Buchrezension: Wenn Weiterbildung die Antwort ist, was war die Frage?

Wenn von Bildung die Rede ist, herrscht weitläufig ein Konsens von „je mehr, desto besser“. Auch das unendliche Verbesserungspotenzial, das Bildung bereithält, wird von Pädagog*innen wie Politiker*innen betont – Stichwort „Erwachsenenbildung“. Doch der Status einer Universallösung für soziale, psychische oder gesellschaftliche Probleme überschattet oftmals die Frage, warum und für wen es eigentlich welche Art von Bildung braucht

Wozu Weiterbildung?

Genau diesem Automatismus, dass Bildung immer irgendwie auch „Lösung“ bedeutet, möchten die Autor*innen des schulheft 156 auf den Grund gehen und erörtern die Frage „Wenn Weiterbildung die Antwort ist, was war die Frage?“ – so auch der Titel des Buches. Erschienen ist das schulheft 2014 mit Beiträgen von Ingolf Erler, Wilhelm Filla, Daniela Holzer, Ulla Klingovsky, Peter McLaren, Astrid Messerschmidt, Susanne Pawlewicz, Erich Ribolits, Daniela Rothe und den maiz*-Frauen. Gemeinsam ist den Autor*innen der pädagogische beziehungsweise bildungswissenschaftliche Hintergrund und das spezifische Interesse an (kritischer) Erwachsenenbildung. Im schulheft hinterfragen sie das vorherrschende Paradigma, wonach „lebenslanges Lernen“ innerhalb der Gesellschaft notwendig sei und legen dar, welche Funktion die geforderte Art von Bildung aus ihrer Sicht letztlich (nicht) erfüllt.

Zum Hintergrund der Buchreihe.

Die schulheft-Reihe des StudienVerlags Innsbruck stellt ein kritisch pädagogisches Forum dar, das Theorie und Praxis in Bezug auf Bildungsthemen zusammendenkt. Somit richtet sich die Lektüre in erster Linie an Pädagog*innen. Die Reihe wurde im Zuge der 1968er-Studierendenbewegung ins Leben gerufen. Das rezensierte Buch steht also ganz in jener sozialistischen Tradition, nach der die vorherrschenden Bildungssysteme und ihnen innewohnende Herrschaftsstrukturen hinterfragt werden. Die Autor*innen betrachten nun die oft geforderte permanente Weiterbildung Erwachsener im Spannungsfeld von „Arbeitslosigkeit, unternehmerischem Wettbewerb, subjektivem Leiden an gesellschaftlichen Verhältnissen bis hin zu gesundheitlichen und ökologischen Fragen“ (S. 5). Im Besonderen gehen sie auf die postulierte Eigenverantwortung zur Weiterbildung und somit auf die Individualisierung der genannten Probleme ein.

Von Freiheit und Sicherheit.

Ingolf Erler kontrastiert in seinem Beitrag die sogenannte Schichtgesellschaft des späteren 20. Jahrhunderts mit der heutigen Wissensgesellschaft westlicher Industriestaaten. Während sich erstgenannte in der „Hoch-Zeit der Gewerkschaften, der Sozialpartnerschaft“ wiederfand, als sich durch Fleiß und den „kollektiven Glauben an eine bessere Zukunft“ eine breite Mittelschicht formierte und sozialer Aufstieg tatsächlich möglich war, sei die postmoderne Wissensgesellschaft von „flüchtigen Zeiten“ geprägt (S. 50, 52). Während frühere Generationen zwischen Freiheit und Sicherheit also in höherem Maße abwägen konnten, paare sich die allgemeine Unsicherheit heute mit zunehmender Unfreiheit.

Ein neoliberaler Diskurs.

Diese Unfreiheit äußere sich darin, dass die heute geforderte Bildung, nicht Bildung im Sinne der Aufklärung sei. Sie befördere nicht das kritische Hinterfragen, die Emanzipation von bestehenden Herrschaftsverhältnissen, sondern geradezu das Gegenteil. Der Bildungsdiskurs als Ganzes werde, so Peter McLaren, von „kapitalistischen Intellektuellen“ kontrolliert, die das Fortbestehen ihrer Hegemonie sichern wollen (S. 14). Bildung werde ein alternativloses und somit undemokratisches Konzept, wie Wilhelm Filla betont, ein strikt neoliberales Dogma, das zugunsten der Kapitalinteressen über die Bedürfnisse der Menschen hinwegsieht.

