Zur Wirkung von Bildung gibt es zahlreiche Studien. Margarita Langthaler hat einige davon analysiert und ihre Ergebnisse bei der Veranstaltung „ie.talks“ am 17. April 2013 im Institut für Afrikanistik vorgestellt.Es war eine Auftragsstudie des Deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die über die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) an Margarita Langthaler von der Österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung (ÖFSE) vergeben wurde.
Grund dafür war die Aufwertung, die das Thema Bildung in den letzten Jahren im BMZ erhalten hatte. Um diese Aufwertung argumentativ besser untermauern zu können, wurden mehrere Studien in Auftrag gegeben. Die Forderung an Langthaler war es, eine Sekundaranalyse von relevanten wissenschaftlichen Publikationen zur entwicklungspolitischen Wirkung von Bildung durchzuführen und anschließend Empfehlungen für die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu geben. Die Analyse, für die Langthaler 43 Publikationen heranzog, sollte aufgeschlüsselt werden nach den Sektoren Armutsbekämpfung, menschliche Entwicklung, ökologische Nachhaltigkeit und Governance. Die Begriffe Gender und Inklusion sollten dabei als Querschnittsthemen betrachtet werden.
Methodik und Vorgehensweise
Bei der Auswahl der Literatur stützte sich Langthaler auf die Kriterien der Repräsentativität der Texte für theoretische und methodische Ansätze, ihren wissenschaftlichen und politischen Einflussreichtum, sowie eine Ausgewogenheit zwischen Einzelfallstudien und Literaturstudien oder Syntheseberichten sowie zwischen quantitativen und qualitativen Studien. Mithilfe einer Auswertungsmatrix bearbeitete sie die Fragestellung, ob eine Wirkung von Bildung in den Publikationen erkannt wurde oder nicht. War dies zutreffend, untersuchte sie, ob die Wirkung als direkte oder kontextabhängig beschrieben wurde. Im Falle einer Kontextabhängigkeit schlüsselte sie nach beeinflussenden Faktoren auf. Das Kriterium der Validität war, dass mehrere Studien mit methodisch und theoretisch unterschiedlichen Ansätzen zu gleichen Befunden kamen.
Ergebnisvielfalt
Die Ergebnisse der Analyse seien heterogen gewesen, erklärte Langthaler. In zwei von den 43 bearbeiteten Publikationen sei keine entwicklungspolitische Wirkung von Bildung erkannt worden, in 20 Texten (vor allem aus dem wirtschaftlichen Bereich) sei der Zusammenhang als direkt und in 14 Texten als kontextabhängig beschrieben worden. Sieben Texte seien zu anderen Befunden gekommen (z. B. gegensätzliche Ergebnisse in gemischten Studien). Die genannten Faktoren, die über die Wirkung von Bildung entscheiden, seien Bildungsqualität, institutionelles Umfeld (z. B. politische Stabilität und Rechtssicherheit), Ungleichheit (gesellschaftlich sowie Ungleichheit des Bildungssystems) sowie soziale und kulturelle Normen.
Bei den Ergebnissen im Bereich Wirtschaft habe die Analyse Interessantes gezeigt. Während die Befunde in Bezug auf das Wirtschaftswachstum eher gemischt gewesen seien, sei in vielen Texten eine positive, direkte Wirkung von Bildung auf individuelles Einkommen genannt worden. Dabei habe sich gezeigt, dass Investitionen in höhere Bildungsinstitutionen mehr Einfluss auf das Einkommen hätten, als in die Primarschule. Interessant sei dies besonders deshalb, weil seit Ende der 1980er Jahre im Zuge des Education for all-Diskurses und den Millennium Development Goals der Schwerpunkt der Bildungsinvestitionen im Rahmen der EZA auf den Primarschulsektor gelegt worden sei. Dass dieser Fokus aber zu eng sei, sei erst in jüngster Zeit klarer geworden und würde nun auch durch die Ergebnisse dieser Studie unterstrichen.
Ungleichheit als Faktor
Eine direkte Wirkung sei in den Publikationen auch auf die Senkung der Fertilitätsrate, die Schulleistung von Kindern, sowie auf Gesundheit beobachtet worden. In anderen Bereichen würde auf eine Kontextabhängigkeit hingewiesen, so auch im Bereich der Armut. Hier seien die Befunde gemischt, was sich aber erkennen lasse, sei der erschwerte Zugang zur Bildung für arme Menschen sowie ein höherer Bildungsertrag in Form von Einkommenssteigerung für Reiche. Zudem würden ungleiche Bildungssysteme die armutsmindernde Wirkung von Bildung schwächen, sie könnten sich negativ auf soziale Kohäsion auswirken und Konflikte schüren. Im Bereich menschlicher Entwicklung und Governance werde die Wirkung von Bildung auf Empowerment und Partizipation ebenfalls als stark kontextabhängig beschrieben.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem die Grenzen unabhängiger Forschung in der Auftragsarbeit angesprochen. Langthaler bestätigte, dass es auch für sie nicht leicht gewesen sei, die positive Wirkung von Bildung zu argumentieren, da sie dieses Thema selbst als sehr komplex erachtete. Sie habe daher versucht, eine große Bandbreite an Studien heranzuziehen und neben der in der EZA dominanten bildungsökonomischen Perspektive auch jene der kritischen Bildungssoziologie einzubeziehen. Wichtig sei es ihr auch gewesen, die Vorstellung eines Automatismus der Wirkung von Bildung zu entkräften und auf die Kontextgebundenheit hinzuweisen. Und auch wenn die Studie wenig Platz für die Bearbeitung von Risiken gelassen habe, habe Langthaler versucht, darauf hinzuweisen, dass unintendierte, negative Wirkungen immer möglich seien.
Angesprochen auf ihre EZA-Empfehlungen nannte Langthaler die Entwicklung eines systemischen Ansatzes, der verschiedene Bildungssektoren (auch informelle) berücksichtige, eine stärkere Orientierung am Kontext, in dem die Bildungsinvestition stattfinde und ein Überdenken der aktuellen Methoden der Leistungsmessung (z. B. PISA), da diese der Kontextabhängigkeit der Bildungsqualität nicht Rechnung tragen würden. Auch dürfe nicht von einer Neutralität des Bildungssystems ausgegangen werden, vielmehr solle man gleichheitsfördernde Bildungssysteme formulieren. Wenn Forschung politikrelevant sein soll, sei zudem mehr Interdisziplinarität und Methodenvielfalt wichtig!
Hier finden Sie die Studie von Margarita Langthaler: „Die entwicklungspolitischen Wirkungen von Bildung. Rezente Forschungsergebnisse und ihre Implikationen für die Entwicklungszusammenarbeit.“ (Policy Note 04/2013)
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.