Eine Stadt zwei Welten

Wien ist eine reiche Stadt, die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien strebt an, eine der führenden Business Schools Europas zu werden. Doch es gibt auch andere Lebenswirklichkeiten in Wien.In zwei Lehrveranstaltungen war eine Gruppe von Studierenden der Wirtschaftsuniversität unter Leitung von Andreas Novy und Lukas Lengauer im Rahmen eines Forschungsseminars zu Gast in der Kooperativen Mittelschule Schopenhauerstrasse 79 (KMS18). Es war für viele Studierende wie der Besuch in einer anderen Welt, hatten doch die meisten vorher noch keinen Kontakt zu Hauptschulen oder HauptschülerInnen.

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Die
Organisatoren des Seminars Lukas Lengauer und Andreas Novy (v.l.n.r.)
und Hauptschüler der KMS 18 beim Erkunden der virtuellen
Wirtschaftsuniversität. (Photos: Veronika Gruber)

Beim dritten gemeinsamen Projekt "Hauptschule trifft Hochschule" zum Thema Dialog und Konflikt der Kulturen wurde die WU erstmals zur Gastgeberin. Am 20. Mai 2008 konnten nun SchülerInnen das universitäre Leben der WU in Augenschein nehmen. Obwohl kaum drei Kilometer von der Schule entfernt, hatte noch kaum eines der Kinder vorher eine Universität betreten.



Find the teachers: HauptschülerInnen,
StudentInnen und LehrerInnen beim Besuch an der Wirtschaftsuniversität.
(Photo: Veronika Gruber)

Bevor die WU in Kleingruppen erkundet wurde, erfuhren die SchülerInnen und LehrerInnen in kurzen Vorträgen mehr über die WU. Respektvoll, wie sich dies gegenüber Delegationen anderer Bildungseinrichtungen gebührt, wurden die jungen Gäste von den WU-Verantwortlichen empfangen. Der Vorstand des Instituts für Regional- und Umweltwirtschaft, Franz Tödtling, betonte das Interesse und die Freude an dieser unkonventionellen Partnerschaft von Haupt- und Hochschule.

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Franz Tödtling beim Besuch der KMS 18 an der Wirtschaftsuniversität Wien. (Photos: Veronika Gruber)
Ute Steffl vom Vizerektorat für Lehre erläuterte die Voraussetzungen, um auf der Wirtschaftsuniversität zu studieren, sowie das derzeitige Studienangebot. Brigitte Parnigoni von der Personalabteilung brachte den SchülerInnen die WU als Arbeitsplatz nahe, indem sie die Beschäftigungsmöglichkeiten darstellte, die von Lohnverrechnung über das Sekretariat bis zu IT-TechnikerInnen reichen.

Viele Matrikelnummern, aber kein Hausmeister

Die SchülerInnen staunten, dass es "Matrikelnummern" und "Studienabschnitte", aber keine fixen Klassen und Schularbeiten gibt. Schon bald kamen Fragen wie "Habt ihr auch Hausübungen zu machen?" oder "Habt ihr auch einen Hausmeister?". Begeistert waren die SchülerInnen von der Art und Weise des Applaudierens der StudentInnen nach jedem Vortrag. Nachdem sie zuerst irritiert wirkten, wurde die Methode des auf den Tisch Klopfens sofort adaptiert und bei den Folgevorträgen ohne Zögern, mit großem Lärm und nachhaltig durchgeführt. Zu einem Besuch an der WU gehört es, auch den größten Hörsaal, das Audimax, zu besuchen.


Die HauptschülerInnen der KMS 18 in einem Hörsaal der WU … (Photo: Veronika Gruber)

Spätestens hier wurden den SchülerInnen die unterschiedlichen "Klassendimensionen" einer Universität zu den schulischen Gegebenheiten vor Augen geführt. Auch dass ein Professor mit einem Mikrofon vor den StudentInnen spricht, war den SchülerInnen fremd.

