Paulo Padilha, Erich Hackl und Tina Leisch diskutierten bei der dritten und letzten Veranstaltung zum 10-jährigen Jubiläum des Paulo Freire Zentrums am Freitagabend, den 16.05.2014, in der Hauptbücherei Wien vor ca. 50 TeilnehmerInnen über das Lesen und über Sinn und Unsinn der Kunst in der heutigen Welt.
Lesen, um Hoffnung zu haben
Nach einer Begrüßung von Gerald Faschingeder fragte die Moderatorin Margarita Langthaler (ÖFSE) Paulo Padilha (Instituto Paulo Freire, Sao Paulo), wie er „lesen“ in umfassendem Sinne verstehe. Padilha sprach zunächst über unterschiedliche Formen des Analphabetismus – neben dem schriftlichen gebe es auch den digitalen, kulturellen, sexuellen etc. Analphabetismus. Damit meine er Unwissen und Unfähigkeiten in diesen Bereichen, die einen daran hindern, die Realität zu erfassen. Um dieses Unwissen zu überwinden, sei die Fähigkeit, „die Welt zu lesen“ grundlegend. Lesen eröffne andere Perspektiven und könne einem zeigen, wie schön die Welt sei. Lesen bedeute auch, das eigene Leben zu lesen. Das heiße, zu begreifen, wie unser Leben in diesem konkreten Moment aussieht und die momentane Situation im Kontext unserer Lebensgeschichte(n) zu verstehen. Über das Lesen des eigenen Lebens komme man zum Lesen der Welt. Das heiße soziale, ethische, kulturelle, politische, etc. Aspekte der uns umgebenden Realität kennenzulernen und die lokalen, globalen und glokalen Zusammenhänge zu begreifen. Für Padilha kann die Kunst ein Mittel sein, um an eine bessere Welt zu denken und dem Leben jedes Menschen mehr Würde zu verleihen. Seine eingebauten Musikbeiträge ließen die ZuhörerInnen ganz praktisch erfahren, welche Wirkung Kunst haben kann.
Literatur der Ermächtigung?
Der Schriftsteller Erich Hackl reflektierte auf die Nachfrage von Langthaler über seine Form des Schreibens, und ob es parallel zu einer Pädagogik der Ermächtigung auch eine Literatur der Ermächtigung gebe.
Zunächst betonte Hackl, dass das Schreiben ein einsamer Prozess sei, in dem ein Dialog nur in begrenztem Maße möglich sei. Darin sehe er auch einen grundlegenden Unterschied zur Pädagogik, die ja gerade Interaktion und Dialog beinhalte(n sollte). Er selbst versuche dieser Einsamkeit durch seine besondere Art des Schreibens zu begegnen: Er schreibe nur über wahre Begebenheiten, meist Widerstandsgeschichten. Er gehe auf die Menschen zu, über die er schreibe und sehe diese nicht „nur“ als InformantInnen, sondern als GestalterInnen ihrer Geschichte(n).
Beispiele für eine Literatur der Ermächtigung weisen laut Hackl nach Lateinamerika, wie etwa die Testimonio-Literatur, die Dichterwerkstätten in Nicaragua, sowie einige indigene SchriftstellerInnen. Diese Literatur der Ermächtigung sei in einem Kontext der Revolution entstanden. In Österreich, das Hackl im Gegensatz dazu als reaktionär wahrnehme, sei es deshalb schwierig, Vergleichbares zu schaffen.
Probleme und Chancen einer Kunst der Ermächtigung
Kann Kunst ermächtigen? Tina Leisch (Film-, Text- und Theaterarbeiterin) stellte in ihrem Beitrag klar, dass es ein weitverbreitetes Missverständnis wäre, Kunst per se als emanzipatorisch zu begreifen. Der Großteil künstlerischen Schaffens diene dazu, bestehende (Macht-)Strukturen aufrecht zu erhalten und Menschen zu verblöden. Bei einem Schüler Augusto Boals hätte sie zum ersten Mal eine Form von Theater gesehen, die sich außerhalb reaktionärer Strukturen bewege. Leisch sieht ihre Arbeit als einen Versuch, widerspenstige Kunst zu machen. In ihren Projekten möchte sie Begegnungen und selbstbestimmtes Lernen ermöglichen, sowie neue Perspektiven eröffnen. Beispielsweise erarbeitete sie mit seit langem in Österreich lebenden, pensionierten Migrantinnen einen Text von Elfriede Jelinek. Dieser Text handelte gerade von diesen Frauen, sei aber in einer für sie völlig unverständlichen Sprache geschrieben. Daraus ergaben sich spannende Synergien, die die vermeintliche Dualität von Theater und Realität aufhoben. In einem anderen Projekt erarbeitete sie mit einer Schulklasse, in der 95% der SchülerInnen einen „Migrationshintergrund“ hatten, Brechts Das Leben des Galilei. Durch die Beschäftigung mit dem Theaterstück hätten die Kinder angefangen, eigene Fragen zu stellen, Wissen selbst zu entdecken. Das bedeute für Leisch Ermächtigung.
Welche Bildung ist befreiend?
Leischs und auch Hackls kulturkritische und eher pessimistische Sicht stand in starkem Kontrast zu Padilhas Optimismus. Padilha betonte, dass das Beispiel Paulo Freires zeige, wie Menschen durch Bildung ermächtigt werden könnten. Wie sie beispielsweise durch Bildung erst ihre Rechte (er)kennen würden und so eine Chance bekämen, für ihre Rechte zu kämpfen. Leisch merkte jedoch an, dass die Bildung in Österreichs Schulen fast überall, im Gegensatz zu freireanischen Bildungskonzepten, ein Ort von BesserwisserInnen wäre. Um diese Löffelweisheiten zu überwinden, um die Schulen zu Orten der Veränderung und des gemeinsamen Lernens zu machen, wären Kunst und Theater dringend notwendig.
Was können wir voneinander lernen?
Abschließend fragte Margarita Langthaler die drei ReferentInnen, was ihrer Meinung nach der Norden vom Süden lernen könne. Padilha betonte das gegenseitige Lernen, das aber nur möglich wäre, wenn Grenzen unterschiedlicher Art abgebaut würden. Hackl wünschte sich in Österreich eine stärkere Präsenz der Literatur aus Lateinamerika und meinte, man könne von Lateinamerika eine hoffnungsfrohere Einstellung lernen. Leischs Meinung nach, könne die europäische Linke viel von der lateinamerikanischen Linken lernen, vor allem im Umgang mit universalen Werten im Gegensatz zu lokalem Recht. Im Zuge der postkolonialen Debatten würden universale Werte zu oft als neokoloniale Arroganz diffamiert. In Lateinamerika gebe es einen besseren Umgang mit Universalismen, Reformation und Widerstand.
An diesem Abend wurden unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen zum Thema Ermächtigung deutlich. Soll eine wirkliche Transformation erreicht werden, sind keine einfachen Antworten zu diesem komplexen Feld zu finden. Umso wichtiger sind der Austausch und die Verbindung verschiedener Perspektiven.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.