Im Rahmen des 16. Mittelamerikanischen Filmfestivals feierte der Film La Escondida in Anwesenheit des Regisseurs Raphael Reichl seine Österreichpremiere im Eric-Pleskow-Saal des Metro Kinokulturhauses. Reichl, selbst Österreicher, hatte während der Covid-19-Pandemie ein halbes Jahr in der mexikanischen Küstenstadt Puerto Escondido verbracht, wo sich sein unabhängig produziertes Erstlingswerk von einer Dokumentation über den lokalen Schildkrötenschutz zu einer poetisch-intimen Reflexion über Mensch und Natur inmitten globaler Prozesse entwickelte. Der Film ist ein Kind der Coronapandemie, ermöglicht durch die Offenheit der Grenzen Mexikos gegenüber wohlhabenden Tourist*innen und somit durch seine Genese selbst in asymmetrische Globalisierungsprozesse verwickelt. Die Häufigkeit, in der Mund-Nasen-Schutzmasken das Bild zieren, wirkt dabei wie ein Relikt aus einer schnell vergangenen Zeit.
Wer sich eine didaktische Einführung in die ungleichen Entwicklungs- und Globalisierungsprozesse, die in Puerto Escondido wirkmächtig sind, erhofft, wird in diesem Film nicht fündig. Stattdessen lässt der Film seine Protagonist*innen selbst über ihr Leben sprechen und reflektieren. Sie erlauben einen persönlichen Einblick in eine Stadt im Wandel. Kombiniert wird das mit Textausschnitten, die von zwei Erzähler*innen vorgetragen werden. Auf visueller Ebene begleitet eindrucksvolles Bildmaterial der Pazifikküste und der Stadt zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten die Schilderungen.
Es kamen eine Biologin, ein Ziegenhirt und einige Bauarbeiter in eine Stadt…
Auf den ersten Blick erscheint Puerto Escondido wie ein Opfer der Gentrifizierung. Der Wandel, der hier stattfindet, lässt sich allerdings besser als Ausdruck ungleicher Entwicklung beschreiben, da es kaum eine eingesessene Bevölkerung gibt. Wie einer der beiden Narrator*innen erzählt, hat sich in diesem Teil der Küste des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts überhaupt ein Dorf um den lokalen Hafen gebildet. Nur durch den Tourismus wurde es zu einer Kleinstadt. Diese Geschichte wird in den Biografien der Protagonist*innen sichtbar. Es zeichnet sich ab, dass in diesem ehemaligen Dorf selbst die mexikanischen Lohnarbeiter*innen nicht aus Puerto Escondido selbst stammen. Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonist*innen und ihren Geschichten der Binnenmigration und Urlauber*innen aus dem globalen Norden, vor allem aus den USA, scheinen sich trotzdem kaum zu finden.
Unter den Protagonist*innen des Films verbindet einen Ziegenhirt, der über 30 Jahre als Bauarbeiter in Puerto Escondido tätig war, die längste Geschichte mit der Küstenstadt. Die Kamera begleitet ihn bei seinen Runden mit den Ziegen durch abgelegene Straßen und brach liegende Grundstücke. Er erzählt, dass diese inzwischen unleistbar für die örtliche Bevölkerung seien. Sein Weg führt auch an einem Maklerbüro vorbei, das auf Englisch Feriendomizile bewirbt. Er kam ursprünglich wegen der Arbeit, so wie die Gruppe junger Bauarbeiter, denen ein weiterer Erzählstrang gewidmet ist. Die letzte Hauptakteurin ist eine Biologin, die nach Puerto Escondido kam, um im Schildkrötenschutz am nahegelegenen Strand zu arbeiten.
Im Spannungsfeld zwischen ungleicher Entwicklung, Tourismus und Naturschutz.
Eine Szene des Filmes zeigt die Schildkrötenschützerin nachts bei ihrer Tätigkeit. Sie gräbt einzeln Eier aus, die das Muttertier gerade erst mühsam im Sand vergraben hat. Diese werden später zum Schutz vor Mensch und Klima systematisch in einem diesem Unterfangen gewidmeten eingezäunten und überdachten Bereich des Strandes neu vergraben. Aber auch hier scheint es sich um eine Sisyphus-Liebesmüh zu handeln: nur ein Bruchteil der aus diesen Eiern geschlüpften Tiere wird je das Fortpflanzungsalter erreichen. Sollte sich das Unterfangen für die Schildkrötenpopulation und das Ökosystem lohnen, kann es bis zu 25 Jahre dauern, bis das ersichtlich wird. In diesen Szenen scheint sich eine Metapher für die schwierige Suche nach einem guten Leben inmitten dramatischer globaler Dynamiken zu verstecken. Aber vielleicht zeigen sie auch einfach nur die Tatsache, dass selbst rasante Globalisierungsprozesse manche (natürliche) Entwicklungen nicht beschleunigen oder optimieren können.
