Digitalisierung und emanzipatorische Bildung – ein Widerspruch?

Der digitale Wandel prägt unsere Gegenwart wie kaum ein anderes Phänomen. Bereits seit ihrem Anbeginn war die Digitalisierung mit der Hoffnung auf Demokratisierung und die Reduktion von sozialen Ungleichheiten verbunden. Dem gegenüber steht jedoch die zunehmende Unterwerfung digitaler Kommunikationstechnologien unter eine kapitalistische Produktionslogik. Während die Tendenz zur Digitalisierung im Bildungsbereich schon länger zu beobachten war, hat sich dieser Trend spätestens seit dem Beginn der Covid19-Pandemie intensiviert. Das wirft wichtige Fragen auf: Kann digitale Bildung emanzipatorisch sein? Welche Voraussetzungen braucht es dafür? Welche positiven Beispiele gibt es? Wo liegen die Gefahren, und wie kann diesen begegnet werden? Darüber diskutierten die Bildungswissenschaftlerin Rocío Rueda Ortíz, die Rechtsberaterin Dunia Khalil und der Medienkünstler Raphael Perret. Es moderierte Margarita Langthaler (ÖFSE).

Einen interaktiven Einstieg in die Veranstaltung bot eine Umfrage, in der das Publikum nach der eigenen Einschätzung des Potenzials und der Gefahren digitaler Bildung gefragt wurde. Dabei erhielt die These, dass digitale Bildung neue Formen der Kommunikation, Vernetzung und Interaktion ermöglicht, mit 43% der Stimmen die Mehrheit, daraufhin folgte allerdings mit 23% die Auffassung, dass sie die Gefahr standardisierter Lehrprozesse in sich birgt. Bereits in der Einschätzung des Publikums zeigt sich die Ambivalenz der Thematik, die sich durch die gesamte Veranstaltung ziehen sollte. Daraufhin bat Margarita Langthaler die Diskutant*innen, ihre eigene Bildungsarbeit vorzustellen und sich damit thematisch zu positionieren.

Koloniale Kontinuitäten digitalisierter Bildung.

Rocío Rueda Ortíz, die an der Universidad Pedagócia Naciónal in Bogotá (Kolumbien) arbeitet, sprach in ihrem einführenden Beitrag von „dem unvollendeten und paradoxen Projekt der Emanzipation“. Angesichts der Missachtung indigenen Wissens im Kontext des europäischen Projekts der Moderne sei die Frage nach der Emanzipation stets in patriarchale, koloniale und rassistische Strukturen eingebettet. Der Zugang indigener Gruppen zur Bildung wird damit nicht nur zu einer technologischen Herausforderung, sondern zu einem politischen Projekt. Die digitale Alphabetisierung solle nicht zum Selbstzweck werden, sondern müsse sich in die indigenen Kämpfe einbetten. Im Widerspruch dazu stehe jedoch die gegenwärtige Politik der kolumbianischen Regierung. Die starke privatwirtschaftliche Orientierung der staatlichen Bildungseinrichtungen habe den Zugang zu den Institutionen und digitalen Technologien erschwert. Sie fordert deswegen eine staatliche Steuerung des Zugangs zu den Technologien. Das reiche jedoch nicht: „Konnektivität bedeutet nicht gleich Kollektivität“, stellt Rocía Rueda Ortíz fest. Um einen emanzipatorischen Charakter zu haben, müssten sich die digitalen Technologien in indigene Wertevorstellungen einbetten.

Social Media als niederschwelliges Bildungsangebot.

Einen anderen Fokus setzte Dunia Khalil, die als Rechtsberaterin zu den Bereichen Rassismus und Hass tätig ist. Sie praktiziert ihre Bildungsarbeit auf Social Media und versucht damit, eine problematische Lücke des Bildungssystems zu schließen. Das Ziel ihres Engagements ist es, Betroffene von Diskriminierungserfahrungen über ihre Rechte aufzuklären. „Der emanzipatorische Wert von Social Media ist groß“, betont sie aus der Perspektive ihrer Arbeit. Kollektive Bewegungen wie #blacklivesmatter zeigen, dass die Kommunikation über soziale Netzwerke Sichtbarkeit schaffen kann. Die Nutzung digitaler Medien führe zu einer starken Vernetzung zwischen den Nutzer*innen. Sie spricht allerdings auch von einer generationalen Spaltung auf Social Media. Während jüngere Menschen einfach zu erreichen seien, sind ältere Menschen unterrepräsentiert. Sie betont deswegen auch, dass das Internet keineswegs die analoge Erreichbarkeit ersetzen kann. „Die zwischenmenschliche Kommunikation ist bei sensiblen Themen besonders wichtig“, sagt Dunia Khalil. Diese falle im digitalen Setting jedoch weg. Außerdem müsse sie ihre Inhalte auch der digitalen Kommunikationslogik anpassen, sodass sich kurze und kompakte Informationen in den Trend der Beschleunigung und Verkürzung einbetten.

