Die sozial Schwachen im Blick

Die Kammer für Arbeiter und Angestellte (AK) lud in Erinnerung an Erwin
Weissel zu einer Gedenkveranstaltung unter dem Titel
"Wirtschaftpolitische Randgänge".
Im Saal des Anna-Boschekhauses wurde am 13. März 2006 zu einer Auseinandersetzung mit den Forschungsschwerpunkten Weissels angeregt und versucht, darauf aufbauend neue Akzente zu setzen. Die überaus gut besuchte Veranstaltung bot ein breites Spektrum an Vorträgen zu gesellschaftspolitischen Fragen, mit denen sich Weissel beschäftigte und die zum Großteil heute nach wie vor sehr aktuell sind.

Wirtschaft und Gesellschaft

Wie soll ökonomische Theorie und die daraus abgeleitete Wirtschaftspolitik aussehen? Soll sich die Ökonomie in den Dienst der Menschen stellen oder umgekehrt? An welchen Grundannahmen und Idealen soll sich eine gesellschaftskritische Ökonomie orientieren? Und schließlich: Welche Rolle spielt die politische Ökonomie innerhalb der politischen Bildung?

Der im Juli 2005 verstorbene Nationalökonom Erwin Weissel, zuletzt Professor für Sozial-, Volkswirtschafts- und Finanzpolitik an der Universität Wien, beschäftigte sich zeit seines Lebens mit diesen und ähnlichen Fragen einer gesellschaftskritischen Ökonomie. Besonders kritisch setzte er sich mit den Problemen der Gewerkschaften auseinander. In seinen Vorschlägen hatte er stets die sozial Schwächeren im Blick und suchte nach Antworten auf die für sie drängenden Fragen. Im Sinne der Bildungsideale der ArbeiterInnenbewegung stellte er sich dabei kontinuierlich den Anspruch einer verständlichen Darstellung seiner Forschung.

Kapitalismen und Sozialismen

Kurt Rothschild, emeritierter Nationalökonom der Universität Linz, referierte auf sehr anschauliche Weise über Realitäten und Utopien innerhalb des vorhandenen Spektrums an Kapitalismen und Sozialismen. Dabei stellte er insbesondere die Unterschiede in den zugrunde liegenden Konzepten und Terminologien heraus. Kapitalismus sei in seinen verschiedenen Ausprägungen rein an ökonomischen Vorstellungen orientiert. Im Gegensatz dazu stehe in den unterschiedlichen Sozialismen stets das politisch-ethische im Vordergrund. Bei der Erarbeitung von Theorien müssten die angewandten Ideologien offen gelegt werden, forderte Rothschild. Wenn dies geschehe, müsste von der vorgeblichen Neutralität bei der Festlegung einer Wirtschaftspolitik abgegangen werden.

Gleichheit und Gerechtigkeit

Im Anschluss Rothschild sprachen Kurt Tichy (Österreichische Akademie der Wissenschaften) über "Ungleichheit und Lebenszufriedenheit" und Martin Schürz (Österreichische Nationalbank) über "Gerechtigkeit in der EigentümerInnengesellschaft". Tichy fokussierte dabei auf die Bestimmungsgrößen der Lebenszufriedenheit und strich in diesem Zusammenhang die Bedeutung der psychischen Effekte von Arbeitslosigkeit heraus. Demnach sei im Ländervergleich die österreichische Bevölkerung bedeutend unzufriedener als es dem Niveau der Arbeitslosigkeit entsprechen würde. Als Grund hierfür identifiziert Tichy eine intensive mediale Krisenrhetorik, die auf eine besonders hohe Sensibilität in Bezug auf ökonomische Veränderungen treffe. Über Verunsicherungstaktiken im Hinblick auf die Zukunft des Sozialsystems, die Entwicklung des Arbeitsmarkts und der Bevölkerung und schließlich die viel bemühten terroristischen Anschläge werde demnach Unzufriedenheit ausgelöst.

Martin Schürz analysierte den Gerechtigkeitsdiskurs innerhalb des neoklassischen Ökonomieverständnisses. Er ging auf die Kriterien von Gerechtigkeit und Gleichheit ein und stellte fest, dass sich beispielsweise die Diskursstrategien dabei in den USA in den letzten 200 Jahren nicht wesentlich verändert hätten. Jedoch liege dabei ein verkürzter, weil eindimensionaler, Gerechtigkeitsbegriff vor, der soziale Ungleichheit zu legitimieren im Stande sei. Chancengleichheit sei demnach wichtiger als Vermögensgleichheit und mit wirtschaftsliberalen Argumenten nebenbei besser vereinbar.

Tradition und Aktualität

Anschließend zeigten noch Christine Mayrhuber und Markus Marterbauer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) die aktuelle Relevanz und das Potential von Weissels Ausführungen zur Altersvorsorge und Arbeitszeitverkürzung auf. Mayrhuber, die einzige Referentin der Veranstaltung, zeichnete, in Anlehnung an Weissels "Preislied auf die private Altersvorsorge" (1), sehr anschaulich die aktuellen Diskussionen rund um private und öffentliche Altersvorsorge nach. Sie entlarvte dabei viele der gängigen Argumente rund um zu hohe staatliche Ausgaben für das Pensionssystem oder demographische Veränderungen als Mythen, wodurch es ihr gelang, die Strukturen der Debatte und das darin enthaltene Spannungsverhältnis zwischen Markt und Staat deutlich zu machen.

Marterbauer wartete schließlich mit empirischem Unterfutter zum emanzipatorischen Potential einer Arbeitszeitverkürzung auf, die für Weissel bis kurz vor seinem Tod ein sehr zentrales Thema gewesen war. Das Ziel, auf diese Weise mehr Freizeitspielraum für Konsum, Erholung und Bildung ohne nennenswerte Einkommensverringerungen zu schaffen, sei demnach durchaus erreichbar. Marterbauer verwies dazu auf leicht nachvollziehbare Berechnungen zu den Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit, sowie auf internationale Erfahrungen in anderen europäischen Ländern. Wichtig sei jedoch eine Begleitung durch ergänzende Maßnahmen, wie etwa für Qualifizierung und Ausbildung, und die Notwendigkeit einer ökonomischen Umverteilung.

Gerhard Senft, Wirtschaftshistoriker der Wirtschaftsuniversität Wien, rundete abschließend die Diskussion um Tradition und Aktualität ab, indem er die TeilnehmerInnen in die Zeit zurückführte, zu der Erwin Weissel geboren worden war, und analysierte die Wirtschaftspolitik der Ära Dollfuss/Schuschnigg. Er zeigte die historischen Probleme auf, die im krampfhaften Festhalten an wirtschaftliberalen Ideen liegen, insbesondere bei gleichzeitigem Aufkeimen planwirtschaftlicher Ansätze im Kontext der ständestaatlichen Ordnung von 1934-38.


1) Erwin Weissel: Das Preislied auf die private Altersvorsorge. In: Kurswechsel 3/1998, S. 39-49.

Der Autor studiert an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.