Die Bedeutung politischer Bildung für Minderheiten

Welche Bedeutung hat politische Bildung für Minderheiten? Dieser Frage widmete sich Cornelia Kogoj am 16. Oktober 2013 im Depot in Wien. Neben der Bedeutung politischer Bildung und der möglichen Ermächtigung unterschiedlicher Minderheitengruppen wurden im Rahmen des Vortrags auch politische und bildungswissenschaftliche Strukturen diskutiert.Der Moderator Hakan Gürses eröffnete den ersten Tag der Veranstaltungsreihe „Minderheiten und politische Erwachsenenbildung“ mit einem kurzen Vortrag. Er beschrieb die Zusammenarbeit der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK), dem Depot und der Initiative Minderheiten, durch die die diesjährige Vortragsreihe zur politischen Erwachsenenbildung zustande kam. Gürses berichtete, dass dadurch Bewusstsein für politische Erwachsenenbildung geschaffen werden solle, da diese keine Selbstverständlichkeit sei. Die Vortragende Cornelia Kogoj ist Generalsekretärin der Initiative Minderheiten und hat bereits bei vielen Projekten mit einem Schwerpunkt auf Minderheiten mitgewirkt.   

Politische Bildung als politisches Instrument

Kogoj erklärte, dass politische Bildung „Demokratie mitgestalten“ bedeute. Ein wichtiger Faktor dabei sei das individuelle Mitspracherecht, das sich in Österreich unter anderem auch durch das Wahlrecht äußere. Das Wahlrecht müsse den Menschen, vor allem den Erwachsenen – den direkt Betroffenen – vermittelt werden, als oberstes Gebot der politischen Erwachsenenbildung. Daher hätten einige Initiativen im Rahmen der Nationalratswahlen im Herbst 2013 einen Fokus auf Minderheiten gelegt. Kampagnen machten darauf aufmerksam, dass Drittstaatsangehörige in Österreich nicht wählen dürften und dadurch auch kein Mitspracherecht in dem Land hätten, in dem sie lebten. Die Betroffenen hätten daher keine Möglichkeit „Demokratie mitzugestalten“ und würden benachteiligt werden, obwohl die Partizipation in allen Lebensbereichen gefördert werden sollte.

Oft reduziere sich politische Bildung mit Minderheiten aber auf die Vermittlung von Grundkenntnissen über das politische System in Österreich. Die Auseinandersetzung mit Demokratie und Menschenrechten gehe hierbei manchmal verloren. Eines der wichtigsten Menschenrechte besagt, dass jedeR so leben kann wie sie/er möchte. Nach Kogoj hätten Minderheiten stark zu diesem Grundsatz beigetragen, da er durch Vielfalt entstanden und geprägt worden sei. Gebe es keine verschiedenen Menschengruppierungen, gebe es auch diesen Grundsatz wahrscheinlich nicht. Minderheiten würden nach Kogoj nationale Geschichtsschreibungen hinterfragen. Sie würden kritisches, historisches und politisches Bewusstsein schaffen. Politische Bildung sei daher mehr als nur Wissensvermittlung. Sie sei die Möglichkeit, sichtbar zu werden, so Cornelia Kogoj.

Herstellung einer historischen Wir-Identität

Damit politische Bildung fruchtet, müssten bestehende Strukturen von den beteiligten AkteurInnen hinterfragt werden. Politische Bildung könne nicht im luftleeren Raum stattfinden, so Kogoj. Ihr Ziel sei die politische, in Folge die persönliche Ermächtigung, durch die Reflexion über eine gemeinsame Geschichte. Für diesen Prozess solle eine kollektive Wir-Identität hergestellt werden. Politisches Wissen solle aus historischen Kämpfen, Bewegungen und Erfahrungen übernommen werden. Minderheitengruppen könnten dieses Wissen nutzen, um Vergleiche anzustellen und so den Versuch zu wagen, selbst auch etwas zu bewegen. Die Geschichte und die darin stattgefundenen Kämpfe sollten ihnen Mut machen, selbst um politische Ermächtigung zu kämpfen, denn diese stünde nach Kogoj im Vordergrund des Konzepts der politischen Bildung.

Vortrag und Diskussion

Die inhaltliche Aufbereitung der Thematik durch Cornelia Kogoj war gut und anregend. Da die Vortragende die meiste Zeit von ihrem Skript ablas, erforderte der Abend eine hohe Konzentrationsleistung. Die Monotonie  lässt jedoch nicht an der Wichtigkeit und inhaltlichen Bedeutung des Vortrags zweifeln. Ebenso stellte sich Hakan Gürses als sehr kompetenter Moderator heraus. Er gab den Versuch nicht auf, die anschließende Podiumsdiskussion, die manchmal die Orientierung am Vortrag verlor, in die Richtung der eigentlichen Thematik zurückzuführen. In der Diskussion rückte der Schwerpunkt von politischer Erwachsenenbildung zu klassischen Bildungseinrichtungen, wie den Volkshochschulen. Die Rolle der Eltern, die doch Grundwerte für alle Formen von Bildung legen würden, wurde thematisiert.

Bildung würde das Leben gestalten und dieser Prozess wiederum fördere politisches Mitgestalten, so Kogoj. Die Werte, die von den Eltern mitgegeben werden, wären dabei wichtig, aber nicht nur für Minderheitengruppen, sondern für alle Personen innerhalb einer Gesellschaft. Cornelia Kogojs Vortrag legte die Bedeutung politischer Bildung für Minderheiten klar dar. Aber einige Fragen blieben offen: Welche Ansätze müssen verfolgt werden, um politische Bildung mit Minderheiten zu fördern? Wie können alle Beteiligten vom Konzept der politischen Bildung profitieren? Diese Fragen werden in den folgenden Vorträgen der Veranstaltungsreihe aufgegriffen und somit hoffentlich das an jenem Abend von den TeilnehmerInnen gewonnene Wissen rund um politische Erwachsenenbildung ergänzen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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