Individualisierung der Verantwortung.

Dabei würde die Bevölkerung „hinsichtlich ihrer Hoffnungen, Loyalitäten und Absichten“ hinters Licht geführt, kritisiert McLaren (S. 14). Autonomie und Flexibilität würden Arbeitnehmer*innen gegenüber als Belohnung, als ein „Mehr“ an Freiheit dargestellt. Bei näherer Betrachtung handele es sich dabei jedoch um das krasse Gegenteil, wie aus Ingolf Erlers Beitrag hervorgeht. Autonomie bedeute in diesem Kontext, dass heute jede*r zur (konformistischen) Selbstausbeutung erzogen werde. Analog, so Daniela Holzer, sei das Ideal von „jung, flexibel, anpassungsbereit“ eine Umschreibung für möglichst „unterwürfig […] und vor allem – billig“ (S. 43). Des Weiteren beinhalte das Dogma der Eigenverantwortlichkeit die Stigmatisierung von Menschen, die unfreiwillig, aber systematisch aus dem „Hamsterrad ständiger Höherqualifizierung“ herausfallen, sprich: der Arbeitslosen (S. 56, Erler).

Praktische Implikationen?

Von beschleunigten Leben bis hin zu sozialer Spaltung streicht das schulheft die weitreichende Bedeutung eines ideologischen Konzepts heraus. Zwar leisten die Autor*innen hier wichtige Aufklärungsarbeit, die Übersetzung der Kritik in praktische Handlungsstrategien bleibt jedoch aus. Mehr Tiefgang bei den diskutierten Themen und konkrete Beispiele wären wünschenswert.

Sozialistische Allgemeinbildung – jetzt!

Zugutehalten muss man den Autor*innen, dass sie sich klar zu ihren politischen Position bekennen und sich nicht als vermeintlich apolitische Betrachter*innen von außen geben, wo auf jede klare Ansage eine Relativierung folgt. Sie legen die Karten auf den Tisch – im Falle von Peter McLaren mit einer derart bildhaften Fäkalsprache, dass man fast schon schmunzeln muss. Allerdings ist diese Deutlichkeit nur konsequent: Denn der große Vorwurf der Autor*innen an Wirtschaftstreibende und Politiker*innen ist es, dass lebenslange Weiterbildung im Neoliberalismus als etwas Unpolitisches und Partikuläres dargestellt wird. Der neoliberalen Scheinobjektivität trotzen die Autor*innen jedenfalls mit voller Wucht.

Eindimensionale Kritik.

Leider stoßen die Autor*innen beim Enthüllen von Herrschaftsverhältnissen schnell an ihre Grenzen. Thematisiert wird stets der Klassenkampf, andere Herrschaftsstrukturen wie etwa geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Wissenschaftsbetrieb werden wenig bis gar nicht beleuchtet.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Foto: © schulheft StudienVerlag.

Weiterführende Links:

Die schulhefte zum gratis Download
Über die Ökonomisierung des Hochschulsektors
Über das neoliberale Bildungsideal

Weiterführende Literatur:

Freire, Paulo. 1970. Pädagogik der Unterdrückten. Stuttgart 1971.

Kemper, Andreas und Weinbach, Heike. 2009. Klassismus. Eine Einführung. Münster: Unrast.

McLaren, Peter. 2005. „Critical Pedagogy and Class Struggle in the Age of Neoliberal Globalization: notes from history’s underside“. Internation-al Journal of Inclusive Democracy, 2(1).

Messerschmidt, Astrid. 2007. „Immanente Gegensätze. Nachdenken über eine selbstkritische Bildungstheorie mit Gernot Koneffke“. In: Bierbaum, Harald/Euler,

Peter/Feld, Katrin/Messerschmidt, Astrid/Zitzelsberger, Olga (Hrsg.): Nachdenken in Widersprüchen. Gernot Koneffkes Kritik bürgerlicher Pädagogik. Wetzlar:

Büchse der Pandora, S. 145-154.

Ptak, Ralf. 2007. Grundlagen des Neoliberalismus. In: Butterwegge, Christoph/Lösch, Bettina/Ptak, Ralf/Ptak (Hrsg.): Kritik des Neoliberalismus. Wiesbaden: VS-Verlag. S. 13-86.

Sprung, Annette. 2011. Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Münster: Waxmann.

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