnstiftend wahrzunehmen. In der Schule bestehe ihm zufolge die Möglichkeit, diese Differenz wahrzunehmen und die Schule als Werkstätte fungieren zu lassen, in der diese Unterschiede sinnvoll ausagiert werden können.

 

Die Arbeit von Annemarie Filous ist unter anderem hier zu bestellen.

Die Autorin ist Praktikantin des Paulo Freire Zentrums und studiert Politikwissenschaft und Bildungswissenschaft.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.