Bei der week of action der Bewegung bolognaburns kamen Studierende von verschiedensten Ecken Europas zusammen, um gegen die Bologna-Jubiläumsfeier der Bildungs- und WissenschaftsministerInnen zu protestieren.
Die Bewegung bolognaburns! stellt eine Weiterführung der #unibrennt Proteste dar, die im Herbst 2009 in Wien ihren Anfang nahm. Vom 11. – 14. März 2010 veranstaltete diese eine Protestwoche. Mithilfe eines internationalen Demonstrationszugs, Sitzblockaden und einem Alternativgipfel am Campus der Universität Wien wurde Kritik am Treffen der Bildungs- und WissenschaftsministerInnen geübt, die zusammen kamen, um das 10-jährige Jubiläum des Bologna-Prozesses in unserer Uni und der Hofburg zu zelebrieren
Internationale Vernetzung
Die week of actions wurde von 63 Organisationen aus verschiedenen Ländern mitgetragen. Neben diversen österreichischen VertreterInnen waren auch PartnerInnen mehrheitlich aus Frankreich, Italien und Deutschland anwesend. Dieses internationale Publikum gab dem Alternativgipfel und seinem Protestpotenzial noch mehr Legitimität, verwies doch die starke Präsenz von ausländischen Teilnehmenden auf die internationale Dimension der Proteste gegen eine Ökonomisierung der Bildung.
Let’s get organized
Die Aktionswoche war gut durchorganisiert. Für diejenigen, die von weiter anreisten, wurden Mitfahr- und Schlafbörsen eingerichtet. Für das leibliche Wohl sorgte eine Volksküche. Für Menschen mit Kindern wurde Kinderbetreuung bereitgestellt. DolmetscherInnen erleichterten die Kommunikation innerhalb des internationalen Publikums. Auftakt der Aktionswoche stellte die Demonstration am 11. März vom Westbahnhof zur Hofburg dar. Obwohl weniger Menschen als erwartet teilnahmen, kam doch eine beträchtliche Anzahl an Protestierenden zusammen, um gegen den internationalen Sozial- und Bildungsabbau zu demonstrieren. Anschließend an die Demonstration wurden Sitzblockaden an verschiedenen strategischen Plätzen errichtet, um den Zugang zur Hofburg deeskalativ zu verstopfen wie es auf der bolognaburns Homepage zu lesen ist. Nachdem die Demonstration weitgehend friedlich verlaufen war, kam es im Zuge der Blockaden zu diversen Zwischenfällen mit der Polizei. Eine überwältigende Polizeipräsenz war stets bemerkbar, die sich nicht gerade einer zurückhaltenden Strategie verschrieben hatte, sondern eher der Prämisse folgte: Abschreckung durch Einschüchterung. Im Ganzen ergab sich das Bild eines Polizeieinsatzes, welcher keinerlei deeskalierenden Strategie folgte, sondern ganz im Gegenteil durch unverhältnismäßigen Gewalteinsatz bewusst provozierend auf durchwegs friedliche DemonstrantInnen zu wirken versuchte.
Alternativen erarbeiten
Im Rahmen von Workshops, Diskussionsrunden und Podiumsdiskussionen setzten sich Lehrende, Studierende und nicht im universitären Bereich Tätige kritisch mit dem bestehenden Hochschulsystem auseinander und erarbeiteten gemeinsam Formen von Alternativen und Perspektiven. Die Heterogenität an Workshopveranstaltenden (Studierende, Lehrende, AktivistInnen) stellte an sich schon eine Alternative zu bestehenden Hierarchien zwischen Lehrenden und Lernenden innerhalb des Bildungssystems dar. Sechs große Themenbereiche wurden behandelt, die sich von Gender und Bildung über Krise der Lehre und Forschung, Bildung und soziale Ungleichheit, internationale Bildungsproteste, Demokratie, Bildung und Gesellschaft bis zur Neoliberalisierung der Bildungspolitik erstreckten.
Auch vor der Dunkelheit machte der Alternativgipfel nicht Halt und bot in Form von verschiedenen kulturellen Veranstaltungen und Parties ein breites Abendprogramm an.
Gender und Bildung ein brennendes Thema
Katharina Fritsch besuchte zwei Workshops zum Themenbereich Gender und Bildung. Ein Workshop beschäftigte sich mit dem Thema Sexismus in den Bildungsprotesten, ein anderer mit queeren politischen und wissenschaftskritischen Strategien an Universitäten. Beide Workshops zeigten auf, dass Sexismus nicht nur im herkömmlichen Bildungssystem tief verankert ist, sondern dass die Bewegung der Bildungsproteste auch nicht vor sexistischen Handlungen, Aussagen, Auffassungen usw. gewappnet war/ist. Berichten zufolge kam es zu diversen sexistischen Vorfällen und Übergriffen, sexistischen Wortmeldungen bei Plena und Fällen sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen im offiziellen Schlafsaal.
Als Reaktion auf derartige Tendenzen gingen Frauen_Lesben_Inter_Trans_ Personen in die Offensive. Neben Öffentlichkeitsarbeit in Form antisexistischer Plakate und Transparente wurde auch ein FrauenLesbenInterTransRaum (F_L_I_T) eingerichtet, der einen Schutz- und Ruheraum für Frauen_Lesben_Inter_Trans_ Personen darstellen sollte.
Die Reaktionen auf diese feministischen Interventionen waren vielfältig, aber nicht nur positiv. Unter anderem wurde der Frauen AG vorgeworfen, die Bewegung zu spalten.
Die verschiedenen sexistischen Vorfälle innerhalb der Bildungsproteste werfen viele Fragen auf. Es wird deutlich, dass Basisdemokratie und Repräsentationsverweigerung nicht automatisch antisexistisch sein müssen. Vielmehr ist die Thematisierung innerhalb solcher emanzipatorischer Bewegungen von entscheidender Relevanz, um sich des eigenen Sexismus bewusst zu werden.
In diesem Sinne sind Parallelen zu früheren Protesten wie jene von 1968 in Bezug auf die Thematisierung feministischer Anliegen innerhalb emanzipatorischer Bewegungen zu finden. Wie damals wurde der Kampf um Antisexismus ausgelagert und damit der Auseinandersetzung mit der eigenen realen Differenzen und gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb der Bewegung aus dem Weg gegangen.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
Zum Thema Sexismus in den Bildungsprotesten: Costa, Rosa / Mendel, Iris: Ich möchte Teil einer feministischen Bildungsbewegung sein! Bemerkungen zum Sexismus in den Studierendenprotesten in Österreich. Sexismus in den Bildungsprozessen.pdf (1.62 MB)