Der Zweck heiligt den Markt

Eine Präsentation des Buches „Märkte als Regulierungsformen sozialen Lebens.“ von Reinhard Pirker.

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Folgt man VertreterInnen der liberalen Marktideologie, die sich seit
dem Ende der 1970er Jahre global durchgesetzt haben, dann ist der Markt
nicht nur die beste, sondern auch die natürliche Form, in der
menschliches Zusammenleben organisiert wird. Resümees dieses
Vierteljahrhunderts sind jedoch im besten Fall ernüchternd. Zwei
Phänomene tragen dazu bei, dass einer solchen entwicklungspolitischen
Bilanz nicht ein Paradigmenwechsel folgt.

Erstens: der Mangel an systemimmanenten Alternativen. Die Wiederbelebung der liberalen Marktideologie ("Neoliberalismus") war Folge der Ratlosigkeit der davor dominierenden staatsinterventionistischen Politik, wie mit den wiederkehrenden strukturellen Krisen des Kapitalismus umzugehen sei. Soll sich eine erfolglose Politik mit der anderen abwechseln, oder muss die (globale) gesellschaftliche Organisation nicht grundsätzlich thematisiert werden? Zweitens: Die Verfestigung der gesellschaftlichen Ideologie. Während die Regierungen der USA und der EU, die das liberale Dogma weltweit vertreten und durchsetzen, je nach Bedarf in der Praxis mit liberaler oder staatsinterventionistischer Politik jonglieren (Defizite, Subventionen, Protektionismus, Rüstungsausgaben etc.), wird an den meisten Universitäten die Lehre vom Markt gepredigt. Karl Georg Zinn hat diesen Zusammenhang folgendermaßen beschrieben:

"Die politische Notwendigkeit, die Herrschaftsdoktrin in einem säkularisierten, wissenschaftsgläubigen Zeitalter mit Rückgriff auf wissenschaftliche Argumentation anzureichern, gibt der Wissenschaft auch für die Ideologiebildung eine herausragende Rolle, die […] in vorindustriellen Zeiten der Theologie zukam. Die Politische Ökonomie nimmt in diesem Kontext wiederum eine Sonderstellung ein, da sie sich mit der Wirtschaft, dem zentralen historischen Phänomen der Industriegesellschaft, befaßt."1

Reinhard Pirker, Universitätsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien, dekonstruiert in seinem Buch einen wichtigen Bestandteil zeitgenössischer Herrschaftsdoktrin, den Markt. Nach einer einführenden Analyse der Hintergründe für die Wiederbelebung der Marktidee (Revival des Markts) geht es ans Eingemachte: das "Studium von Märkten, das Verhalten von Marktteilnehmern und seine Auswirkungen ist wohl das wichtigste Thema ökonomischer Wissenschaft", "Definitionen dessen, was Märkte sind", seien jedoch "eher selten". Die "öffentlichkeitswirksame Mehrheit der Ökonomen" glaube an selbst steuernde Mechanismen des "freien Markts" und daraus resultierenden positiven Effekten für die Gesellschaft. Märkte würden "als eine Art natürliche Form des menschlichen Lebens gesehen, deren Entfaltung man keineswegs behindern dürfe". (S. 39.) Pirker nähert sich seiner Definition von Markt, indem er wesentliche Marktdefinitionen vorstellt und kritisiert, nämlich der Klassischen Politischen Ökonomie, der Vorstellung eines perfekten Markts der (neoklassischen) Allgemeinen Gleichgewichtstheorie, der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Transaktionskostenökonomie. Ist der Markt einfach der Ort an dem getauscht wird, oder genügen zwei oder mehrere Individuen, die bereit sind, einen Tausch durchzuführen als Definition? Im Unterschied zu diesen auf Beobachtung beruhenden Definitionen, erläutern funktionale Definitionen mehr was im Markt passiert als was ein Markt ist. Viele Vorstellungen berufen sich dabei auf die "unsichtbare Hand" Adam Smiths und die auf Léon Walras zurückgehende Gleichgewichtstheorie. Schließlich nennt Pirker die strukturellen Definitionen, die die organisatorische und institutionelle Struktur des Marktes beschreiben.

Markt ist nicht gleich Tausch

Markt sei kein Synonym für Tausch, betont Pirker. Der Tausch müsse freiwillig und spezifiziert sein, um von einem Markt sprechen zu können, es müsse eine präzise Festlegung und Übereinkunft getroffen werden. Ein "Arbeitsmarkt" etwa erfülle keines der Kriterien, Löhne und Arbeitsbedingungen seien von Sitten und Gebräuchen abhängig, Arbeitssuchende hätten oft keine andere Wahl, als einen Job anzunehmen. Ein weiteres Kriterium für einen Markt sei die Gleichartigkeit von Preisen und Gütern, die einen Tausch über einen Markt erst abschätzbar und beobachtbar machen.

"Märkte konstituieren Institutionen in dem Sinne, dass sie Routinen (typifizierte Täusche) etablieren, die im Zeitablauf wiederholbar sind (Regularität)." (S. 68)

Pirker macht deutlich wie Markttheoretiker Elemente, die Aspekte des Marktes sein können, zum normativen und universellen Standard erheben.

Am Anfang war der Markt … ?

Die Behauptungen, dass es Märkte schon immer gegeben habe und dass Menschen sich zweckorientiert und rational auf diesen verhielten bzw. dass die moderne ökonomische Welt sich gar auf die menschliche Natur gründe, hätten sich durch die Entwicklungen der Wissenschaftsgeschichte zu Axiomen zementieren können. Die politische Ökonomie sei bei der Trennung der Disziplinen, den nomothetischen Wissenschaften zugeordnet worden, denen die Formulierung allgemeiner Gesetze zugeschrieben wurde. Die neoklassische Wirtschaftswissenschaft habe sich wie die Mechanik der Physik definiert. Die Sozial- und Humanwissenschaften fielen den ideographischen Wissenschaften zu, die Wissen über konkrete Besonderheiten beschrieben. Pirker hält diese Trennung für "Humbug" und analysiert den Markt unter Einbeziehung der Geschichtswissenschaft. Märkte seien "für den überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte abwesend" gewesen (S. 91) und mit dem Kapitalismus entstanden. Historisch gewachsen brachten sie "neue Regeln, Normen und Gewohnheiten mit sich" und "regulierten also das soziale Leben in spezieller Weise". Deshalb bezeichnet Pirker Märkte als "Regulierungsformen sozialen Lebens" (S. 106). Wie diese Entwicklung vonstatten ging und welche Rolle dabei ein neues (lineares) Zeitverständnis spielt, kann bei Pirker in spannender Weise nachgelesen werden.

Die deutliche Positionierung Pirkers wissenschaftlichen Zugangs ist von erfrischender Offenheit, die jedoch durch eine zum Teil sehr wissenschaftliche Sprache für allgemeine LeserInnen getrübt wird. Pirkers Buch es ist die Druckversion seiner Habilitationsschrift wird jedoch auf jeden Fall dazu beitragen, dass StudentInnen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Mythen der herrschenden Doktrin des freien Marktes schwerer akzeptieren werden können.


1 Karl Georg Zinn: Politische Ökonomie. Apologien und Kritiken des Kapitalismus. Opladen, 1987, S. 20.


Reinhard Pirker: Märkte als Regulierungsformen sozialen Lebens. Marburg: Metropolis Verlag, 2004. 168 Seiten. 24,80 . ISBN 3-89518-479-9.


Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.