Zwei Schulklassen erprobten in einem Rollenspiel die Mechanismen von Sprache, Macht und Identität.
Eine Gruppe von StudentInnen hat im Rahmen ihres Praktikums im Paulo Freire Zentrum einen Workshop entwickelt und im Dezember 2004 abgehalten. Paulo Freires zentrale Gedanken der Bewusstseinsbildung sollten aus dem südamerikanischen in einen europäischen Kontext überführt werden.
Freire hatte Männern und Frauen durch Einbeziehung deren Lebensrealität Lesen und Schreiben gelehrt. Damit sollten Schweigen und politische Passivität durchbrochen werden.
Philip Taucher, einer der drei Workshop-LeiterInnen: "Für uns war es schwierig, Alphabetisierung anders zu denken. Die Lösung war, statt Alphabetisierung wörtlich zu verstehen, über das Dreieck Sprache-Macht-Identität nachzudenken."
Als Methode einer solchen Übersetzung wurde ein Rollenspiel gewählt: In einem Dorf wird eine Gemeinderatssitzung abgehalten. Die Dorfgemeinschaft, bestehend aus "OligarchInnen" und "MigrantInnen" der 3. Generation, entscheidet, ob und wie die "GastarbeiterInnen" in das Dorf integriert werden sollen. Die TeilnehmerInnen waren SchülerInnen einer 6. und einer 7. Klasse des Gymnasiums in Kufstein. Drei Stunden hatten sie Zeit, die Mechanismen von Unterdrückung zu erfahren und darüber zu reflektieren.
Workshopleiterin Joanne Tordy: "Wir haben den SchülerInnen schriftliche Rollenanweisungen gegeben. In der Gruppe hatten sie wenig Zeit, sich auf diese Rollen vorzubereiten. Den meisten gelang es allerdings erstaunlich gut, die kargen Anweisungen mit Leben zu füllen."
In der Diskussion nahmen drei "Ratsvorsitzende" (verkörpert durch die WorkshopleiterInnen) eine prominente Stellung ein: Sie förderten die "OligarchInnen", schnitten die "MigrantInnen" und unterdrückten Wortmeldungen der "GastarbeiterInnen". Mia Krenceyova, die dritte Workshopleiterin: "Die Diskussion hat sich auch für uns überraschend schnell zugespitzt. Die "OligarchInnen" haben immer mehr gesprochen, nahmen sich Raum und Zeit, ihre Ideen auszubreiten. Die "ehemaligen MigrantInnen" waren im Zwiespalt und wurden zu StichwortlieferantInnen. Die beiden Gruppen schienen die Ausschließungsmechanismen schnell begriffen zu haben. Über die "GastarbeiterInnen" wurde entschieden, ohne dass sie mit einbezogen wurden."
Bemerkenswert war das Verhalten der dritten Gruppe in den Workshops. Eine der "GastarbeiterInnen" in der 7. Klasse entwickelte sich zur Wortführerin. Sie versuchte immer wieder, ihrer Empörung über die Unterdrückung Ausdruck zu verleihen. "Das ist ja keine Diskussionskultur!", "Da kann ich ja zuhause bleiben!".
Die "GastarbeiterInnen" der 6.Klasse wählten eine andere Strategie. Ihr: "Darf ich auch mal was sagen?" hat ihnen keinen Erfolg gebracht. Sie sind verstummt. Überraschenderweise standen sie plötzlich auf und verließen kollektiv den Raum.
In der nachfolgenden Reflexion sprach jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer über die Gefühle bei der Darstellung der zugewiesenen Rolle. Einige berichteten von der Schwierigkeit, sich mit ihrer Rolle zu identifizieren, andere von dem genauen Gegenteil. Beinahe einstimmig waren sie der Meinung, im Alltag den Status der OligarchInnen einzunehmen. Dementsprechend schwer fiel es den Unterdrückten, mit dem ihnen auferlegten Schweigen umzugehen. Sie erzählten von ihrer Wut und ihrem Zorn, nicht einbezogen zu werden, von der Ungerechtigkeit, die sie verspürten, und von Parallelen in ihrer eigenen Geschichte. Eine sehr interessante Begebenheit daraus, die in die Diskussion Eingang fand, war eine der 7.Klasse. Sie hatten mit einer Lehrerin eben jene Ohnmacht erlebt, als diese sich weigerte, sie anzuhören.
So gab es einerseits konkrete Erfahrungen von Unterdrückung durch eine Lehrerin, die in die Reflexion mit einflossen, andererseits auch das Gefühl, eine derartige Ungerechtigkeit wäre übertrieben und nicht vergleichbar. Ein Denkanstoß scheint die Erfahrung allerdings für alle gewesen zu sein.