
Wie lässt sich das Bildungssystem in Österreich sinnvoller gestalten? Im 2024 erschienenen Schulheft Nr. 193 zeigen Akteur*innen aus unterschiedlichen Bildungsbereichen Wege für eine gerechtere Bildung auf. Das Schulheft ist ein kritisch pädagogisches Forum, das Theorie und Praxis verzahnt, deren Zeitschrift seit 2004 im Studienverlag erscheint. Die 193. Ausgabe, herausgegeben von Doris Englisch-Stölner, Assimina Gouma, Josef Mühlbauer und Michael Sertl, trägt den Titel „Strukturelle Diskriminierung und Bildung. Analysen, Interventionen, Wege“.
Im vorliegenden Sammelband erhalten die Leser*innen Einblicke in die große Bandbreite der Bildungsarbeit und darüber, wie eine gerechtere Bildung vonstatten gehen kann. Anhand von Analysen und Interventionen aus der Bildungspraxis öffnen die Autor*innen eine Vielfalt an Themen. Die Beiträge setzen sich mit struktureller Diskriminierung in der Bildung auseinander und hinterfragen bestehende Strukturen. „Die Beispiele machen Mut, der Chancengerechtigkeit durch Bildung ein Stück näher zu kommen“, schreiben die Herausgeber*innen in den einleitenden Worten.
Über das Machtkonstrukt der Bildung.
Bildung findet immer innerhalb von sozialen Machtverhältnissen statt, sind sich die Autor*innen einig. Dabei stützen sie sich auf Forschungserkenntnisse, die unterstreichen, dass das österreichische Bildungssystem diskriminiert – allen voran durch das frühe Selektieren der Schüler*innen in verschiedene Schulformen (Sonderschule, AHS, NMS) – und folglich auch Schule Ungleichheiten reproduziert.
Zudem werde Bildung in Österreich stark vererbt. Menschen mit Migrationshintergrund, die aus bildungsfernen Familien stammen, würden beispielsweise besonders viele Steine in den Weg gelegt, ein Studium zu absolvieren. „Die Geschichte der Schule ist seit Beginn eine Erzählung über Selektion und über die Verteilung von Privilegien durch Bildung entlang der sozialen Klassen“, so auch die einleitenden Worte des Sammelbands. Strukturelle Diskriminierung werde legitimiert und normalisiert, was zur (De)-Privilegierung sozialer Gruppen führe. Bestimmte Gruppen würden also systematisch von Bildung ferngehalten. Zudem kritisieren die Autor*innen stark, dass es in Österreich hauptsächlich um die Kompetenz- und Leistungsorientierung im Bildungssektor geht, die wiederrum zu einer Abkehr des inhaltlichen Lernens und zum „Verlust des Kritischen“ führe.
Bildung als Spielball politischer Interessen.
Zu Beginn umreißt das Buch die politische Bildung in Österreich aus historischer Sicht sowie die bedeutende Rolle des Staates. Denn dieser ist schließlich jene Instanz, durch die emanzipatorische Projekte politisch und rechtlich durchgesetzt werden können. Der Autor dieses Kapitels, Sascha Regier schreibt, dass der Staat konservativ ausgerichtet ist, denn ihm gehe es immer darum, die Herrschaft zu legitimieren. Kritische „Politische Bildung ist daher immer Staatskritik“, so Regier. Der Staat müsse jedoch immer miteinbezogen werden, da er soziale Ungleichheiten schafft, aber gleichzeitig auch auflösen kann. Bildung sei immer ein Spielball politischer Interessen. Das Grundproblem der Bildung im deutschsprachigen Raum sei, dass sie ökonomisch verwertbar sein soll. „Die Schüler*innen sollen als Humankapital formiert werden, um die Volkswirtschaften konkurrenzfähig für die Erfordernisse der nationalen Wettbewerbsstaaten im globalisierten Spätkapitalismus zu machen“, so die Herausgeber*innen. Besser wäre es jedoch, wenn Bildung weniger leistungsorientiert gestaltet würde und mehr auf Emanzipation abzielen könnte. Beim Lesen wird hier die Ambivalenz des Bildungsbegriffes besonders deutlich: Einerseits habe dieser eine konservative Funktion, andererseits aber auch eine kritische. Und gerade die Schule könne dazu beitragen, Ungleichheiten abzubauen.
„Postmigration macht Schule.“
Wie komplex Bildung ist, wird dem*der Leser*in spätestens beim Durchstöbern des Inhaltsverzeichnisses klar. Sowohl die unterschiedlichen Professionen der Autor*innen (Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Sprachförderkräfte, Universitätspersonal) als auch die Inhalte der Texte repräsentieren die Diversität des Themas. Diskriminierende Bildungsverhältnisse sind immer intersektional zu betrachten. Ein Kapitel umreißt beispielsweise, dass Frauen* im Wissenschaftsbetrieb nach wie vor stark benachteiligt werden und hauptsächlich weiße Männer Universitätskarriere einschlagen. Im Text von Buchner und Höger geht es darum, wie Personen mit Behinderungen im Bildungssystem diskriminiert werden und was dagegen getan werden kann. Die Mehrheit der Beiträge fokussiert Migrant*innen als sogenannte „Randgruppe“, da jene die meisten Ungerechtigkeiten erfahren würden. Dem Thema ist auch ein alleiniges Kapitel „Postmigration macht Schule“ gewidmet.
