Eine Präsentation des Buches „Letters to Cristina: Reflections on My Life and Work“ von Paulo Freire. Übersetzt aus dem Portugiesischen ins US-amerikanische von Donaldo Macedo mit Quilda Macedo und Alexandre Oliveira.

Im Exil in Chile, den U.S.A. und der Schweiz waren es Briefe, durch die
Freire Kontakt mit seinen FreundInnen und Verwandten in Brasilien
halten konnte. Mit diesem Werk löst Freire ein Versprechen an seine
Nichte Cristina ein. "Ich hätte gerne, dass du mir Briefe über dein Leben, deine Kindheit
und nach und nach über die Umstände, die dich den Erzieher werden
ließen, der du nun bist, schreibst", lautete ihre Bitte.So gewährt uns Freire in neunzehn Briefen Einblick in seine Kindheit, Jugend und politischen Reifungsprozess. Seine zweite Ehefrau Maria Araújo Freire ergänzte die, aus Angst vor Repression teils verschlüsselten, Briefe mit ausführlichen Fußnoten über die Politikgeschichte Brasiliens.
Ein Wanderer zwischen den Welten
Als Kind bildungsbürgerlicher Eltern, die finanziell stark unter den Folgen der Wirtschaftskrise von 1929 gelitten hatten, wanderte Freire zwischen den Welten. Er erlebte sowohl Hunger und Not als auch die Privilegien eines Akademikerlebens. Scharfsinnig beobachtete er die "feinen Unterschiede", die den Umgang seiner Umwelt mit ihm und seiner Familie bestimmten. Seine Familie wurde, aufgrund ihrer kulturellen Kapitalien ihrer Bildung und dem Besitz einiger Prestigeobjekte wie eines Pianos beispielsweise nie des Diebstahls bezichtigt. In einer Episode aus seiner Kindheit zeichnet Freire nach, wie er und seine Geschwister vor Hunger nicht umhin kamen, das nachbarliche Huhn zu erdrosseln. Als ihre Mutter dies bemerkte, habe sie den im Bewusstsein einer "Sünde" schweigenden Kindern das Huhn abgenommen und ebenfalls schweigend ein Festmahl für die Familie zubereitet.
Freire wuchs zunächst in einer wohlsituierten Nachbarschaft in Recife auf. Mit zunehmender Verarmung zog seine Familie – Paulo war zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt nach Jaboatão, außerhalb von Recife. So setzte er sich früh mit sozialen Fragen auseinander und zog seine Schlüsse. "Erstens: weil ich Armut erlebt habe, erlaube ich mir selbst niemals in Fatalismus zu verfallen, und zweitens: weil ich in eine christlichen Familie geboren wurde, habe ich unsere prekäre Situation nie als den Wunsch Gottes akzeptiert. Im Gegenteil, ich habe begonnen zu verstehen, dass etwas wirklich Falsches in der Welt geändert werden muss."
Alphabetisierung unter dem Mangobaum
Im dritten Brief beschreibt Freire, der durch seine Alphabetisierungskampagnen international bekannt geworden war, seine eigene Alphabetisierung. Die Eltern brachten ihm Lesen und Schreiben im Garten, im Schatten eines Mangobaumes, bei. Mit einem Stock schrieben sie Buchstaben in die Erde und sprachen über Wörter aus der Lebenswelt des kindlichen Paulos. Auch Paulo Freires politische Alphabetisierung fand unter dem Mangobaum statt. Hier verfolgte er Gespräche zwischen seinem Vater und seinem Onkel, einem Oppositionsjournalisten der unter der stattlichen Repression der Luíz-Regierung zu leiden hatte. Vater wie Onkel unterstützten Getúlio Vargas. Dieser putschte den korrupten, den Interessen der Agrar-Aristokratie zugewandten, Washington Luíz in der Revolution von 1930 aus dem Amt. Vom Militär mit diktatorischer Vollmacht ausgestattet, setzte dieser zwar Sozialreformen um, unterdrückte die politische Emanzipation der Bevölkerung jedoch stark. Aus diesen Eindrücken speisen sich Freires spätere politischen Aktionen.
Pädagogische Praxis als Spiegel der Politik
Freire zufloge fördere weder eine autoritäre noch eine laissez-faire Pädagogik die Demokratie. Die Menschen müssten lernen, mit Respekt füreinander zu leben. Freire schildert anhand der Figur des Lehrers Armada wie in den Schulen Brasiliens militärischer Drill angewandt und Kinder geschlagen wurden. Armada, ein übergewichtiger, den SchülerInnen mit seiner lauten Stimme Angst einflößender Mann, alphabetisierte Kinder indem er sie zum Auswendiglernen zwang. "Ein B plus ein A macht BA, ein B plus E macht BE"
Für die Kinder sei es wichtig zu sehen, meint Freire, dass eine scheinbar omnipotente Autorität verwundbar sei. Die Entwicklung der Menschen zu selbstbewussten BürgerInnen, die für ihre Rechte und die ihrer Mitmenschen einstehen, werde durch ein autoritäres Erziehungssystem unterwandert. Auch zur Aufgabe der Universitäten äußert sich Freire. So solle universitäre Lehre, Erziehung und Forschung dazu dienen, die Gesellschaft positiv zu verändern, und nicht, das bereits Gegebene zu reproduzieren.
Klasseninteressen
Ab 1947 unternahm Freire 10 Jahre lang Erwachsenenbildungsprojekte beim "Education Committee" des "Social Service of Industry"-Regionaldepartements in Pernambuco. Dabei wurde die Ambivalenz einer progressiven, jedoch vom Staat und seinen Interessen Machterhaltung abhängigen Institution deutlich.
In der betrieblichen Weiterbildung solle, so Freire, im Sinne einer kritischen Bewusstseinsbildung auch über Politik gesprochen werden. HandwerkerInnen etwa könnten ihre gesellschaftliche Funktion nur dann erfüllen, wenn auch sie politisch gebildet seien. Eine Demokratie könne nur dort bestehen, wo BürgerInnen, die sich in demokratischen Entscheidungsprozessen engagieren, entsprechenden Einfluss hätten.
Dem narrativen Stil der Briefe verdankt "Letters to Cristina" seine leichte Lesbarkeit. Trotzdem gelingt es Freire in den Anekdoten seine pädagogisch-politische Theorie vor dem Hintergrund der brasilianischen Geschichte des 20. Jahrhunderts einerseits und seiner eigenen Arbeitspraxis andererseits zu entfalten. Auch gender-spezifische soziale Probleme haben in Freires Rückblick Platz. Einzig die immer wiederkehrende Darstellung seiner persönlichen Verbindungen zu verschiedenen Intellektuellen und anderweitig einflussreichen Personen in Brasilien konterkariert seine eigentlich elitenkritische Theorie.
Paulo Freire: Letters to Cristina: Reflections on My Life and Work
Routledge, New York und London 1996. 259 Seiten. 26,81 . ISBN: 0-415-91096-X
Die Autorin ist Studentin der Erwachsenenbildung an der Freien Universität Berlin und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.