Die Autorin sprach mit einer Reihe von Personen aus dem Bildungsbereich
über deren Beziehung zu Paulo Freire und seinem Werk. Teil IV: Ein
Gespräch mit Werner Wintersteiner.
Werner Wintersteiner ist Leiter des Österreichischen Kompetenzzentrums für Deutschdidaktik und in der DeutschlehrerInnenausbildung an der Alpe-Adria Universität in Klagenfurt tätig. Sein zweiter Schwerpunkt liegt in der Friedensforschung und Friedenspädagogik. Diese beiden Arbeitsfelder versucht er auf verschiedenen Ebenen miteinander zu verknüpfen.
"Ich sehe den Deutschunterricht als ganz entscheidendes Trägerfach politischer Bildung. Natürlich kann politische Bildung nicht ausschließlich im Deutschunterricht vermittelt werden, aber ohne den Deutschunterricht und die Kompetenzen, die man dort erwerben kann, ist meiner Ansicht nach politische Bildung unvollständig."
"Der Lehrer ist Politiker und Künstler"
In diesem Paulo-Freire-Zitat sieht Wintersteiner die ideale Rolle von LehrerInnen (nicht nur) im Deutschunterricht pointiert umschrieben.
"Die Verbindung von Politik und Kunst, in einem kulturwissenschaftlichen Sinn, halte ich in der Friedensforschung für sehr wichtig. Es ist ein Fehler zu glauben, dass gesellschaftliche Veränderungen ohne kulturelle Veränderungen möglich sind."
Politische Bildung sollte, so Wintersteiner, kein Privileg des Geschichtefaches, der juristischen oder politikwissenschaftlichen Fächer in den Schulen und an den Unis sein.
Universum politischer Bildung
Die LehrerInnen-Ausbildung an der Uni Wien, die er in den 1970er Jahren absolviert hat, sei wohl nicht daran schuld, dass Wintersteiner sich heute für politische Bildung und Friedenspädagogik einsetze. Er beschreibt seine Ausbildung als unpraktisch und unpolitisch. Seine politische Sozialisierung erlebte Wintersteiner innerhalb der StudentInnenbewegung im Wien der 1970er Jahre.
Über die Theologie der Befreiung, praktische politische Bewegungen in Lateinamerika und pädagogisch/politische Bewegungen stieß Wintersteiner auf Freire. Es entstand für Wintersteiner eine Art "Universum politischer Bildung", in dem jede Bildung politisch war. Freire sei zur ideologischen Stütze in Auslegung und Anwendung von "Pädagogik und Bildungsarbeit" geworden.
theory and practice = praxis
Wintersteiner unterrichtet nicht nach einer Freireschen Pädagogik, sondern verbindet eklektisch verschiedene emanzipatorische Pädagogiken. Er bringt Methoden Freires indirekt und im generellen Sinne der Bewusstseinsbildung in seinen Unterricht ein. Er möchte, inspiriert von Freires Praxis-Begriff, die StudentInnen dazu anzuhalten: 1. angebotene Inputs kritisch aufzunehmen, 2. darüber nachzudenken, 3. diese Inputs in die Praxis zu übertragen und 4. aus der Praxis heraus zu evaluieren. Aus der Theorie solle Praxis werden, die reflektierte Praxis generiere wiederum neue Theorie, welche in der Praxis erprobt werde usw. Es sei beispielsweise sein Anliegen, die StudentInnen zum Nachdenken darüber zu bringen, warum sie überhaupt LehrerInnen werden wollen. Diese "Bewusstwerdung" der eigenen Situation sei, ganz nach Freire, auch die Voraussetzung jeder Veränderung.
"Die eigenen Erlebnisse sind viel stärker in den Menschen drinnen, als alles, was ich an der Uni sagen kann. Nur durch Verbindung von persönlicher Aufarbeitung, von dem, was jemand selbst erlebt hat, in Kombination mit Inputs aus der Fachwissenschaft, die ich als Lehrender liefern kann, entsteht das, was Bourdieu als Habitus einer selbstreflexiven (Lehrer-) persönlichkeit bezeichnet."
Neue Rollenverteilung im Unterricht
Durch Projektunterricht würden die Rollen neu verteilt so komme man Freires Modell näher, das einen wechselseitigen Rollentausch zwischen LehrerIn und SchülerIn vorsehe.
