Entwicklungsforschung und Volksbildung

Was können Forschung und Bildung füreinander leisten? Zur
Erkundung der Tauglichkeit einiger bildungsorientierter
Forschungsprojekte fand am 31. Oktober 2006 die dritte und letzte
Oficina im Vorfeld des Paulo Freire-Symposiums 2006 statt.
Gemeinsam luden ATTAC, die Gewerkschaftsschule des ÖGB Oberösterreich, QUIS Projektstudium, und das Paulo Freire-Zentrum zu einem Studientag in den Jägermayrhof in Linz. Ziel war die Darstellung der Organisation und Koordination von Forschungs- und Bildungsprozessen in unterschiedlichen Organisationen.

An welche Zielgruppe richten sich die Bildungsprozesse? Welche Bedeutung hat Forschung für die Bildungsarbeit? Welche Forschung für welche Bildung? Anhand dieser und ähnlicher Fragestellungen hatten TeilnehmerInnen schon im Vorfeld zum Workshop kurze Präsentationen der jeweiligen Projekte erarbeitet, die nun als Grundlage für den Versuch dienen sollten, gemeinsam mögliche Verbesserungspotentiale und Problemlösungen zu identifizieren.

Von einander lernen

Am Beginn standen kurze Impulsreferate, in denen Pia Lichtblau (ATTAC, Mattersburger Kreis) und Johannes Jäger (Paulo Freire-Zentrum), Antworten auf die Frage nach dem "Wozu?" von Bildung und Forschung auf der Spur waren.

Jäger zeichnete die Grundlinien der gegenwärtigen Debatte über Wissenschaft und Forschung nach, indem er Streitfragen, wie jene nach der Wertfreiheit und der Verwertung des produzierten Wissens, in die Diskussion einführte. Nach wie vor, so Jäger, sei das vorherrschende Verständnis wissenschaftlicher Forschung durch den Glauben an Objektivität und Wertfreiheit in der Wissensproduktion gekennzeichnet. Demgegenüber betonte er die Kontextualität jeder Forschung und plädierte für einen weiter gefassten Forschungsbegriff, der einem dialogischen Miteinander von Sichtweisen gerecht werden kann.

Daran anknüpfend skizzierte Pia Lichtblau einige Grundgedanken über Bildung und nahm Bezug auf Theorien wie jene Paulo Freires, für den Bildung immer parteilich sein musste. Der brasilianische Pädagoge sah Bildung als ein emanzipatorisches Werkzeug, dessen Funktion weit über die der bloßen Reproduktion von Wissen hinausgehen und Menschen zu aktiver Hinterfragung befähigen sollte. Dabei sollten Lehrende und Lernende gleichermaßen in einem Dialog von einander lernen.

Das Ich steht im Mittelpunkt

Als Beispiel bildungsorientierter Forschungsarbeit sind die Diskussionsrunden der Katholischen ArbeitnehmerInnen Bewegung (KAB) zu sehen, die im Anschluss von Heinz Mittermayr vorgestellt wurden. Allein in Oberösterreich arbeiten 120 Runden gemeinsam an der Entwicklung politischer Handlungsfähigkeit durch Selbstbefähigung. Ähnlich wie bei den Inhaltsgruppen von ATTAC, stehe das Ich im Mittelpunkt der Wissensproduktion, so Mittermayr.

Globale Zusammenhänge mit dem persönlichen zu vereinbaren, sei das Ziel dieser Inhaltsgruppen, bestätigt Franziskus Forster (ATTAC) und betont dabei die Herausforderung, über die reine Informationsebene hinaus zu einem tieferen Verständnis des eigenen politischen Handelns zu gelangen. Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen sollten gemeinsam in einem Dialog an Problemlösung arbeiten. Eigenständiges Lernen dient hier als Methode der Wissensaneignung.

Forschungsprozess im Bildungsprozess

Auch die Gewerkschaftsschule des ÖGB versteht sich als Raum für selbstbestimmtes Lernen. Im Rahmen einer zweijährigen Fortbildung sollen Gewerkschaftsmitglieder neben Sachkompetenzen und sozialen Fähigkeiten auch persönliche Kompetenzen entwickeln und zur selbstständigen Wissensproduktion befähigt werden.
Eigenständige Themen- und Projektarbeiten zu selbst gewählten Fragestellungen einerseits und die Vermittlung grundlegender Informationen und Kommunikation in den insgesamt 373 Lerneinheiten andererseits, ermöglichen, so Johanna Wiplinger (ÖGB Gewerkschaftsschule), eine Zusammenführung von Bildungs- und Forschungsprozessen.

Lehrende und Lernende AkteurInnen auf Augenhöhe

Als universitäres Diplomstudium zur sozialwissenschaftlichen Qualifizierung von ArbeitnehmerInnen-VertreterInnen und Leitungskräften von NGOs wurde das Projektstudium von der Arbeiterkammer Oberösterreich in Kooperation mit einer Reihe von Institutionen im In- und Ausland ins Leben gerufen. Die Besonderheiten des Projektes seien, so Erwin Kaiser (AK Jägermayrhof), neben dem zu Grunde liegenden emanzipatorischen Bildungsverständnis und der Zielgruppe auch die organisatorischen Rahmenbedingungen des sechssemestrigen Studiengangs.

Den Ausgangspunkt der Forschung, erläutert Kaiser weiter, markieren die beruflichen und lebenspraktischen Erfahrung der Lernenden, die im Zuge des Forschungsprozesses reflektiert, analysiert und systematisiert werden sollen. Ziel von Lehrenden und Lernenden als AkteurInnen auf Augenhöhe ist die gemeinsame Erarbeitung handlungsrelevanten Wissens zur Veränderung sozialer Realität.

Im Anschluss an die Präsentationen wurde die Tauglichkeit der vorgestellten Projekte und verwendeten Konzepte in Kleingruppen diskutiert und Fragen für die abschließende Diskussion formuliert.

Wunsch nach Fortführung des Dialogs

Tragen die vorgestellten Modelle zur Volksbildung bei? Wie mobilisiert man Menschen, von sich aus aktiv zu werden? Treffen sich die Ansprüche von Lehrenden und Lernenden? Bedürfen Begriffe wie Theorie, Forschung und Bildung einer engeren Definition? Was sind die Ziele von Wissenschaft und Bildung? Wie können langfristige Bildungsprozesse mit einem vorantreibenden Zeitgeist vereinbart werden?

Angesichts der Fülle an aufkommenden Fragen und der knapp bemessenen Zeit gegen Ende der Oficina wurde der Wunsch nach einer Fortführung des begonnen Dialogs im Rahmen weiterer Treffen laut.

Ein Ziel der VeranstalterInnen schien also erreicht: Menschen hatten gemeinsam problemformulierende Bildungsarbeit betrieben. Fortsetzung folgt!

Der Autor ist Student der Internationalen Entwicklung und Praktikant des Paulo Freire-Zentrums.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.