Cultural Action for Freedom

Eine Präsentation des Buches „Cultural Action For Freedom“ von Paulo Freire. Übersetzt aus dem Portugiesischen in das US-Amerikanische von Loretta Slovers.

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„Cultural Action For Freedom“ entstand im Rahmen einer einjährigen
Gastprofessur des Autors 1969/70 für „Studies in Education and
Development“ an der Harvard University. Die Monographie besteht aus
zwei Essays.

 

 

Alphabetisierung als kulturelle Aktion der Befreiung.

Gegenstand des ersten Essays „The Adult Literacy Process as Cultural Action For Freedom“ ist der Alphabetisierungsprozess bildungsferner Gruppen der Gesellschaften Lateinamerikas. Das Unterdrückungsverhältnis zwischen den Eliten und den „Massen“(explizit bezieht er sich hier auf die politische Elite und LandarbeiterInnen) fasst Freire in unterschiedlichen Gegensatzpaaren (manager-/ first world-/ metropolitan-/ director societies versus dependent-/ third world-/ alienated-/ object societies), die nicht näher voneinander unterschieden werden. Unterdrückungsverhältnisse werden von Freire, der sich in seiner Analyse der Klassengesellschaft auf Marx bezieht, als ein zugleich problematisches aber auch Kreativität freisetzendes Spannungsfeld begriffen.

Ein wichtiges Analysemittel der freireanischen Pädagogik ist die Vorstellung einer „Kultur des Schweigens“. Unterdrückungsverhältnisse, z.B. zwischen der brasilianischen Elite und der Bevölkerung, würden dadurch verfestigt. „In der Kultur des Schweigens sind die Massen „stumm“, das heißt ihnen ist die kreative Umwandlung ihrer Gesellschaft und damit auch das Sein verboten.“ (S. 13)

Begriffen Menschen einander als Subjekte und träten in einen Dialog miteinander ein, impliziere dies die Auflösung des Unterdrückungsverhältnisses. Nach Freire findet ein Dialog nur dann statt, wenn Menschen auf der Basis gegenseitiger Anerkennung miteinander kommunizieren. Ein Wort sei nur dann ein „wahres“ Wort, wenn es auch mit der Praxis verbunden ist. Der Dialog wird so zum Fundament pädagogischen Handelns bei Freire.

Der Alphabetisierungsprozess, als Akt der Bewusstwerdung der subjektiven Existenz des Menschen mit der Welt und mit dem Anspruch auf ein würdiges, nicht-objektiviertes Dasein, wird hierbei als politisierender und befreiender Akt begriffen.

Der Mensch mit der Welt.

In dem zweiten Essay „Cultural Action and Conscientization“ legt Freire die Bedeutung der Bildung eines kritischen Bewusstseins im Zusammenhang mit der lateinamerikanischen Geschichte der Kolonialisierung dar. Das Scheitern verschiedener revolutionärer Bestrebungen, wie beispielsweise in Peru, Mexiko, Brasilien und Bolivien, analysiert Freire unter dem Aspekt des unzureichenden Dialoges zwischen revolutionärer Führung und der Bevölkerung. Die Emanzipation Letzterer von einer unterdrückerischen Elite oder paternalistischen revolutionären Führung setzt nach Freire eine Veränderung des einzelnen Menschen voraus. „Conscientization“ oder Bewusstseinsbildung bezeichnet hierbei den Prozess in dem sich der lernende Mensch seiner Fähigkeit zur aktiven Veränderung seiner Lebensbedingungen bewusst wird.

„Während eine kulturelle Aktion der Befreiung durch den Dialog gekennzeichnet istist eine kulturelle Aktion der Unterdrückung dem Dialog entgegengesetzt und dient dazu die Leute zu zähmen.“ (S. 46f.) Eine kulturelle Aktion der Befreiung ist nach Freire notwendig um eine unterdrückerische Gesellschaftsordnung aufzubrechen. Doch was folgt darauf?

„Unsere Pädagogik kommt nicht ohne eine Vision vom Menschen und der Welt aus.“ (S. 20) Auf eine kulturelle Aktion der Befreiung muss nach Freire eine kulturelle Revolution folgen, welche durch eine mit der Bevölkerung durch den Dialog verbundenen revolutionären Führung gestützt wird. Aktives Mitgestalten der eigenen Lebensbedingungen sowie eine dialogische Beziehung zu anderen Menschen seien die Fundamente einer freien Gesellschaft. Das Konzept des Dialoges setzt in dieser Vorstellung von Freiheit die Grenzen, da eine dialogische Beziehung zwischen Menschen nach Freire eben nur dann möglich ist, wenn die DialogpartnerInnen sich gegenseitig das Recht der aktiven Lebensgestaltung anerkennen.

Eine andere Welt ist möglich.

In „Cultural Action For Freedom“ setzt Freire sein Konzept einer befreienden Erwachsenenbildung dem damaligen, von ihm als paternalistisch kritisierten Bildungswesen entgegen. AnalphabetInnen würden von BildungsakteurInnen in einem Akt der Hilfestellung mit Lerninhalten „gefüttert“. Auf diese hätten die EmpfängerInnen dieser Hilfe keinen Einfluss, müssten sie aber sehr wohl „verdauen“. Explizit in die Kritik geraten hier Frontalvorträge, Auswendiglernen, das Vorselektieren der Lernmaterialien sowie Evaluation von „Lernerfolgen“.

Zu empfehlen ist die Monographie zur Einführung in das pädagogische Universum Freires auch durch die angefügten Praxisbezüge. Wie mittels eines einzelnen Wortes aus der Lebensrealität der Lernenden, eines so genannten generativen Wortes, ein Einstieg in die Alphabetisierung geschaffen werden kann, wird im Anhang detailliert dargelegt.

Sprachlich bleiben, und dies obwohl Freire selbst die Auswirkungen von Sprache auf die menschliche Realitätswahrnehmung kritisch hervorhebt, Frauen in seinem Text unsichtbar. Zwar ist der zeitgeschichtliche Kontext zu berücksichtigen, jedoch weißt die Subsumierung von Frauen unter den männlichen Genus in den Texten eines kritischen Theoretiker-Praktikers wie Freire einmal mehr auf die Problematik der normalisierten Dominanz des männlichen über das weibliche Geschlecht hin.


Paulo Freire: Cultural Action For Freedom. Cambridge, [Harvard Educational Review and Center for the Study of Development and Social Change] 1970. (= Harvard Educational Review Monograph Series No.1.) 55 Seiten.

Reprint: Harvard Education Press, 2000.


Die Autorin ist Studentin der Erwachsenenbildung an der Freien Universität Berlin und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen, Themen.