
Sind alle Menschen mit denselben Chancen geboren? Kann man es wirklich „nach Oben“ schaffen, wenn man sich nur genug anstrengt? Betina Aumair und Brigitte Theißl sagen „Nein“, und räumen in „Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ mit dem neoliberalen Aufstiegsmythos auf.
Das im Herbst 2020 erschienen Buch „Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ von Betina Aumair und Brigitte Theißl beschäftigt sich mit der Idee von „Aufstieg durch Leistung“. Elf Portraits zeigen anhand von unterschiedlichen Biographien, wie das österreichische Bildungssystem ein „Unten“ und ein „Oben“ reproduziert, wie ungleich Vermögen verteilt ist und wie stark Klassismus wirkt, also die soziale Herkunft das Leben prägt. Die Portraits sind auf Basis von Interviews entstanden und bleiben sehr nah an der Sprache der Interviewten.
Bildung und Klassismus in Österreich.
Obwohl Österreich weltweit zu den reichsten Staaten zählt, gibt es soziale Ungleichheit und Armut in der Bevölkerung. 2019 galten in Österreich rund 13 Prozent als armutsgefährdet, 2,6 Prozent als „erheblich materiell depriviert“. Vermögen ist in Österreich sehr ungleich verteilt und wird vor allem von Generation zu Generation weitergegeben. Doch nicht nur ökonomisches Kapital wir vererbt, sondern auch der Zugang zu Bildung. Selbst wenn die formalen Barrieren geringer sind als in andern Ländern (vor allem in Bezug auf Studiengebühren und erforderten Notendurchschnitt bei der Matura), so ist die soziale Mobilität in Österreich trotzdem gering. Einzelne schaffen den Aufstieg nach „Oben“, doch das hängt häufig an individuellen Ereignissen oder unterstützenden Personen. Auf struktureller Eben wirken Ungleichheiten nach wie vor sehr stark.Dder neoliberale Narrativ, dass alle dieselben Chancen haben und durch Leistung und genügend Anstrengung alles möglich sei, ist empirisch nicht haltbar.
„Ich will da hin, aber ich komme nicht rein“
Eines der Portraits im Buch beschreibt die Erfahrungen von Zeynep Arslan. Sie wurde in Istanbul geboren, kam im Volksschulalter gemeinsam mit ihrer Familie nach Wien und ist heute Sozialwissenschaftlerin, die als Projekt-, Event-, Gender-, und Diversitätsmanagerin sowie Autorin arbeitet. Arslan ist– wie alle Portraitieren – in einer Arbeiter*innenfamilie aufgewachstn. Ihre Eltern legten großen Wert auf gute (Aus)bildung, das Kind solle es ja einmal besser und leichter haben als man selbst. Mit 24 Jahren stand Zeynep Arslan dann mit zwei Diplom-Studienabschlüssen und einem Doktorinnen Titel da, jedoch ohne entsprechende Netzwerke im Uni-Umfeld. „Ich will da hin, aber ich komme nicht rein, weil es dazu einfach ganz andere Sachen braucht. Du brauchst Netzwerke, die schauen nicht nur auf deinen Lebenslauf oder dein Können“, erklärt sie im Buch. Es zeigt sich, wie wichtig Sozialkapital vor allem im akademischen Bereich ist, und dass Bildung und Leistung alleine eben doch nicht (immer) reichen. Ein weiterer Aspekt, den dieses Portrait sichtbar macht, ist das „Gefangen-Seins zwischen zwei Welten“. Sogenannte „Aufsteiger*innen“ und Migrant*innen erzählen von demselben Phänomen: Am Ende des Tages fehle die Zugehörigkeit, würden sie sich nirgends so richtig zu Hause fühlen. So beschreibt auch Zeynep Arslan ihre Erfahrungen: „In die Community, in der ich aufgewachsen bin, passe ich nicht mehr hinein. In die Mehrheitsgesellschaft, in der ich lebe, werde ich sozusagen nicht aufgenommen, da passe ich auch nicht ganz dazu.“
Klassenreisen sichtbar gemacht.
Was an „Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ besonders positiv zu bemerken ist, ist der Aufbau durch die elf Portraits. Zum einen bietet das Buch dadurch Einblicke in individuelle Biographien und Lebensrealitäten, was komplexe Themen wie soziale (Un)Gerechtigkeit greifbar macht. Zum anderen brechen die selbstgewählten Ausdrücke und Formulierungen der Interviewten mit der akademischen Sprache, in der Diskussionen rund um Klassismus und Bildung oft geführt werden. Dieser Bruch macht das Buch zugänglich für ein breites Publikum. Auf komplizierte Formulierungen und abstrakte Begriffe verzichten die Autor*innen. Stattdessen zeigen sie anschauliche Beispiele, welche die vorgestellte Theorie untermauern und verständlich machen.
Auch will das Buch nicht die Formel „Aufstieg durch Bildung“ bewerben. Es zeigt auch Hindernisse auf, mit denen jene, die es „geschafft“ haben, konfrontiert sind. Denn selbst mit hohen formalen Bildungsabschlüssen wirkt das soziale Herkunftsmilieu nach – sei es in Form von fehlendem Sozialkapital oder von einem Habitus, also Verhaltensweisen, die trotzdem nicht dem des klassischen Bildungsbürgertums entsprechen. Dadurch kommt es zu keiner Romantisierung vom „sozialen Aufstieg“, sondern zu einem Aufzeigen der oftmals gar nicht so rosigen Lebensrealität sogenannter „Aufsteiger*innen“.
„Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“ eignet sich inhaltlich wie stilistisch nicht nur für Personen, die sich bereits mit Klassismus, sozialem Kapital und Bildungs(un)gerechtigkeit auseinandergesetzt haben, sondern für alle mit Interesse an der Materie. Es erzählt von persönlichen Geschichten und ist somit anschaulicher als gesichtslose Statistiken. Trotzdem schaffen es die Autorinnen, die Thematik nicht zu entpolitisieren und das System, das hinter Klassismus steht und Klassenunterschiede reproduziert, nicht aus den Augen zu verlieren.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
„Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt.“ im OEGB Verlag