Demokratisieren statt Privatisieren

Rosa Nentwich-Bouchal – Kommunikationswissenschafterin, Ökonomin,
Politikwissenschaftlerin und ehemalige bildungspolitische Referentin
der ÖH Bundesvertretung – brachte dem Auditorium der Vorlesungsreihe
"Ökonomisierung der Bildung" am 17. Jänner 2008 Begriffe und Konzepte
rund um das Zusammenwirken von Öffentlichkeit und Bildungswesen näher.

Die Rednerin definierte zu Beginn ihres Vortrages die "Öffentlichkeit als Raum kollektiver politischer Willensbildung", wo in Folge von Diskursen sowie in Folge politischer Aktionen Lernprozesse und auch emanzipatorische Prozesse entstünden. Bildung entspreche nicht nur dem Lernen im Sinne einer Informationsaufnahme und -ordnung, sondern bedeute ebenso Kombination von erlangtem Wissen mit erlebten Erfahrungen. Auf der einen Seite wirke sie systemstabilisierend, wobei sie auf der anderen Seite gleichermaßen das Potenzial in sich trage, Gesellschaftssysteme zu verändern.

Bildungsinstitutionen hätten dabei die Funktion "ideologischer Staatsapparate", wie dies Louis Althusser formulierte, da sie Werte vermitteln und somit großen Einfluss auf ihre Umwelt ausüben. Nentwich-Bouchal stellte die Vorstellung, Bildung existiere ohne Ideologie,in Frage. Es gebe Interessen unterschiedlicher Bildungsgruppen und diese würden jeweils im Rahmen ihrer ideologischen Standpunkte Herrschaftsmuster reproduzieren.

Demokratische Silhouetten

In demokratischen Ordnungen sei vor allem der Grad der Partizipation entscheidend. Die Vortragende beschrieb verschiedene Formen von Demokratie, das jeweilige Verständnis von Öffentlichkeit diente dabei als grundlegendes Unterscheidungsmerkmal.

Liberalismus und Republikanismus

Zuerst ging Nentwich-Bouchal definitorisch auf den Liberalismus und dessen negativen Öffentlichkeitsbegriff ein, der in diesem Kontext als Zufallsprodukt aus individuellen und egoistischen Handlungen betrachtet wird. Daraufhin nannte sie den Republikanismus und stellte dessen Auffassung von Öffentlichkeit als positiv besetzt dar. Hierbei machte die Referentin auf die Faktoren aufmerksam, die eine universelle Partizipation verhindern würden, dazu zählen u.a. Zeitmangel, ungleichmäßiges Vorwissen und finanzielle Hintergründe.

Deliberative Demokratie

Die so genannte Deliberative Demokratie sei von ihren VertreterInnen als Idee der "kritischen Gegenöffentlichkeit" präsentiert worden. Die Konnotation des Öffentlichkeitsprinzips sei hier abermals affirmativer Natur. BürgerInnen seien in politische Diskurse zwar involviert, die Umsetzung dort entstehender Ideen liege jedoch im Zuständigkeitsbereich der MachthaberInnen. Die Kritik an dieser Theorie gründe primär in der so genannten "Schweigespirale" und sei so zu verstehen, dass man im Schatten einer vorherrschenden Meinung trotz gegenteiliger Einstellung zur Stille tendiere, anstatt persönliches Dagegenhalten zu deklarieren. Darüber hinaus würde die Allgemeingültigkeit einer scheinbar breit vertretenen Ansicht oft nur durch die Medien propagiert oder aber durch kompetent wirkende DiskursteilnehmerInnen zu Unrecht als universal proklamiert.

Als Beispiel oben genannter Gegenplattformen dienen in universitären Wirkungskreisen Projekte wie "keine_uni" in Wien oder die "Offene Uni Berlin". Man wolle durch solche Konzeptionen Alternativen zum konventionell Gelehrten und zu den üblichen Lehr- und Lernmethoden bieten, die wie im Falle des Berliner Projekts auch diskriminierende Schranken überwinden sollen.

Herrschaftskritische Staatstheorien

Bildungsinhalte, Bildungsprozesse und öffentliche Diskussionen seien laut Nentwich-Bouchal durch Herrschaftsverhältnisse gezeichnet. Neutralität werde negiert und scheinbar öffentliche Diskurse sowie sich daraus entwickelnde Aktivitäten werden von starken Interessengruppen geleitet. Diese lobbyistischen Gruppierungen wären eben solche, die Möglichkeiten (zeitlich, finanziell etc.) besäßen, sich als dominierende Kräfte durchzusetzen.

Porto Alegre

In der südbrasilianischen Hauptstadt des Bundeslandes Rio Grande do Sul wurde von 1999-2002 die politische Umsetzung der städtischen Budgeterstellung demokratisiert. Den BürgerInnen wurden die Türen zu den gestalterischen Diskursen geöffnet, indem sie einerseits Informationen einbringen konnten und andererseits im Vorfeld mit ausreichend Wissen ausgestattet wurden, um mit einem angepassten Kenntnisstand zur Diskussion anzutreten. Grundvoraussetzung für solche Unterfangen sei in erster Linie jeder einzelne Mensch, der zur Mitsprache berechtigt und befähigt sei und sich vor allem dieser Berechtigung und Befähigung gewahr sein müsse. Dieser Versuch in Porto Alegre sei durchaus fruchtbar gewesen, musste aber beendet werden, nachdem die Arbeiterpartei die Wahlen 2002 verloren hatte.

Wesentlich an diesem praxisbezogenen Beispiel seien die Lerneffekte, die durch gelebte Politik sichtbar würden. Bildung entreiße sich hier einer statischen lokalen Verankerung und dringe in die öffentliche Realität ein.

Abschließend könne man den Inhalt der Lehrveranstaltung als Plädoyer betrachten: Im Namen einer öffentlichen Bildung werden exklusive und fixierte Bildungsinstitutionen als alleinige Lernbasis überwunden und eine breit zugängliche und alltägliche Entfaltungsmöglichkeit angeboten. Insofern stellt dieses Konzept ein realeres Fundament für gesellschaftliche Transformation dar, als es konventionelle Schulungsräume bieten könnten.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Rumänisch an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.