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… (Photos: Veronika Gruber)

Im Anschluss war es für die SchülerInnen an der Zeit, die WU in Kleingruppen mit einzelnen StudentInnen selbst zu erkunden. Herauszufinden galt es dabei auch wie eine Universität aufgebaut ist und was sie von einer Schule unterscheidet. Dabei stolperten die SchülerInnen über die einzelnen Institute oder die doch etwas gewöhnungsbedürftige Aufteilung der WU in die Kerne A, B, C und D. Ein Zurechtfinden und Nichtverirren war für einige SchülerInnen unvorstellbar. Erstaunen zeigte sich über die Matrikelnummern, die weit mehr als Identifizierung dient als der Name selbst. Eine gänzlich andere Gepflogenheit als das Ansprechen der SchülerInnen beim Vornamen wie es in Schulen praktiziert wird.

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… (Photos: Veronika Gruber)

Schließlich wurde die Annahme, dass jedeR Studierende automatisch einen Stundenplan zugewiesen bekommt, mit dem Hinweis auf die (freie) Wahlmöglichkeit von unterschiedlichen Kursen widerlegt. Dabei wurde den SchülerInnen erklärt, dass die Studierenden auf der WU beispielsweise nicht vier Jahre hindurch das Fach Mathematik haben, sondern vielmehr von einzelnen Kursen gesprochen wird, die sich alle grundlegend von einander unterscheiden.

Dass die WU nicht nur ein Ort des Lernens ist, wurde den SchülerInnen durch das Führen zu den Lieblingsplätzen der Studierenden gezeigt. Ganz populär war dabei die Aussicht aus dem 5. Stock des Hauptgebäudes der WU, wo man über einen Großteil Wiens sieht. Dabei wurde gemeinsam nach dem ungefähren Standort der Schule im 18. Bezirk gesucht. Er war ganz weit weg, fast aus dem Blickfeld der WU. Reges Interesse wurde von allen SchülerInnen am Besuch der Bibliothek gezeigt. Beim Themenbereich Länder und EU schauten sich die SchülerInnen die einzelnen Bücher durch, wobei vor allem die wirklich großen und dicken Bücher für sie von Interesse waren. Immer wieder faszinierten vor allem die Bücher und Zeitschriften in der jeweiligen Muttersprache, die Russen oder Serbinnen in Österreich sonst nur selten zu Gesicht bekommen. Erstaunen zeigte eine Schülerin über das Fehlen von bunten Bildern in den Büchern. Ihr wurde folglich erklärt, dass in diesen Länderbüchern vor allem die Politik, die Unternehmensstruktur oder die Geschichte dargebracht werden.

Ist es gefährlich, sich dazusetzen?

Ein weiterer Platz, der das StudentInnenleben wohl kaum besser repräsentieren kann, ist die Mensa, jener Ort, an dem um die Mittagszeit unzählige StudentInnen zum Essen zusammenkommen. Um den BesucherInnen diese "Esskultur" nahe zu bringen wurden zum Abschluss alle SchülerInnen und Lehrkräfte zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Obwohl die Auswahl eingeschränkt war, und weder MacDonalds noch Kebab am Speisezettel stand, berichteten viele SchülerInnen vom Mensaessen als Highlight der Exkursion in einen bis dahin unbekannten Teil ihrer Heimatstadt. Ein stückweit können sich die HauptschülerInnen nun vorstellen, was es heißt zu studieren. Brücken entstehen und Welten kommen einander näher. Ein Mädchen nahm eine Studentin zur Seite und sagte: "Eigentlich interessiert mich das Studieren schon. Aber sag es bitte nicht meinen Klassenkolleginnen." Die eigene Welt zu verlassen, ist nicht leicht und erfordert Mut. Und es erfordert auch Offenheit und den Abbau von Vorurteilen. Als ein WU-Student, der nicht am Seminar teilnahm, die vielen SchülerInnen sah, fragte er: "Was ist hier los?" "Das ist eine Gruppe von HauptschülerInnen, die die WU besucht", antwortete jemand. "Ist es gefährlich, sich dazusetzen?", scherzte der junge Mann. Eine Stadt zwei Welten.

Anna Kaissl und Jennifer Ziegler studieren Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien und sind Praktikantinnen des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.