
Eine Präsentation des Buches: Bildung unterm Hammer herausgegeben von Ingolf Erler, Pia Lichtblau und Elke Renner.
Was passiert in Schulen, Universitäten und der Erwachsenenbildung wenn aktuelle Bildungspolitik hauptsächlich nach Maßstäben neoliberaler Doktrinen ausgerichtet wird? Eine Ausgabe des Schulheftes beschäftigt sich theoretisch wie praktisch mit den Auswirkungen und Vorraussetzungen einer ökonomisierten Bildungspolitik.
Bildungssubjekt: homo oeconomicus
Die Ausweitung neoliberaler Strategien und einer betriebswirtschaftlichen Logik auf das Bildungssystem ist, so ein inhaltlicher Konsens der AutorInnen des Sammelbandes, gesellschaftspolitische Realität. Die Abwendung vom Sozialstaat geht mit den Bemühungen einher, auch dessen Wert eines solidarischen gesellschaftlichen Zusammenlebens abzulösen. Die neoliberale Strategie ziele darauf ab, so Stefan Vater in seinem Beitrag zum Thema Lebenslanges Lernen und Ökonomisierung im Bildungsbereich, einen alternativen ideologischen Block zu formieren, der geprägt von marktwirtschaftlichen und besitzindividualistischen Zügen ist. Dieser neoliberale ideologische Block, wie Vater in Anlehnung an Antonio Gramsci schreibt, bringt ein spezifisches Menschenbild mit sich, dass von vielen AutorInnen des Bandes kritisch beleuchtet wird.
Armin Bernhard greift die Metapher Rohstoff Mensch auf, um die Übernahme marktwirtschaftlicher Doktrinen in die allgemeine Gesellschafts- und Sozialpolitik aufzuzeigen. Der Markt dirigiert die Gesellschaft (und nicht umgekehrt) und in diesem Sinne ist auch Bildungspolitik nicht viel mehr als ein Instrument, um Humankapital effizient zu optimieren. Bildung dient nun nur mehr der Erfüllung der gesellschaftlichen Erfordernisse des Arbeitslebens.
Marktorientiertheit: Das Mantra der Bildungspolitik
Der Handlungsspielraum, in welchem nun bildungspolitische Entscheidungen getroffen werden, ist geprägt und definiert durch die Regeln eines kapitalistischen Marktes und wird wie viele andere Bereiche des öffentlichen Sektors auch nach einer festgelegten ökonomischen Direktive ausgerichtet. Einerseits, so schreiben Andrea Liesner und Ingrid Lohmann in ihrem Artikel zur Transformation der Bildungseinrichtungen, werde der Bildungsbereich betriebswirtschaftlich neu organisiert. Gleichzeitig komme es von Seiten des Staates zu Einsparungen im öffentlichen Sektor zugunsten von Steuerentlastungen für die Wirtschaft. Dies führe wiederum zu leeren Kassen im öffentlichen Bereich und erleichtere die Legitimierung der Anforderung an den Bildungsbereich, Budgetlöcher mittels Stiftungen und Sponsoring zu stopfen.
Gesteuert wird die von den AutorInnen kritisierte Ökonomisierung des Bildungsbereiches nicht nur im Rahmen der Nationalstaaten. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ist ein wesentlicher Motor für das rasche Fortschreiten eines marktorientierten Bildungsbereiches.
Philip Funovits zeigt in seinem Beitrag die Auswirkungen und das Scheitern der Umgestaltung des österreichischen Universitätssystems nach rein marktwirtschaftlichen Vorgaben. Die Übernahme von New Public Management Strategien in die universitäre Organisation und die Entlassung der Universitäten in die Scheinautonomie hätten zu einem Abbau demokratischer Strukturen, höheren Verwaltungskosten und zu einem Verlust politischer Verantwortung für die Universitäten geführt. Claudia Saller beschäftigt sich anhand von zwei Fallbeispielen mit der Frage, welche Folgen eine enge Zusammenarbeit privater Unternehmen mit universitärer Lehre mit sich bringen kann.
Prominentestes Mittel der OECD, um Bildung vergleichbar, messbar und damit auch effizient nutzbar zu machen, sind die PISA-Bildungsstudien. Diese würden, so argumentiert Armin Bernhard, Bildungsinhalte im Sinne von Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen daraufhin überprüfen, ob und in welchem Maße sie für ökonomische Ziele genutzt werden können. Die Hoffnung, dass die schockierenden Ergebnisse der PISA-Studie hinsichtlich der sozialen Selektion des Schulwesens eine Änderung in der Schulpolitik erreichen können, wird in zweierlei Hinsicht zu Nichte gemacht. Einerseits, so Liesner und Lohmann, werde die PISA Studie in erster Linie dazu verwendet, die Privatisierung der Schulen voranzutreiben und andererseits, so betont Ingolf Erler in seinem Beitrag, folgen auf jede Bildungsöffnung neue Selektionsmechanismen. Die Ausmaße, welche der Kampf um den Wettbewerbsvorsprung des eigenen Kindes mittlerweile erreicht hat, werden vom Autor eindrucksvoll geschildert.
Kehrtwende in der Bildungspolitik?
Privatisierung, Scheinautonomie und der Rückzug politischer Verantwortung aus dem Bildungswesen wird von den AutorInnen des Sammelbandes aus den unterschiedlichsten Perspektiven kritisiert. Vor allem die Kombination aus theoretisch-wissenschaftlichen und praxisnahen Beiträgen eröffnet einen breiten Blickwinkel auf die unterschiedlichsten Aspekte eines ökonomisierten Bildungswesens. Die Analyse spezifischer Veränderungen im Bildungssystem, wie beispielsweise die Kritik Bertl Gubis an der Einführung einer standardisierten Zentralmatura, können nach der Lektüre des gesamten Sammelbandes in einen breiten Kontext neoliberaler bildungspolitischer Strategien eingeordnet werden.
Vor allem die letzten zwei Beiträge des Bandes verhindern eine zu einfache Gegenüberstellung eines marktwirtschaftlich orientierten Bildungswesens mit einem idealtypisch emanzipatorischen Bildungsbegriff. Gary Fuchsbauer stellt in seinem Beitrag, in dem er neoliberale Tendenzen in berufsbildenden mittleren und höheren Schulen thematisiert, die Frage, ob nicht genau die Zusammenführung von Schule und Wirtschaft die Elitedünkel der AHS (S.91) aufgebrochen habe. Auch Johannes Zuber, ehemaliger Berufsschullehrer, beschreibt in neutralem Ton, die längst bestehende Symbiose von Berufsschulen und Wirtschaftsbetrieben.
Nicht zum ersten Mal beschäftigen sich AutorInnen aus dem Bereich der Sozialwissenschaft und der Bildungspraxis mit dem Thema einer ökonomisierten Bildung. Die Leistung des vorliegenden Bandes besteht darin, realpolitische Auswirkungen neoliberaler Bildungspolitik mit theoretischen Hintergrundinformationen zu verbinden. Gleichzeitig wird ein Spielraum eröffnet, indem über ein alternatives bildungspolitisches Vorgehen nachgedacht werden kann. Durch die aktuell veränderte wirtschaftliche Situation sei die Dynamik der Privatisierung des öffentlichen Bereichs bis auf weiteres behindert, so Reinhard Sellner in diesem Band. Es kommt darauf an, diese Atempause (S.79) in der neoliberalen Umstrukturierung für eine Kehrtwende der Bildungspolitik zu nutzen.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.