„Vom ‚Do It Yourself‘ zum ‚Undo It Yourself‘“.

Raphael Perret stellte die von ihm entwickelte App vor, die versucht, konkrete Wege digitaler Emanzipation aufzuzeigen. Dabei ging er von seiner Arbeit zum Recycling von E-Waste (dt. Elektroschrott) als letztes Element einer globalen Warenkette in Delhi aus. Die enorm hohen Produktionszahlen elektronischer Geräte werfen die Frage nach deren Wiederverwertung als eine drängende ökologische Problematik der Digitalisierung auf. In Delhi befinde sich eine der Hochburgen des informellen E-Waste-Recycling, wie Raphael Perret mit eindrücklichen Bildern zeigte. Die Arbeit in diesem Sektor ist allerdings nicht ungefährlich. Dadurch, dass bei der Demontage verschiedene giftige Metalle freigesetzt werden können, bedarf es eines spezifischen technologischen Wissens, um eine sichere Arbeitsumgebung zu garantieren. Die von Raphael Perret entwickelte App gibt mittels Comics niederschwellig vermitteltes Wissen zur sicheren Zerlegung von Elektroschrott weiter. „Vom ‚Do It Yourself‘ zum ‚Undo It Yourself‘“ beschreibt er es und spielt damit auch darauf an, dass das Wissen um die Entsorgung elektronischer Geräte auch im globalen Norden nicht hinreichend thematisiert wird. Die App sei besser als Google, denn sie liefere nur ein Ergebnis, das aber zuverlässig sei, berichtete er vom Feedback eines Nutzers. Doch auch Raphael Perret findet kritische Worte zur Digitalisierung. So befinden sich die Nutzer*innen seiner App bereits dadurch in einer paradoxen Situation, dass die Nutzung bereits den Besitz eines Smartphones und die Kenntnis zum Umgang damit voraussetzt. Zudem könne seine App physische Treffen keineswegs ersetzen. „Workshops nehmen für mich noch immer einen zentralen Teil meiner Arbeit ein“, stellt er fest.

Abschlussdiskussion und Fazit.

Die Diskutant*innen hatten alle unterschiedliche Ausgangspunkte in ihrer Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen der Veranstaltung. Das spiegelte sich auch in den Diskussionsbeträgen wider. Rocío Rueda Ortíz hob die kolonialen Kontinuitäten digitaler Technologien hervor, gepaart mit dem Problem der Verfügbarkeit, und betonte die Bedeutung von politischen Kämpfen und Aktivismen bei der Aneignung dieser Technologien. Dunia Khalil fokussierte hingegen stärker auf den vernetzenden Aspekt emanzipatorischer Bildung in den sozialen Medien. Raphael Perret stellte mit der Entwicklung einer App zum sicheren E-Waste-Recycling eine Möglichkeit vor, emanzipatorische Bildung in der digitalen Sphäre konkret umzusetzen.

Alle Referent*innen waren sich jedoch einig, dass die Bildungsarbeit jedenfalls nicht bei dem einseitigen Konsum digitaler Medien stehen bleiben könne: Wichtig sei es, nicht nur Information zu bieten, sondern den Übersetzungsprozess über die Erkenntnis zur Aktion zu vollziehen, konstatierte Raphael Perret. Digitale Bildungsformate könnten dabei durchaus eine Rolle spielen, zeigte er sich überzeugt. Darüber hinaus sind mit der Forderung nach der Zusammenführung von Reflexion und Aktion konkrete Anknüpfungspunkte an die freireanische Befreiungspädagogik denkbar.

Offen blieb jedoch, welche Rolle die Digitalisierung der Bildung im schulischen und universitären Kontext spielt. Die Referent*innen berichteten einstimmig, dass es ihnen schwergefallen ist, ihre pädagogische Arbeit innerhalb des schulischen Umfelds zu positionieren.

Die Veranstaltung stand also unter dem Stern der Ambivalenz. Es wurde deutlich, welche Gefahren und Potenziale die Digitalisierung der Bildung in sich birgt. Während sich über die digitale Kommunikation neue Handlungsspielräume eröffnen, können damit keineswegs physische Interaktionen ersetzt werden. Nicht zuletzt werden auch globale Ungleichheiten in den digitalen Technologien weiter reproduziert. Damit bleibt dies jedenfalls ein Thema, das uns auch angesichts der Covid19-Krise noch lange beschäftigen wird. Das macht die kritische Reflexion aus freireanischer Perspektive umso wichtiger.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Raphael Perret. Er ist Medienkünstler in Zürich, Schweiz. Seine jüngste Publikation ist der „Whole Waste Catalog“ (2021), aus dem auch das Titelbild entstammt.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Globale Ungleichheiten.