Die Autorin sprach mit einer Reihe von Personen aus dem Bildungsbereich
über deren Beziehung zu Paulo Freire und seinem Werk. Teil V: Ein
Gespräch mit Roberto Carlos Winckler.
Als Sohn eines Arztes gehört Roberto Carlos Winckler in Brasilien der Mittelschicht an und besuchte staatliche, protestantische und katholische Schulen. Winckler wurde als Kind katholisch getauft. Mit zwölf sagte er jedoch seiner Mutter, er werde nicht mehr in die Kirche gehen. Ausschlaggebend dafür war das Buch von Bertrand Russell "Warum ich kein Christ bin". Seine Schulzeit war geprägt von einer sehr aktiven StudentInnenbewegung in Brasilien es herrschte Protest gegen die Diktatur vor.
Winckler wollte ursprünglich Soziologie studieren, hatte sich jedoch dann aus Vernunftgründen für Rechts- und Literaturwissenschaften entschieden.
Nach Abschluss Studiums der Rechte konnte er sich endlich dem Soziologiestudium widmen, begann zu unterrichten und war in verschiedenen Bildungseinrichtungen gleichzeitig tätig er begriff sich nie als strengen Akademiker. Um die universitäre Lehrtätigkeit auszugleichen, unterrichtete er auch an einer Mittelschule und an einer Abendschule.
In der Abendschule unterrichtete er hauptsächlich Menschen aus der städtischen Unterschicht. Ende der 1970er Jahre begann Winckler sich für das Movimento Democratico Brasileiro, die große Oppositionspartei in Brasilien, einzusetzen.
1986 trat er in die Arbeiterpartei ein und ließ sich für Gemeinderatswahlen als Kandidat aufstellen und wurde Ende der 1980er Jahre zum Vizestadtrat für Kultur in Porto Alegre. Heute arbeitet er als Soziologieprofessor und Sozialforscher im Bereich der Koordinierung von Sozialstatistiken.
Freire – ein Philosoph und Pädagoge
"Freire ist vor allem als Philosoph und Pädagoge zu betrachten, der eine Erkenntnistheorie und eine Weltanschauung schuf."
Mit seinen StudentInnen lese er viel von Freire und baue seine Methoden implizit ein, meint Winckler.
2/3 seiner StudentInnen seien berufstätig und kämen aus einer sozialen Unterschicht. Das andere Drittel sei aus der Mittelschicht. Winckler ist der Ansicht, man müsse als Lehrender über das soziale Umfeld der StudentInnen Bescheid wissen. Es gehe in seinem Unterricht darum, wie man im Leben weiterkomme und die Dinge des Lebens kritisch beleuchte. Es werde sehr viel in Kleingruppen diskutiert und gelesen.
Bildung – ein kollektiver Prozess
Es sei in Wincklers Unterricht klar, wer der Lehrer ist. Jedoch beschreibt er, dass er als Lehrer sehr viel von seinen StudentInnen lerne. Sein Unterricht sei selten geprägt von einer Frontalsituation.
"Ich mache immer Allgemeinkultur. Es ist ein kollektiver, kein individueller Prozess. Auch bei Prüfungen diskutieren wir Texte und Bücher, die in Beziehung mit der eigenen Welt stehen. Eine kritische Anschauung ist wichtig. Alle in meiner Klasse lesen Bücher über Krisen in der Welt heute. Dabei suche ich immer Bücher, die nicht allzu akademisch sind."
Um generative Themen zu ermitteln, mache Winckler kleine Umfragen zu Semesterbeginn. Dabei werde ermittelt, wie alt die StudentInnen sind, ob sie verheiratet sind, wo sie zur Schule gingen, ob sie arbeiten, was sie gerne lesen. Die Antworten bei den Umfragen reichen von Fußball bis zum Horoskop, von Fließbandarbeit bis zu Handwerkstätigkeit.
