Einsprachigkeit ist heilbar

Unter diesem Motto stand die Tagung mehr.sprachen. Der Nutzen von Mehrsprachigkeit auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. am 22. und 23. April 2010. Ziel war, Mehrsprachigkeit mehr Aufmerksamkeit zu schenken und damit Wege für eine solidarischere und flexiblere Gesellschaft vorzuschlagen.

Dass Mehrsprachigkeit wichtig ist, darüber waren sich die TeilnehmerInnen der Tagung in der Volkshochschule Ottakring grundsätzlich einig. In der Öffentlichkeit wird ihr Wert jedoch oft ignoriert, was vor allem in der (Migrations-)Politik immer wieder zu Willkür und Diskriminierungen im Bereich der Sprache führt. Davon ausgehend identifizierten die OrganisatorInnen als wichtigste Aufgaben der Tagung, einen Raum für Auseinandersetzung zu ermöglichen, Best Practice-Beispiele ausfindig zu machen und zu diskutieren sowie Öffentlichkeit für das Thema Mehrsprachigkeit im Alltag zu schaffen. Mario Rieder, Geschäftsführer der Wiener Volkshochschulen, betonte, dass Überzeugungsarbeit wichtig, gleichzeitig aber auch eine inhaltliche Beschäftigung mit der Umsetzung von Mehrsprachigkeit von Nöten sei.

In diesem Sinne organisierten das Kompetenzzentrum Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kommunikation, das Kompetenzzentrum Migration sowie das Jugendbildungszentrum (JUBIZ) der Wiener Volkshochschulen zwei Vorträge über Chancen und Nutzen von Mehrsprachigkeit, gehalten von Klaus-Börge Boeckmann und Inci Dirim der Universität Wien. An den beiden Nachmittagen hatten die TagungsteilnehmerInnen die Möglichkeit, in thematischen Workshops spezifische Fragen zu stellen.



Der Mehrwert von Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit hatte lange Zeit einen schlechten Ruf in den Wissenschaften, so Boeckmann. Sie wurde als suspekt und gefährlich gesehen, da sie angeblich Neurosen und Passivität förderte, sprachliche Unsicherheit und Armut des Wortschatzes mit sich brachte sowie den Ausschluss aus einer geistigen Gemeinschaft zur Folge hatte. Entgegen dieser und anderer Verteufelungen brachte Boeckmann Argumente, die den Mehrwert von Mehrsprachigkeit hervorhuben: kognitive Flexibilität, Abstraktionsvermögen, Möglichkeit zum sprachlichen, kulturellen und konzeptuellen Transfer, Kreativität, unabhängiges Denken, Toleranz etc. Seiner Meinung nach ist es wichtig, bei Mehrsprachigkeit immer den dynamischen und zweckgebundenen Charakter zu betonen. Der Vortragende endete mit Vorschlägen für Wege zum individuellen sowie gesamtgesellschaftlichen Sprachenerwerb. Er plädierte für einen größeren Fokus auf Sprachen, die aktiv im Umfeld verwendet werden und klagte in diesem Zusammenhang an, dass sowohl als eigene Fächer, als auch im fächerübergreifenden Unterricht in Österreich fast ausschließlich Englisch gelehrt wird. MigrantInnensprachen wie Türkisch, Albanisch, Bosnisch etc. blieben meist außen vor.



Mehr Respekt für MigrantInnensprachen

Im Gegensatz zum Vortag, handelte der zweite Tag der Veranstaltung vermehrt von konfliktreichen Themen im Feld der Mehrsprachigkeit. Dabei stand die Kritik an der aktuellen Migrations- sowie der selektiven Bildungspolitik in Österreich im Vordergrund. Im Rahmen des einführenden Vortrags, der nachmittäglichen Workshops sowie der anschließenden Podiumsdiskussion wurde eine Reformation des österreichischen Schulsystems in Hinblick auf den großen und steigenden MigrantInnenanteil gefordert. Inci Dirim plädierte für mehr Toleranz gegenüber sprachlichen Veränderungen, der Verwendung von mehreren Sprachen im Alltag und dem so genannten Ethnolekt (kreative Sprachmischungen). Sie zeigte auf, dass eben diese Arbeit mit den Sprachen viele positive Auswirkungen hat und nicht nur fehlerfreies Deutsch ein Zeichen für Integration oder Zugehörigkeit ist.

Da das gesamte Bildungssystem nicht von heute auf morgen verändert werden kann, sind zusätzliche Maßnahmen im Kampf für eine sprachensensiblere Gesellschaft notwendig so der Tenor der Fachtagung. Die Volkshochschulen sehen es zum Beispiel als ihre Aufgabe, die Missstände zu kompensieren und ihrerseits einen Beitrag zur Auflösung der Klassengesellschaft zu leisten. Als positives Beispiel diesbezüglich präsentierte sich das JUBIZ, das mit Dynamo ein kooperatives Projekt geschaffen hat, das sich für die Integration von MigrantInnen im Bildungssystem sowie am Arbeitsmarkt einsetzt. Das Projekt versucht, gegenüber den spezifischen Kompetenzen von Jugendlichen offen zu sein und sie dabei zu unterstützen, diese gezielt einzusetzen.

Kommentar

Die Tagung war im Großen und Ganzen gut aufgebaut und thematisch interessant gestaltet, was sich auch im regen Zulauf (vor allem am Freitag) spiegelte. Jedoch blieb sie bis zum Schluss eine Wohlfühlveranstaltung ohne tiefere kritische Auseinandersetzungen. Am Donnerstag wurde hauptsächlich betont, wie wichtig und schön Mehrsprachigkeit sei, womit die TeilnehmerInnen offensichtlich alle einverstanden waren. Zwar wurden am zweiten Veranstaltungstag Konflikte und Schwierigkeiten thematisiert, die Grundstimmung im Saal blieb aber harmonisch. Vor allem in der Podiumsdiskussion wären DiskutantInnen mit unterschiedlichen Positionen und konträren Meinungen für eine differenziertere Auseinandersetzung wünschenswert gewesen. Stattdessen wurden Fragen beantwortet und die Workshops zusammengefasst, wodurch das Tagungsende leider etwas oberflächlich blieb. Es kam kaum eine Diskussion weder zwischen den Podiumsgästen, noch mit dem Publikum zustande.

In jedem Fall gelang es den TagungsteilnehmerInnen aber, den etwas einseitigen Grundtenor mit Handlungsoptionen zu verbinden. So schlossen sie die Veranstaltung mit konstruktiven Kritikpunkten am österreichischen Bildungssystem sowie der Migrationspolitik ab und gaben Vorschläge für deren Verbesserung. Es wundert nicht, dass zusätzliche bzw. alternative Maßnahmen hauptsächlich in den Volkshochschulen angesiedelt wurden, jedoch bleibt offen, was auch außerhalb dieser Einrichtung getan werden kann. Kaum erwähnt wurden andere Institutionen, die Beiträge zu Mehrsprachigkeit und einer respektvolleren Gesellschaft leisten.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.