Vera Brandner, Fotografin und Lektorin am Institut für Internationale Entwicklung, präsentierte am 30. November 2012 ihr Fotobuch Das Bild der Anderen / Picturing Others im Photoinstitut Bonartes. Sie bot damit eine spannende Gegenperspektive zur dort laufenden Ausstellung Orientalische Phantasien.
Westliche Faszination für die „Fremdartigkeit“
Um die Entstehung des Fotobuches von Vera Brandner besser nachvollziehen zu können, half eine Reise in die Fotografie aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung Orientalische Phantasien eine Künstlerreise nach Ägypten zeigt Fotografien von MalerInnen, die 1875 nach Kairo reisten. Dabei sollten Eindrücke für orientalistische Gemälde gesammelt werden, die zu der Zeit international beliebt waren. Es wurde nicht nur eine große Zahl an Studien sondern auch viele Fotografien als Erinnerungshilfen und praktische Vorlagen für später angefertigt. Die Kamera diente so als Vehikel zur Inszenierung von bestimmten Vorstellungen dieser KünstlerInnen.
Die große Bildproduktion thematisierte dabei zwei ganz unterschiedliche Kontexte: einerseits die Überlieferung von als ehrwürdig empfundenen Altertümern und anderseits die Faszination für die Fremdartigkeit des zeitgenössisch-orientalischen Alltagslebens. Bei dem anderen Blick auf Leute in ihren Diensten, wie es Monika Faber als eine Mitautorin des Fotobuches von Vera Brandner formulierte, ging es nicht um die Selbstdarstellung der Menschen, sondern darum wie die Künstler sie gesehen haben. Laut Ausstellungsfolder wurden, den mitgebrachten westlichen Vorstellungen entsprechend, die Fotos oft übertrieben exotisch, idyllisch und pittoresk inszeniert.
Asymmetrien ausloten
Fast 150 Jahre später fand Vera Brandner nach fotografischer Ausbildung in Wien und Berlin sowie ihrem Studium der Internationalen Entwicklung einen ganz anderen Zugang zur Fotografie in fremden Ländern. Den Menschen vor der Kamera soll die Chance gelassen werden, sich in diesem Moment so darzustellen wie sie es möchten. Sie portraitierte Menschen in Angola, Pakistan, Afghanistan, Israel und Palästina. Brandner ging es von Anfang an nicht darum, bloß ein gutes Bild zu bekommen. Vielmehr versuchte sie über ihre dialogisch-kommunikative Bildstrategie die Asymmetrie zwischen FotografIn und fotografierter Person auszuloten: Ich möchte sehen, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Fotografie entsteht, was genau in dem Moment des Fotografierens geschieht, so Brandner. Dabei war die Choreografie immer die gleiche: Sie brauchte Kamera, Objektiv und die banale Frage Darf ich ein Bild von dir machen?, wozu zumindest kleine Kenntnisse der Landessprache oder ÜbersetzerInnen nötig waren.
Als besondere Herausforderung beschrieb die Fotografin das Eintauchen in den fotografischen Prozess und das kurze Abkommen mit den Menschen. Dabei passiere so viel, was sie nach wie vor sehr fasziniere, erzählte die Fotografin. Für diese sensiblen Sekunden der Kommunikation war die fotografische Vorgehensweise nicht irrelevant. Brandner benutzte eine Hassellblad-Kamera, also eine Mittelformatkamera, die man nicht vor den Kopf sondern vor den Bauch hält. Auf diese Weise konnte die Fotografin mit den Menschen weiterkommunizieren und den Augenkontakt aufrecht erhalten. Der kleine Moment skeptischer Blicke, der Angst oder Neugier, der sich oft zwischen Fotografin und der abgebildeten Person abspielte, blieb für die BetrachterInnen jedoch ungesehen und ungefühlt.
Kolonialer vs. postkolonialer Blick
Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums und Mitautor des Fotobuches, betonte die Unterschiede zwischen einstigem kolonialen und heutigem postkolonialen Blick. Während ersterer Bilder des Ausgesetztseins vermittelte, verwehre sich letzterer gegen die automatische Zuschreibung einer Opferrolle. Man könne den Personen auf den Bildern Brandners nicht ihre Subjekthaftigkeit nehmen, so Faschingeder. Er kritisierte, dass der größte Teil der Fotografie weiterhin zu häufig ein obszönes Gewerbe darstelle. Vereinbarungen über den Einsatz von Bildern im entwicklungspolitischen Kontext finden oft zu wenig Beachtung und kritische Fragen, die so zentral wären, werden übergangen: Wie inszeniert man ein Projekt? Werden die Leute gefragt? Wie werden sie dargestellt? Vera Brandners Fotos beschrieb Faschingeder hingegen als sensibel und reflektiert: Wer in diese Augen schaut, sieht Selbstbewusstsein und eigenständige Akteure. Hier steht nichts weniger als die Entkolonialisierung der Bilderwelt auf dem Spiel. So scheint der Versuch Asymmetrien aufzuheben zumindest in der Fotografie Brandners auf einem guten Weg.
Der Moment der Entstehung
In Brandners Projekt ipsum (lat.: selbst) machen Menschen jeden Tag immer wieder ihre Bilder selber. Die tiefere Bedeutung dieser fotografischen Praxis beschrieb Brandner kurz und simpel: Das Zentrale ist es, es selbst zu tun, selbst zu entscheiden und damit zwischenmenschliche Asymmetrien auszuloten. Eine gewisse Ungereimtheit bleibt für Brandner dennoch: Ich bleibe trotzdem die Weiße, die hinfliegt; die Leute von dort können nicht hier herfliegen. Aber sie geben ihr Einverständnis zum Bild und lassen die BetrachterInnen andere Perspektiven als die gewohnten einnehmen.
Die zahlreichen Bilder von Vera Brandner, die eine langjährige und intensive Arbeit und reflexive Auseinandersetzung mit der Fotografie im interkulturellen Kontext widerspiegeln, sind in einem grafisch schlicht gehaltenen Fotobuch erschienen und werden von Texten der AutorInnen Monika Faber, Walter Moser und Gerald Faschingeder begleitet. Die fast 50 BesucherInnen der Veranstaltung verdeutlichten die Aktualität und das Interesse am Thema der Darstellung der Anderen in den Medien, hier am Beispiel der Fotografie. Jedenfalls ließ Brandner spüren wieviel persönliches Herzblut in ihrer Arbeit steckt. Dies ist wohl auch nötig, um diese ehrliche Art von Bildern zu kreieren. Es geht um den kleinen, aber feinen Moment der Entstehung der Bilder, nicht um das bloße Abdrücken für ein möglichst schnelles und gutes Foto.
Mehr Informationen zu Vera Brandners Arbeit finden Sie auf:
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.