Es gibt Menschen, die strahlen eine derartig positive Energie aus, dass sie mit ihren Geschichten, Erfahrungen und Erkenntnissen in ihrem Umfeld Optimismus, Motivation, ja Inspiration verbreiten können. Diplompädagogin Elisabeth Marie Mars aus Münster ist eine von ihnen.In einem Anfall von Wut und Frustration flüchtete sie aus der Wissenschaftskarriere und gründete 1990 auf eigene Faust die Arbeitsstelle Weltbilder. Denn Wissen alleine reiche nicht für das Lernen. Die zentrale Frage drehe sich um das Wie. Mit welchen Methoden wird Wissen vermittelt? So berichtete Elisabeth Mars am Freitag, den 9. März 2012, in Salzburg von den Anfängen der Arbeitsstelle Weltbilder, eine Fachstelle für Interkulturelle Pädagogik und Globales Lernen, die sich mit der Entwicklung kreativer und ganzheitlicher Methoden beschäftigt.
In den letzten 20 Jahren hat Mars einige phantasievolle Projekte auf die Beine gestellt. Ihre Erkenntnisse der vergangenen Jahre präsentierte sie in Form von zehn Thesen. Auch wenn diese nicht alle komplett neuartig sind, so zeichnen sie sich doch durch überzeugende Dichte und eine einprägsame Klarheit aus, die manch Kompliziertes auf den Punkt bringt.
Vom Zusammenhang biologischer und kultureller Vielfalt
Stirbt die Welt, stirbt auch der Mensch, so Mars ganz knapp. Entwicklung und Umwelt könne man nicht voneinander trennen. Neben Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe stellen auch Artenvielfalt und eine intakte Umwelt Grundvoraussetzungen jeder menschlichen Tätigkeit dar. In ihrem neuen Buch global patrioten wird eine der Auswirkungen der Globalisierung thematisiert: die drohende kulturelle und natürliche Monokultur. Mit dem fortschreitenden Rückgang der natürlichen Vielfalt stelle sich die Frage nach dem Verbleib der kulturellen Diversität. Um Vielfalt zu erhalten, brauche es neue Formen des Denkens und Handelns sowie eine neue Lernkultur.
Jede Veränderung beginnt mit einem Gedanken
Ein wichtiger Punkt ihrer Ausführungen ist die menschliche Wahrnehmung. Wahrnehmung sei ein Kulturprodukt, das uns nur das sehen lasse, was wir kennen. Menschen würden aber nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper lernen. Der Mensch nehme ja auch seine Umwelt mit dem gesamten Körper wahr. Für diese Sinnesbildung brauche es demnach ganzheitliche Lernformen. Nur so könne sich Gestaltungskompetenz entfalten. Die zentrale Frage in ihrer Arbeit ist die Entstehung von Weltbildern. Wie sehen Menschen die Welt und ihre eigene Position darin? Wüssten wir mehr über diesen Prozess, brächte es uns mehr Einfluss auf Bildung für nachhaltige Entwicklung und auch den Zustand der Welt. Wie wir die Welt sehen und denken, habe unweigerlich gesellschaftliche Auswirkungen. Denn jede Veränderung in der Welt fange mit einer Idee an und nicht mit einer Tat.
Um sich als Teil eines größeren Ganzen, als Teil der Welt zu erfahren, brauche es Phantasie. Nur so können Zusammenhänge erkannt, Natur und Welt als Teil des eigenen Ichs und nicht als etwas Abstraktes um einen rund herum erlebt werden. Wir müssen selber die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen, so Mars klare Worte. Die bessere Welt brauche es nicht nur draußen, sondern auch in uns selbst. Sie spricht hier von einer besseren Beziehung zur (Um-)Welt, vom selbstständigen Handeln, von Empathie und universeller Liebe: Selbst- und Weltentwicklung zusammendenken im freireanischen Sinne. Die Zukunft der Weltgesellschaft entscheide sich in den eigenen Lebensentwürfen. So seien Entwicklungen oder Fehlentwicklungen nicht als Naturphänomene zu betrachten, sondern von Menschenhand gemacht. Sie seien Ergebnisse der vorherrschenden Konsum- und Wirtschaftsformen.
Neben der Präsentation ihrer theoretischen Erkenntnisse der vergangenen Jahre erzählte Mars auch von ihren reichhaltigen Projekt- und Methodenerfahrungen. Weltbilder beispielsweise ist ein Bildungsprojekt, das Reflexionsräume für Jugendliche schafft, die ein Jahr von einer entwicklungspolitischen Institution organisiert im Ausland verbringen. globalista stellt im nächsten Schritt ein Programm zur Aufarbeitung der gewonnenen Erfahrungen dar, um sich der Frage zu stellen, wie sich das Weltbild der RückkehrerInnen verändert hat. Durch Schreib- und Journalismuswerkstätten, Online-Zeitungen, Lesungen u.a. können Erlebnisse verarbeitet und auch veröffentlicht werden.
Schreiben, kleben, zeichnen
Damit von ganzheitlichem Lernen und methodischer Vielfalt nicht nur gesprochen wird, gab es am nächsten Tag bei einem Methodenworkshop die Möglichkeit, auch in die eine oder andere Methode hineinzuspüren. Mars startete den Samstagmorgen provokativ mit der Aussage: Es ist wichtiger wie wir lernen, als was wir lernen. Im Grunde gehe es vor allem darum, neue Ideen zu generieren. Überall befinden sich Ideenkeime, die es lediglich rauszuschütteln gelte. Eine Technik dafür sei das kreative Schreiben, eine Form der Heuristik, die tief nach innen gehe und Gedanken hervor krame, die anders nicht aufkämen und die man sich oft auch nicht zugetraut hätte. Mars selbst würde jeden Morgen vor dem Aufstehen sieben Minuten ohne Pause schreiben (automatisches Schreiben), um das eigene Weltbild zu erforschen und die eigenen Prioritäten besser kennen zu lernen. Nur wenn man bei sich selbst ankomme, seien auch neue Ideen und damit Veränderungen möglich.
Nach den sieben Minuten automatischen Schreibens führte uns eine weitere Schreibübung die Herausforderung des reinen, nicht interpretierenden Wahrnehmens unserer Umgebung vor Augen. Abschließend war es für uns an der Zeit, unser eigenes Weltbild auf einer Weltkarte mit Kreiden, Stiften und Zeitungsstücken darzustellen. Gar keine so einfache Aufgabe auf die Schnelle, wie sich herausstellte. Allerdings mit Ergebnissen, deren Vielfalt an Zugängen und Umsetzungen beeindruckte.
Die Autorin studierte Kultur- und Sozialanthropologie sowie Portugiesisch und ist eine ehemalige Mitarbeiterin des Paulo Freire Zentrums.
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