Was die Texte vereint, ist nicht nur eine lautstarke Kritik am Bildungssystem, sondern auch, dass die Akteur*innen bestehende Herrschaftsverhältnisse im Bildungsbereich umzudrehen versuchen. Deutlich wird dies am Artikel „MigrAnimations und Migratopia“, in dem eine Lehrerin über das Projekt Migratopia reflektiert: „Durch die gemachten Erfahrungen haben wir erkannt, dass Kinder wissen, dass Diversität zum Alltag dazugehört und diesen bereichert“. Im Zuge des Projekts dachten sich Schüler*innen der 1. Klasse Volksschule ein Land namens Migratopia aus, wo sich alle zuhause fühlen. „In Migratopia ist alles erlaubt, was gut tut (…) jede*r, der/die möchte, kann in dieses Land kommen – jede*r Einzelne ist willkommen“. Ein Text, der unter die Haut geht.
„Zwischen den Stühlen?“
Den Herausgeber*innen des „Schulhefts“ 193 ist besonders gut gelungen, Nischenthemen aufzudecken, die im Bildungsdiskurs oft zu kurz kommen. Das Kapitel „Ableismus-sensibel unterrichten“ zeigt anhand konkreter Beispiele, wie der Bewegungs- und Sportunterricht an Schulen ableismus-sensibel gestaltet werden kann. Susanne Fuhrmann geht im Kapitel „Zwischen den Stühlen?“ auf jugendliche Seiteneinsteiger*innen und deren individuellen Lernbedürfnisse in der Sekundarstufe I ein. Dies sei eine bisher außer Acht gelassen Gruppe, die viel mehr Beachtung benötige. Dazu gehören all jene, die im Alter von zehn bis 15 Jahren in das österreichische Bildungssystem einsteigen und davor keinen oder kaum Zugang zu institutionalisierter Bildung hatten. Eine Herausforderung, der unser Bildungssystem nicht gerecht wird, so die Kritik. „(…) vielmehr hat unser Schulsystem noch immer keinen passenden Platz für die vorbereitet“, schreibt Fuhrmann.
Bildung, die einschließt.
Insgesamt fassen die Autor*innen zusammen, dass Bildung viel inklusiver und individueller sein müsste, um strukturelle Diskriminierungen aufzubrechen. Außerdem sollten nicht nur Leistung, sondern auch Erfahrungen und die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Lernenden vielmehr in den Mittelpunkt rücken. Mehrsprachigkeit sollte keine Hürde darstellen, sondern als großer Schatz betrachtet werden. Ein weiterer Schritt zu mehr Gerechtigkeit wäre auch eine weniger selektive Bildung, die hierzulande schon im frühen Schulalter beginnt. Internationale Vergleiche wie PISA weisen auf die im Durchschnitt enttäuschenden Lese- und Mathematikkompetenzen in Österreich hin, die durch die frühe Selektion bzw. Trennung der Schüler*innen – ausgehend von einer notenbasierten Leistungsheterogenität – ausgehe. Kanada weist im OECD-Vergleich hingegen die höchste durchschnittliche Lesekompetenz auf. Hier gibt es überwiegend öffentliche Gesamtschulen mit einem der höchsten Anteile an Schüler*innen mit Migrationsbiographien und Familiensprachen.
Das Buch springt von der Mehrsprachigkeit zu einem ganz anderen Thema, nämlich dem Wissenschaftsbetrieb. Das vorletzte Kapitel unterstreicht die Dringlichkeit, gegen die prekären Arbeitsbedingungen im Wissenschafts- und Universitätsbetrieb vorzugehen. Genauso wie in der Schule basiert Bildung hier auf Kompetenzen und hohem Leistungsdruck. „Gerade der akademische Sektor zeichnet sich durch starke Hierarchien aus, was wiederum zu problematischen Abhängigkeiten und Ausbeutungsverhältnissen führen kann“, so der Autor des Textes, Mario Keller. Er führt den Leser*innen vor Augen, welche Auswirkungen die Umbrüche im akademischen System seit den 2000er Jahren unter Schwarz Blau verursacht haben. Auch hier sei eine Reform unerlässlich.
Das Thema an der Wurzel packen.
Die große Bandbreite an Themen ermöglicht der Leser*innenschaft an unterschiedlichen Punkten tief ins Werk einzutauchen. Insgesamt könnte jedoch eine bessere Struktur, beziehungsweise eine chronologische Abfolge der Texte den Lesefluss erleichtern. Leider findet der Kindergarten – als eine der wichtigsten Bildungseinrichtungen – im Sammelband kaum Beachtung. Wenn wir von Bildungsungerechtigkeiten sprechen, sollten wir allerdings immer bei der Wurzel, nämlich der frühen elementaren Bildung ansetzen. Dennoch sollten alle im Bildungsbereich arbeitenden Personen dieses Werk lesen, um sich bewusst zu machen, in welchen Strukturen sie gefangen sind und wie man diese in der täglichen Bildungsarbeit durchbrechen kann.
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