SchülerInnen hätten dabei sowohl Einfluss auf die Auswahl der Themen als auch auf die Art der Umsetzung im Unterricht. Daraus ergebe sich eine gewisse Autonomie.
Hinzu komme ein Umschwung in den pädagogischen Wissenschaften, der unter dem Slogan "ein Fehler als Fenster" laufe. Es gehe dabei darum, die Bewertung von Fehlern als geistige Leistung (z.B. Analogieschlüsse) von SchülerInnen anzuerkennen, was wiederum einen diagnostischen Wert für LehrerInnen brächte LehrerInnen und SchülerInnen könnten bewusst aus den Fehlern lernen.
"Fehler werden zu einem Ausdruck (außer es handelt sich um Schlamperei oder bewusste Gleichgültigkeit) von intelligenten Theoriebildungen, die aber falsch sind. Fehler sind Momente, wo Lehrkräfte Einsicht in die Denkprozesse der SchülerInnen bekommen – da kann man viel lernen. Fehler sind oft viel schöner als das Richtige."
Drei Wirkungsebenen Freires in Österreich
Freire wirke auf verschiedenen Ebenen auch außerhalb Lateinamerikas. Er ermögliche eine klare Sicht auf den politischen Aspekt der Bildung und betone die Emanzipation der zu Bildenden. Österreich und Europa entfernten sich aufgrund ihrer neoliberal durchsetzten Bildungspolitik immer weiter davon. Eine weitere Ebene, die jedoch nicht in jeder Hinsicht auf Österreich umzulegen sei, bestehe darin, wie Freire den Gedanken, Bildung als Emanzipation der zu Bildenden zu verstehen, in seinen Alphabetisierungskampagnen umgesetzt habe.
"Man sollte vielmehr darüber nachdenken, was bei uns, wo alle Menschen mit sechs Jahren alphabetisiert werden, von Freire gelernt werden kann. Es sind nicht nur die Methoden, es gilt, den Geist von dem Ganzen zu begreifen und dann die Methoden neu zu entwickeln."
Die dritte Ebene bestehe in Freires Beitrag zum Frieden. Obschon kein Friedenspädagoge im engeren Sinne, gebe es eine Tradition in der Friedenspädagogik, die sich sehr stark auf Freire beziehe, und Freire sei schließlich auch Träger des UNESCO Preises für Peace Education gewesen.
"War sich Freire bewusst über den manipulativen Gehalt von Pädagogik und Didaktik?"
Es sei Freires Ziel gewesen, Menschen mit seiner Pädagogik der Unterdrückten in ihrem Emanzipationsstreben zu unterstützen. Jedoch könnten Pädagogik und Didaktik auch eine manipulative Rolle spielen, zumal durch die Autorität der LehrerInnen eine Machtsituation bestehe.
"Wir müssen uns über den Widerspruch zwischen Emanzipation und Manipulation bewusst sein. Beides kann aus derselben Quelle kommen und irgendwann zu einem Gegensatz werden. Inwieweit Freire sich damit intensiv beschäftigt hat, kann ich nicht beurteilen. In einer friedenspädagogischen Diskussion am Teachers College, Columbia University, wurde jedenfalls der Verdacht geäußert, dass ihm dieser Widerspruch nicht ganz bewusst war."
UnterdrückerInnen versus Unterdrückte
"Früher, in meiner Studienzeit vor allem, hielt ich diese Formel für die adäquateste Beschreibung der Situation, die man finden kann denn sie drückt eine klare Weltsicht aus, und ich hatte damals selber eine sehr klare Weltsicht viel klarer als heute."
Von Unterdrückung könne man heute auch sprechen, aber nicht von einer genau definierten Klasse der Unterdrückten. Die heutige Bezeichnung "Unterdrücker und Unterdrückte" möchte Wintersteiner eher auf einer generellen und historischen Ebene verstanden wissen. Es gebe Gesellschaften oder Perioden, in denen die Fronten sehr deutlich seien. Die Frage von Macht, Herrschaft und Eigentum sei heute noch nicht erledigt, sie sei aber komplexer geworden es gehe z.B: nicht nur um den Nord/Süd-Gegensatz, so Wintersteiner, sondern um Gegensätze innerhalb des Nordens und Südens, und auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens. Auch die Tatsache, dass jemand unterdrückt und Unterdrückung zugleich sein könne, sei zu berücksichtigen.
Die Autorin ist ipsum–Aktivistin und Studentin der Internationalen Entwicklung.