Die Umfrage gebe Winckler eine Idee davon, wie seine StudentInnen leben und was sie berührt, wonach er im Anschluss passende Themen und Texte für den Unterricht auswähle.
"Sie müssen lernen zu lesen, einfach zu lesen!"
"Den StudentInnen fehlt die Gewohnheit zu lesen. Es ist in Brasilien nie ein gerechtes Schulsystem organisiert worden und zusätzlich dazu kommt der Einfluss von den Medien. Es gibt ein Schulsystem, aber keine Chancengleichheit."
Ein Grundproblem in Brasilien bestehe in der schlechten Basisbildung, es handle sich dabei um einen enormen Qualitätsmangel und ein Ungleichgewicht in der Chancenverteilung.
Die Frage der staatsbürgerlichen Rechte sei sehr wichtig für die StudentInnen, um diesem Ungleichgewicht entgegenwirken zu können. Sie seien gefordert, selbst zu erkennen, welche Rechte formal vorhanden sind und dass um diese gekämpft werden müsse
"Ich hoffe, dass ich mit meinen Methoden im Unterricht zur Chancengleichheit beitragen kann. Aber ich weiß es nicht. Manche sagen, es ist gut. Es ist wohl ein historischer Prozess, bis es Wirkung zeigt."
Freire hier und dort
In Brasilien werde Freire hauptsächlich in den Erziehungswissenschaften eingebaut. Außerdem würden Lokalregierungen den Ansatz von Paulo Freire für den Aufbau eines öffentlichen Schulsystems und innovativer Maßnahmen der Erwachsenenbildung fördern. Ob Freire in Österreich eine Rolle spielen könnte, hänge, so Winckler, von der Situation ab.
Die Frage nach UnterdrückerInnen sei zu abstrakt die Situation müsse konkret erforscht werden, zumal Paulo Freire nicht einfach anzuwenden sei. Es gebe in Österreich eine relative Chancengleichheit, was die Grundschulbildung betreffe, jedoch gebe es andere Ungleichgewichte, wie die Arbeitslosigkeit. Prinzipiell könne man die Erfahrungen Brasiliens nicht einfach für Österreich übernehmen, dazu fehlen die gemeinsamen Parameter.
"Ich bin sehr gespannt auf die Osterweiterung. Wien ist Schmelztiegel und Treffpunkt zugleich. Es gibt die schöne Tradition einer Mischung der Kulturen. Die Spannung liegt in einer neuen intellektuellen Bewegung, in einer neuen Arbeiterbewegung – das ist gerade ein bisschen eingefroren."
Durch die Osterweiterung werde die Situation in Österreich ähnlicher der Situation in Brasilien. Die Widersprüche würden größer und eine gemeinsame Aufgabe, nämlich mit den verschiedenen Gegensätzen umzugehen, entstehe.
Unterdrückung hier und dort
Die Rolle des Finanzkapitals in der Welt betreffe uns alle. Die Ökonomisierung des Lebens habe hier und dort Einfluss auf die Kultur und den Alltagsverstand. Winckler stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob denn eine transparente und gerechte Gesellschaft möglich sei.
"Früher glaubte ich an eine Gesellschaft der Gleichheit und Transparenz. Es entsteht dadurch aber eine neue Art der Entfremdung und der Autorität. Ich war damals ein Kommunist. Ich glaubte an Transparenz im Sinne eines abstrakten Freiheitsbegriffs. Heute glaube ich nicht mehr daran. Aber man muss ein sozialistischer und radikaler Demokrat sein. Und – man muss einen Sinn für Bescheidenheit haben."
Es sei wichtig, sich auch in neuen Belangen auf die alten Widersprüche zu besinnen, zu sehen dass immer eine gewisse Gefahr bestehe. Durch den Kommunismus konnte den Widersprüchen kein Ende gesetzt werden.
"Das Ende der Widersprüche gibt es nicht."
Die Autorin ist ipsum–Aktivistin und Studentin der Internationalen Entwicklung.