„EKATA“ heißt „gemeinsam“ – auf den Spuren Paulo Freires in Bangladesch

Was haben „Empowerment“-Prozesse städtischer Randgruppen in der Metropole Dhaka mit Freires Ideen der Alphabetisierung aus Brasilien gemeinsam? Bericht von einer Projektreise nach Bangladesch.Bunte Poster schmücken die metallenen Wände der Wellblechhütte das Gesicht einer Frau umrahmt von Sprechblasen; ein Poster, das eine farbenfrohe Leiter aus Sätzen darstellt; ein Baum, der Wörter als Wurzeln und Früchte trägt sowie eine Tabelle, die aussieht wie ein Plan. Leider kann ich kein Bangla lesen, aber die Gruppe junger Mädchen, die sich an diesem Abend in dem Raum versammelt hat, erklärt mir, worum es sich handelt. Das Poster mit dem Baum ist eine Situationsanalyse: Während die Wurzeln Schwierigkeiten darstellen, sind die Früchte ihre Erwartungen und Wünsche. Die Wolken rund um den Baum bezeichnen Ressourcen in ihrem Umfeld, wie etwa ein Gesundheitszentrum, eine Schule oder die Moschee. Das Poster mit der Frau ist die advanced woman eine Frau, wie die jungen Mädchen selbst gern sein möchten, stark und unabhängig. Die sogenannte ladder of aspirations stellt Schritte zu dieser Ermächtigung dar, wie etwa die Entscheidungsmacht über ihr Einkommen, eine verbesserte Wohnsituation und gleich auf der ersten Sprosse Lesen und Schreiben lernen.  

Bangladesch2.jpg

Mitglieder einer EKATA-Gruppe im Rahmen des SEEMA-Projekts; Foto: Katharina Auer

Lernen unter schwierigen Bedingungen

Aus diesem Grund sind die Mädchen hier versammelt, obwohl sie an dem Tag schon mindestens zehn Stunden harte Arbeit hinter sich haben. Sie sind Textilarbeiterinnen, manche kaum älter als zehn und Teil des Projekts SEEMA (Solidarity and Empowerment through Education, Motivation and Awareness, finanziert durch die Europäische Union, die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit und CARE), im Rahmen dessen CARE für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen eintritt.

Wir befinden uns im Slum Mullah in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Der Name stammt von dem Besitzer des Grundstücks, der die Wellblechhütten zu vergleichsweise stattlichen Preisen an die rund 2.500 BewohnerInnen vermietet sie sind gleichzeitig seine finanzielle und politische Absicherung. Wem die Stimmen in der nächsten Wahl gehören, ist hier unumstritten. Die meisten der Mädchen erzählen mir, dass sie im Slum leben, einige mit Arbeitskolleginnen, andere mit ihrer Familie. Auf einem weiteren bunt gestalteten Poster, der sozialen Landkarte, sind die wichtigsten Orientierungspunkte im Slum und die Vielzahl an angrenzenden Textilfabriken zu erkennen. Durch das gemeinsame Erstellen der Landkarte werden Ressourcen ebenso wie Hindernisse identifiziert. Erfahrungen aus dem gemeinsamen Lebensraum, wie etwa die Gefahr sexueller Übergriffe in bestimmten abgelegenen Gassen, werden ausgetauscht.

Aktiv die Welt lesen lernen

In den Alphabetisierungskursen werden  Bücher verwendet, die von MitarbeiterInnen des Projekts erstellt wurden und  Lesen und Schreiben auf eine einfache, lebensnahe Art vermitteln. Jede Seite lehrt einen Buchstaben und baut daraus Silben, Wörter und schließlich Sätze, mit Begriffen aus dem nahen sozialen Umfeld Schere, Stoff, Hose, Supervisor, etc. Ich muss an Paulo Freires Ansatz denken, der Alphabetisierung als die Welt lesen lernen verstanden hat. Bewundernswerte Energie nach einem langen Arbeitstag!

Es ist nicht nur die Kombination aus Alphabetisierung und Analyse des sozialen Umfelds, die stark an Freire erinnert, sondern auch der Schritt von der gemeinsamen Reflexion zum Handeln und der Austausch darüber. Die Tabelle auf dem Poster an der Wand stellt einen Aktionsplan dar, den die Gruppe gemeinsam beschlossen hat. Neben Lesen und Schreiben geht es auch darum, über Arbeitsrechte Bescheid zu wissen sowie ermächtigende Kommunikation und Konfliktlösung im Arbeitsalltag zu erlernen. Auch Schneiderei-Lehrgänge für den beruflichen Aufstieg oder die Selbständigkeit werden vermittelt.

Die Zentren heißen EKATA, gemeinsam auf Bangla, und gehen auf jahrelange Erfahrung von CARE in Bangladesch mit Methoden des praxisnahen Lernens in Verbindung mit sozialen Ermächtigungsprozessen zurück. Ich frage das Projektteam, wie sie die Verbindung zu Freire sehen. Ja, Pädagogik der Unterdrückten und Freires Ideen seien sehr inspirierend für ihre tägliche Arbeit. Die Methode der Alphabetisierung selber hätten sie allerdings stark an den lokalen Kontext angepasst.

Bangladesch1.jpg

Textilfabrik in Dhaka; Foto: Katharina Auer

Ermächtigung für ein respektvolles soziales Umfeld

Viele der Mädchen und Frauen fühlen sich zwar wirtschaftlich durch ihr eigenes Einkommen ermächtigt, haben aber wenig Möglichkeiten, außerhalb der Textilbranche und dessen menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Jobs zu finden. Abgesehen von dem Mangel an Angebot, ist der einzelne Schritt in der langen Produktionskette, z.B. das Annähen einer Hosentasche, keine Fähigkeit, die man leicht in einen anderen Beruf übertragen könnte. Außerdem bestimmen viele Frauen über ihr Einkommen nicht selber, da dies oft männlichen Haushaltsmitgliedern vorbehalten ist. Trotz ihrer harten Erwerbsarbeit sind sie daher eine der am stärksten marginalisierten Gruppen in Dhaka. Obwohl in Bangladesch über zwei Millionen Mädchen und Frauen in der Textilbranche arbeiten, gelten sie immer noch als leichte Mädchen. Das hängt damit zusammen, dass traditionelle Geschlechterrollen Frauen an den Haushalt binden, während TextilarbeiterInnen aufgrund der langen Arbeitszeiten oft ohne männliche Begleitung spätabends in der Stadt unterwegs sind.

Ermächtigung bedeutet die Veränderung der Beziehung zwischen Mächtigeren und Machtloseren. Freire spricht von der Aufhebung von Unterdrückern und Unterdrückten durch einen dialogischen Prozess. Im SEEMA Projekt wird aus diesem Grund nicht nur mit Mädchen- bzw. Frauengruppen gearbeitet sondern auch mit Fabriksbesitzern, GewerkschafterInnen, VermieterInnen, lokalen Eliten sowie mastaans (lokale starke Männer). Dabei geht es neben der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Fabrik auch um eine Veränderung der Einstellungen zum Wert der Textilarbeit in der Gesellschaft sowie der Geschlechterrollen, um auch außerhalb der Fabrik ein respektvolles soziales Umfeld zu schaffen. Während die Mädchen den nötigen Enthusiasmus für Veränderung mitbringen und Projekte wie SEEMA einen wichtigen Beitrag für gerechtere Lebens- und Arbeitsbedingungen leisten, muss letztlich das Respektieren von Arbeits- und Menschenrechten von Regierungen und Firmen eingefordert werden von uns allen.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und arbeitet bei CARE. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.