Ohne Bildung keine Entwicklung – aber führt Bildung automatisch zu Entwicklung? In der Reihe „Bildung im C3ntrum“ diskutierten am 26. September 2013 Wolfgang Lutz und Xavier Bonal dieses komplexe Themenfeld. Rund 80 Personen folgten der Einladung des C3 – Centrum für Internationale Entwicklung zum Fachgespräch.Ein Demograph und ein Soziologieprofessor exponieren ihre divergierenden Perspektiven auf Bildung als entwicklungsförderndes Instrument und treten darüber in Dialog, Margarita Langthaler von der ÖFSE moderiert: ein dynamisches Setting, das eine fundierte und zugleich unterhaltsame Debatte generierte. Die Bezugnahme der Referenten auf die gegenseitigen Argumente strukturierte den Abend in einem dialektischen Ping-Pong und eröffnete letztlich mehr gemeinsame Schnittmengen als erwartet.
Bildung als Ermächtigungsstrategie
Wolfgang Lutz, Leiter des World Population Program im International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg, unterstrich in seinem Input als Vertreter der „bildungsoptimistischen“ Sichtweise den ermächtigenden Effekt von Bildung. Lernerfahrungen würden sich in einer erneuerten Gehirnstruktur materialisieren und kognitive Prozesse beeinflussen. Damit würden sie den Menschen und seine Weltsicht verändern, mit weitreichenden Folgen: Bildung senke Fertilitäts- und Sterblichkeitsraten, erhöhe Gesundheit und Einkommen sowie den Zugang zu Informationen.
Am Beispiel Südkoreas zeigte Lutz die positiven Auswirkungen breiter Bildungsprogramme auf gesellschaftliche Entwicklung. Allerdings würden sich solche Veränderungsprozesse langsam vollziehen und müssten daher zeitverzögert betrachtet werden. Er meine mit Bildung jedenfalls tatsächliche kognitive Veränderungen, die zu tatsächlichen sozioökonomischen Veränderungen führten. Bildungsausgaben allein seien kein Indikator, schließlich hingen positive Entwicklungseffekte von der spezifischen Verteilung von Bildung ab – breite Basisbildung und Bildung von Frauen würden gesamtgesellschaftlich die stärksten Effekte zeitigen.
Das Ende der „easy expansion“
Xavier Bonal von der Universität Barcelona äußerte sich skeptisch bezüglich einer unmittelbaren Beziehung zwischen Bildung und Armutsreduktion, indem er auf den Aspekt der Bildungsverteilung fokussierte: Sei diese ungleich organisiert, könne die armutsmindernde Wirkung sogar gegen Null sinken. Das Veränderungspotential von Bildung ist durchaus statistisch gestützt, nur habe sich diese Erkenntnis bereits in eine starke Bildungsexpansion übersetzt, die in der Praxis nicht immer von sinkenden Armutsniveaus begleitet werde. Im Gegenteil gab Bonal Beispiele simultaner Bildungsexpansion und steigender Einkommensungleichheiten. Seine Erklärung für dieses Paradox: Bildung wird in der Mainstream-Debatte auf ihren instrumentellen Aspekt reduziert. Diese Lesart übersehe den positionellen Wert von Bildung, der mit dem Abstand des eigenen Bildungsniveaus von dem anderer steige. Suchen die Mittelschichten in der Bildungsexpansion nach Differenzierungsstrategien, müssten Armutsgefährdete natürlich nachziehen und dementsprechend länger in Bildung investieren.
Modernisierungstheorie oder Dependenztheorie?
Der anschließende Widerstreit der Meinungen erinnerte an eine Debatte über das Verhältnis von individueller Handlungsmacht und den einschränkenden Bedingungen sozialer Strukturen. Während Lutz den ermächtigenden Wert von Bildung als absoluten verstand und in der Auswertung einzelner Strukturgruppen, etwa nach Alter oder Geschlecht, empirische Belege für einen Zusammenhang zwischen Bildung und Ungleichheitsreduktion wahrnahm, betonte Bonal die kontextuellen Aspekte, die in den Statistiken unsichtbar blieben. Die strukturierenden Bedingungen könnten Lernprozesse auch konterkarieren bzw. verunmöglichen. Dann schaffe individueller Bildungszuwachs nicht die Voraussetzung für den Ausstieg aus der Armut. Schließlich könne niemand gut lernen, wenn nebenan geschossen wird. Armut und strukturelle Ungleichheit minimieren demnach laut Bonal die Effizienz der Bildungsexpansion, anstatt von ihr verdrängt zu werden.
Ähnlich kontrovers verhielt es sich mit der Bewertung der Relevanz (post-)kolonialer Strukturen für die Entwicklungsvoraussetzungen des globalen Südens. Lutz vertrat die modernisierungstheoretische Annahme linearer Fortschrittsprozesse und parallelisierte die Situation der Entwicklungsländer mit jener im Europa des 19. Jahrhunderts. Da wie dort werde bzw. wurde der Aufschwung von einer Expansion der Allgemeinbildung und der massiven Basisbildung von Frauen angestoßen. Warum auch sollte man erprobte Rezepte nicht wiederholen? Doch der Skeptiker war nicht zu überzeugen und führte den Aspekt der strukturellen Gewalt in postkolonialen Bildungssystemen ins Feld, etwa wenn Inhalte nicht auf den kulturellen Erfahrungszusammenhang abgestimmt seien oder indigenes Wissen ignoriert werde.
Zwei Wege, ein Ziel
Die rege Beteiligung des Publikums an der Diskussion lieferte neben kritischen Fragen vielfältige Erfahrungsbeispiele, von französischen Schulbüchern in Kamerun bis hin zur Kinderarbeit in Bangladesch. Die jeweiligen Lösungsansätze der Referenten illustrierten anschaulich den grundlegenden Gegensatz im Zugang: Wolfgang Lutz als Aufklärungs- und Fortschrittsoptimist des 21. Jahrhunderts plädierte für die gestaltende Kraft staatlicher Regulierung, Xavier Bonal machte als konsequenter Modernisierungsskeptiker die blinden Flecken universalistischer Rahmenschaffung und die Notwendigkeit stärkerer Kontextsensibilität sichtbar. Gemeinsam boten sie ein umfassendes Bild der zentralen Themen im Spannungsfeld von Bildung und Entwicklung.
Einig waren sich beide zumindest in ihrer Ablehnung der Reduktion von Bildung auf eine Arbeitsmarktressource: Sinn und Zweck von Bildung müsse es sein, Kompetenzen zur Gestaltung des eigenen Lebens zu schaffen und damit menschliche Freiheit zu stärken. Über den Weg dahin kann man ja noch weiterstreiten.
Zur Veranstaltung gibt es auch einen Film! Johanna Rodehau-Noack schnitt die Podiumsdiskussion und Interviews mit den ReferentInnen zu einem 30-minütigen Dokumentarfilm für okto-TV zusammen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und Dissertantin am Institut für Politikwissenschaft. Fotos: Raphaela Bruckdorfer. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.