Dieser Widerspruch zwischen grundverschieden wirkenden Aspekten der Existenz in Puerto Escondido ist ein zentrales Thema des Films. Naturschutz und -zerstörung liegen hier erstaunlich nahe beieinander: es ist der Tourismus, der die Errichtung der Hotels, an denen die Bauarbeiter arbeiten, einfordert, der auch den Schildkrötenschutz finanziert. Während Folgen des Tourismusaufschwungs wie die Verbauung von Lebensräumen ein zentraler Kritikpunkt sind, betont die Biologin, dass ihre Schützlinge auch davor schon bedroht waren: Die Zerstörung ihres Lebensraums hat lediglich die Jagd auf und den Verzehr von Schildkröten und ihren Eiern abgelöst.
Die menschliche Suche nach Sinn in einer globalisierten Welt.
Die widerspruchsreiche Verwobenheit spiegelt sich auch im Leben der Bauarbeiter wider. Ihre Lohnarbeit ist ein Produkt des Tourismus, ihnen selbst sind bestimmte Arten des Ortswechsels allerdings verwehrt. Die Auswanderung in die USA etwa, ein wichtiges Thema in den Gesprächen im Film, erscheint unmöglich. Offizielle Wege sind undurchsichtig, und illegale Wege gefährlich. Einer aus der Gruppe erzählt, dass er dort Familie hat, die er vermisst aber nicht besuchen kann, da er bereits einmal abgeschoben wurde. Er spricht die damit verbundene Ungerechtigkeit direkt an, als er mit Blick in die Kamera feststellt, dass der Person dahinter, oder vielleicht auch dem vermuteten Publikum, der Weg in die USA offensteht.
Die Meinungen darüber, ob ein gutes Leben in Puerto Escondido möglich ist, divergieren stark. Während ein Bauarbeiter meint, dass Arbeit überall hart sei und es hier zumindest genug davon gebe, meint ein anderer, dass keine Möglichkeiten vor Ort existierten und Auswanderung der einzige Ausweg sei. Während die Arbeiter darüber nachdenken, wie sie in diesem Gewerbe gelandet sind, wird schnell klar, dass es bei vielen keine ganz freie Entscheidung gewesen ist. Schwierige Familienverhältnisse und finanzielle Notlagen versperrten ihnen den Weg zu formeller Bildung, die andere Möglichkeiten eröffnet hätte. Einer erwähnt, dass er gerne länger in der Schule geblieben wäre, da ihm das Lernen Spaß gemacht hat. Was für ihre Arbeit spreche, sei neben dem Gefühl, etwas Nützliches mit seiner Zeit zu machen, dass das Gehalt verhältnismäßig gut sei. Es reiche, um die Familie zu erhalten und in ihren Worten schlechte Gewohnheiten zu finanzieren. Diese Laster, etwa Alkohol, würden den Alltag erleichtern, auch wenn sie mit einem gewissen Schamgefühl verbunden seien.
Der Ziegenhirt erzählt von einem Bruder, der im Zuge der Migration in die USA umgekommen ist. Dieser hätte nicht gehen sollen, denn, so der Ziegenhirt, auch hier sei es möglich, sich ein Leben zu schaffen. Die Biologin spricht ebenfalls die Suche nach Sinn und einem guten Leben in Bezug auf ihre Tätigkeit an. Sie meint, dass die Schildkröten sie vor einem sinnlosen Leben gerettet hätten.
Trotz der thematischen Naheverhältnisse werden die Erzählstränge nie vereint; die Widersprüche bleiben unaufgelöst. Es kommt zu keiner expliziten Synthese. Das scheint auch nicht die Absicht zu sein. Vielleicht ist es überhaupt nicht möglich, die verschiedenen Leben, die einer Stadt koexistieren, zu einem kohärenten Narrativ zusammenzufassen, ohne sehr viel von ihren Eigenheiten und Nuancen zu verlieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt einen Filmausschnitt, in dem die Ziegenherde am Strand zu sehen ist. © Raphael Reichl