
Was ist Lust und wie wirkt sie sich auf unser Handeln aus? Dieser Frage gehen die acht Autor*innen in der 171. schulheft Ausgabe des Studienverlags nach. Wer jetzt denkt, dass es 100 Seiten lang darum geht, wie wir Lust am Lernen empfinden und dadurch mehr Leistung erbringen können, liegt falsch.
Die schulheftreihe entstand ausgehend von der 68er Bewegung 1976 als pädagogisch kritisches Forum. Auch diese Ausgabe betrachtet Bildungssystem und gesellschaftliche Strukturen aus kritischer Distanz.
Was ist Lust?
Lust ist keine rein körperliche Empfindung und sie muss auch nicht zwangsläufig mit Erotik im Zusammenhang stehen. Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant legen jedoch genau das nahe. Die Vernunft wird bevorzugt und definiert als Denken, das frei von Gefühlen ist. Der Intellekt tut am besten daran, das barbarische Triebleben des Menschen zu unterwerfen.
Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Theodor W. Adorno sehen das anders. Für Adorno stellen Denken und Fühlen keine Gegensätze dar. Vielmehr stehen sie miteinander im Dialog und befruchten sich gegenseitig.
Die „Sinnlichkeit geistiger Erfahrung“ ist auch für Michael Parkettiers Kunstbegriff wichtig. Wenn Menschen „ästhetische Lust“ empfinden, verlieren sie das Gefühl für sich selbst. Sie treten in einen Zustand ein, der jenseits moralischer Prinzipien liegt.
Ein Thema, viele Perspektiven.
Den thematisch ausgefallensten Beitrag leistet zweifelsfrei Helga Peskoller. Sie schildert die mentale und körperliche Grenzerfahrung Reinhold Messners und Hans Kammerlanders. Die beiden Extremsportler bestiegen 1984 zwei Berggipfel des Himalayamassivs auf 8000 Höhenmetern. Auch Julia Köhler setzt sich damit auseinander wie Lust durch verdichtetes Erleben entsteht. Sie untersucht wie junge Menschen im Theater lernen, sich selbst und andere intensiver und reflektierter wahrzunehmen.
Die drei ersten Artikel des Bandes sind stärker gesellschaftskritisch orientiert. Utopische Visionen und alternative Denkansätze holen sich die Autoren zumeist aus Literatur und Philosophie. Erich Ribolits stellt die Frage, wie wir uns Glück und Gemeinschaft jenseits von leistungs- und konsumorientierten Gesellschaftsformen vorstellen können. Lorenz Glatz nimmt die Ausbeutung der Natur in den Fokus. Er fragt, wie Erziehung dazu dient, Hierarchien aufzubauen und beherrschte Menschen fügsam zu machen. Daniela Holzer setzt sich damit auseinander, wie das neoliberale System Lust für seine Zwecke benutzt.
Wie Lust für wirtschaftliche und politische Interessen benutzt wird.
Holzer definiert Affekte als Schnittstelle von Körper und Bewusstsein. Sie werden für kapitalistische Interessen gezielt genutzt, um Produkte besser zu vermarkten und Angestellte wie auch Manager leistungsfähiger zu machen. Das gilt auch für pädagogisches Handeln. Menschen werden dazu gebracht, herrschende Strukturen, Ideologien und Denkmuster zu verinnerlichen. Schule vermittelt laut Eveline Christof Wissen, das junge Menschen brauchen, um auf das gesellschaftliche Leben vorbereitet zu sein und qualifiziert für die Arbeit in einem Beruf. Heranwachsende werden mit grundlegenden Fachkenntnissen ausgestattet und mit sozialen Umgangsformen vertraut gemacht.
Eine hierarchisch organisierte Gesellschaft funktioniert Glatz zufolge nur, wenn ein Großteil der Bevölkerung gleichgeschaltet wird. Durch Selbstoptimierung und lebenslanges Lernen funktionieren Menschen im bestehenden System. Lust wird nicht zuletzt erfahren, wenn Individuen darin Erfolg haben, wie Christof zeigt. Wahres Glück jedoch entstehe nur in einer Gemeinschaft und durch Abwesenheit von Zwang, so Ribolits. Glatz folgert: Nicht Reichtum und Leistungsdruck, sondern solidarisches Handeln und Freundschaft können menschliche Gefühle befriedigen.
Ist Lust am Lernen in unserer Gesellschaft eine Illusion?
Eveline Christof untersucht, wie individuelles Lernen und das System Schule funktionieren. Gemeinsam mit Christian Kahler arbeitet sie heraus, wie wichtig persönliche Erlebnisse für Heranwachsende in einem institutionalisierten Umfeld sind. Lust am Lernen sei eine sehr persönliche Erfahrung. Sie entstehe dann, wenn wir uns selbstständig in ein Thema vertiefen, das uns interessiert. Spaß hingegen dient oft dazu, die Produktivität des einzelnen zu steigern. Er wird im Unterricht künstlich erzeugt, damit die Schüler besser arbeiten. Dass institutionalisiertes Lernen nach gesetzlichen Vorschriften, die für alle gelten, dabei immer Spaß machen soll, ist widersprüchlich. Auch Konflikte und Unlusterfahrung sind notwendig beim Lernprozess. Sie können das Individuum zum Beispiel darauf aufmerksam machen, dass es eine gegebene Situation verändern will und sich für seine eignen Interessen einsetzt. Denn Schule bietet Raum für persönliche Erfolgserlebnisse, Freundschaft, Austesten von Grenzen, Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und Autoritätspersonen.
Keine Lust zu haben, ist auch okay.
Am Ende fragt sich die/der Leser*in, ob Lust von der Pädagogik wirklich so ignoriert ist, wie der Titel es vorschlägt. Möglicherweise geht es eher darum, Missverständnisse und unangemessene Interpretationen zu bearbeiten. Fruchtbare Fragen wirft der Band zweifellos auf. Der Umgang mit Lustempfinden im Kontext von Schule und Bildung bleibt keine einfache Angelegenheit. Klar wird, dass es wichtig ist, Unlust Raum zu geben. Versuchen Lehrer*innen und Schüler*innen zwanghaft dem neoliberalen Imperativ – Lernen muss Spaß machen – Folge zu leisten, wird die Rolle von Gefühlen im Lernprozess banalisiert. Die unkontrollierbaren, persönlichen Emotionen sind es, die dem Individuum erst die Möglichkeit geben, Selbstständigkeit zu entwickeln. Diese Selbstständigkeit braucht es, um im System Schule Menschen zu bilden, die auch in unserer Gesellschaft etwas verändern können.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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