Eine Begegnung mit Paulo Freire in Berlin

Das Paulo Freire Institut in Berlin organisierte vom 19. bis 21.
Oktober 2007 das Symposium "Von befreiender Bildungsarbeit zur Pädagogik
der Autonomie. Eine Begegnung mit Paulo Freire heute."

"Dialog ist keine Technik, sondern ein ontologisches Prinzip", stellte Oscar Jara, Volksbildner aus Costa Rica, in Rückbezug auf Paulo Freire bei der Eröffnung des Symposiums fest. Dieser Satz sollte ein Leitmotiv für das Wochenende werden. Dem Volksbildner zufolge sei der Dialog also eine Voraussetzung, dass der Mensch in der Gesellschaft als Mensch leben kann. Ziel von (Volks)bildung nach Paulo Freire müsse es somit sein, so Jara, den Dialog zum Grundprinzip jedes menschlichen Zusammenlebens zu machen. Diese Annahme bildete das verbindende Element der einzelnen Beiträge dieser Tagung. Davon abgesehen war an diesem Wochenende eher die Vielfalt an unterschiedlichen Themen, Vorträgen, Workshops und Menschen vorrangig. Bei manchen Beiträgen mussten sich die TeilnehmerInnen Mühe geben, um die Verbindung zu Paulo Freire überhaupt nachvollziehen zu können. Neben Vorträgen zu Systematisierung von Erfahrungen in der Volksbildung in Zentralamerika und der aktuellen Rezeption von Paulo Freire in Brasilien, gab es eine Buchvorstellung von im Herbst 2007 im Waxmann Verlag auf Deutsch erschienenen Textsammlungen aus dem Spätwerk von Paulo Freire. Diese Beiträge wurden durch Workshops ergänzt, in denen die LeiterInnen konkrete Projekte vorstellten, bei denen im weitesten Sinne mit einer, von Paulo Freire inspirierten, dialogischen Herangehensweise gearbeitet wurde. Die ausgedehnten Café-Pausen wie auch das Sonntagsprogramm der Tagung galten dem Austausch und der Vernetzung der teilnehmenden Personen, Gruppen und Institutionen. Paulo Freire und sein Werk waren bei dieser Tagung eher Quelle der Inspiration, als Gegenstand der Auseinandersetzung.

Tag 1

Ein reges Treiben fand ich bei meiner Ankunft zur Paulo Freire Tagung vor. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und, wie sich später herausstellte, auch unterschiedlicher Arbeitsbereiche scharten sich um ein Buffet. Im auf die Eröffnung folgenden Workshop berichtete Marina Grasse von Biographiewerkstätten, in denen sie mit 500 Frauen aus ehemaligen staatssozialistischen Ländern arbeitete. Grasse war selbst in der DDR aufgewachsen und gehörte der letzten demokratisch gewählten DDR-Regierung als Gleichstellungsbeauftragte an. In den von ihr vorgestellten Biographiewerkstätten identifizierten die Frauen eine "Kultur des Schweigens", die deren Alltag dominierte. Als Ursache erkannten diese die fehlende Möglichkeit für Frauen bei politischen, wie auch privaten Entscheidungen Gehör zu finden. Zu diesem Ergebnis kamen sie nach der gemeinsam Analyse ihrer individuellen Biographien und deren Kontextualisierung in der Geschichte des gesellschaftlichen Wandels in den entsprechenden Zeitabschnitten. Diese Analyse bietet für die Frauen einen Anknüpfungspunkt, um sich diese Geschichte als ihre eigene anzueignen, und daraus ein aktives Bedürfnis zur Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen zu entwickeln. Im Anschluss an die Darstellung der Biographiewerkstätten versuchte Grasse mit WorkshopteilnehmerInnen persönliche Ereignisse in deren Biographien und damit verbundene politische Ereignisse herauszuarbeiten und zu diskutieren.

Den abschliessenden Hauptvortrag des ersten Tages gestaltete Oscar Jara aus Costa Rica. Darin legte er die Bedeutung und die Möglichkeiten der Systematisierung der Erfahrungen aller am Bildungsprozess Beteiligten dar.

Tag 2

Am Morgen beteiligte ich mich an einem Workshop, in dem Ilse Schimpf-Herken und Stefan Marks ihre Arbeit zum Thema "Kultur des Schweigens – Kultur der Beschämung" vorstellten. Erstere arbeitete mit Menschen, die in den Bürgerkrieg in Guatemala involviert waren, zweiterer mit ehemaligen Mitgliedern der SS. Beide interessierten die psychosozialen Grundlagen und Folgen von Völkermorden, auf der Täter- wie auf der Opferseite. Sie identifizierten in beiden Untersuchungen, bei der indigenen Bevölkerung in Guatemala wie bei ehemaligen Mitgliedern der SS in Deutschland eine Kultur der Beschämung. In ihrer Arbeit versuchten Schimpf-Herken und Marks diese Schamerfahrungen in einem, nur ansatzweise erläuterten, dialogischen Prozess mit den Betroffenen zu bearbeiten. Die Konzentration auf die psychologische Dimensionen im Vergleich der beiden Erfahrungen von Völkermord, sowie die Erklärung der Ursachen und Folgen von Völkermord aus Opfer- und Tätersicht durch das Konzept einer "Kultur der Scham" erschien etwas schematisch und eindimensional.

Der Hauptvortrag dieses Tages beschäftigte sich mit dem Spätwerk Paulo Freires, insbesondere mit der Pädagogik der Autonomie. Dirk Osselmann und Oscar Jara arbeiteten anhand aktueller Beispiele aus Brasilien und Zentralamerika die zentrale Bedeutung der Demokratisierung als revolutionären Prozess und damit Ziel befreiender Bildung heraus. In Brasilien sei die Pädagogik der Autonomie Freires ein Wegweiser für die Demokratisierung der Schulen wie der gesamten Kultur. Es gebe dort allerdings auch eine dogmatische Rezeption Freires, die zur Verfestigung von Dominanzverhältnissen innerhalb progressiver politischer Bewegungen führe. Deshalb warnte Oscar Jara davor, die Pädagogik der Autonomie als Kochrezept zu verstehen, sondern diese vielmehr als "Inspiration, um herauszufinden was man kochen will" anzusehen.

Tag 3

Der letzte Tag des Freire-Symposiums war der Vernetzung der teilnehmenden Gruppen und Organisationen gewidmet. Es kristallisierte sich dabei der Wunsch heraus, die Erfahrungen aus der Arbeit der einzelnen Gruppen zu systematisieren und gemeinsam zu reflektieren, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Dies solle auch als Ziel für ein weiteres Treffen im nächsten Jahr dienen.

Der Autor studiert Soziologie an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.