Drei zentrale Begriffe, die Paulo Freires Werk und Leben prägten, bestimmten und leiteten, bilden die Grundlage eines transdisziplinären Forschungsvorhabens anlässlich des Kunst- und Kulturprogramms onda latina.
Das Projekt wird im Sommersemester 2006 an der Universität Wien von StudentInnen der Internationalen Entwicklung und dem Paulo Freire Zentrum im Rahmen der Lehrveranstaltung Transdisziplinäre Entwicklungsforschung (TEF) II durchgeführt. Transdisziplinäres Forschen bedeutet dabei, die gesellschaftliche Relevanz der diskutierten Theorien zu erkunden. Wissenschaftliche Fragestellungen werden im Dialog mit kulturen in bewegung erarbeitet.
Bildung als Praxis der Freiheit.
Bildung als Praxis der Freiheit gab der Lehrveranstaltung ihren Titel. Dies stellt sowohl den Universitätslehrer, Gerald Faschingeder, als auch die StudentInnen vor die Herausforderung, Freires Konzept der befreienden, „problemformulierenden Bildung“ Rechnung zu tragen und einen Raum der Kommunikation zu etablieren, in dem der „Lehrer-Schüler“ und die „Schüler-Lehrer“ auf dialogische Art und Weise gemeinsam reflektieren, kritisieren, lernen, handeln und forschen. Nach Freire lernen LehrerInnen im Dialog mit ihren SchülerInnen genauso, wie SchülerInnen eine lehrende Rolle einnehmen.
Die StudentInnen, die sich größtenteils im ersten Abschnitt ihres Studiums befinden, setzen sich zu Beginn der Lehrveranstaltung intensiv mit dem Werk Freires auseinander und versuchen, die zentralen Aussagen, Begriffe und Kategorien kritisch zu erfassen und zu hinterfragen. Weiters beschäftigen sich die StudentInnen gemeinsam mit dem Lehrer und den TutorInnen mit Methoden der transdisziplinären Wissenschaft, der qualitativen Sozialforschung und der Cultural Studies/Kulturwissenschaften, wie z.B. dem Generieren von Hypothesen oder der Kunst des Interpretierens, um das Werkzeug für ihr späteres Forschungsvorhaben zu erhalten.
Transdisziplinäres Forschen …
Transdisziplinäres Forschen ermöglicht eine disziplinenübergreifende, ganzheitliche und dialektische Sichtweise auf die Totalität der Welt und hat darüber hinaus einen klaren gesellschaftspolitischen Anspruch. Transdisziplinarität vermittelt auf demokratische Weise zwischen einzelnen Disziplinen, fördert den Dialog und stellt dabei immer einen Bezug zur Gesellschaft her, da es um die Lösung konkret anstehender praktischer Probleme geht.
… in der Praxis.
Die praktische Anwendung transdisziplinärer Wissenschaft wird an einem konkreten entwicklungspolitischen Praxisfeld erprobt: Parallel zum Gipfel der Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der Europäischen Union (EU) und der Staaten Lateinamerikas und der Karibik (11. 13. Mai 2006) findet das österreichweite Kunst- und Kulturprogramm onda latina statt. Vom 20. April bis zum 4. Juni 2006 präsentieren lateinamerikanische KünstlerInnen ein breitgefächertes Spektrum zeitgenössischer lateinamerikanischer Kunst und ermöglichen damit einen Einblick in aktuelle Strömungen ihrer Kunst- und Kulturszene. Ob Musik, bildende Kunst, Literatur oder Film onda latina versteht sich als gesellschaftskritisches, politisches Programm, das einen Einblick in aktuelle politische, ökonomische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen in Lateinamerika und der Karibik geben will. Politische Kunst soll einen Raum des kritischen Dialogs und der politischen Diskussion schaffen. Bildungsaktivitäten (vor allem in Schulen), Informationsveranstaltungen und wissenschaftliche Debatten runden das Angebot ab.
Wissenschaftliche Reflexion.
Aufgabe der StudentInnen ist es, onda latina wissenschaftlich zu begleiten und zu reflektieren. Dazu bilden sie Forschungszellen, die sich je nach Interesse(n) ein bestimmtes Praxisfeld auswählen. Hierbei gibt es von Seiten des Lehrveranstaltungsleiters keine Vorgaben, den StudentInnen stehen also viele Möglichkeiten offen. Der Besuch von Literaturveranstaltungen ist genauso möglich, wie die Spezialisierung auf lateinamerikanische Musik, eine/n bestimmte/n KünstlerIn oder die Fokussierung auf verschiedene Bildungsaktivitäten, wie z.B. Workshops zu den Themen Musik, Textil, Skulpturen und Bildende Kunst in Schulen, die Kindern und Jugendlichen persönliche Erfahrungen mit Menschen und Kulturen aus Lateinamerika ermöglichen sollen.
Für das Forschungskonzept ist der gesellschaftspolitische Anspruch des Kulturfestivals von zentraler Bedeutung. Politische Konzepte, Weltbilder und Botschaften, die hinter den KünstlerInnen und ihrer Kunst stehen, werden reflektiert sowie der Frage nachgegangen, ob politische Kunst gesellschaftlicher Verhältnisse „nur“ widerspiegelt oder auch Motor für deren Veränderung sein kann. Hierzu werden sich die StudentInnen auch mit Ansätzen wichtiger Denker der Kunsttheorie (Hegel, Adorno, Lukacs, etc.) beschäftigen.
onda latina und Paulo Freire.
Der anspruchvollste Teil der Reflexion ist die Konfrontation der onda latina mit Paulo Freires Konzepten von Bildung, Praxis und Freiheit. Wird onda latina ihrem Anspruch, ein „Impuls zur nachhaltigen Bewusstseinsbildung in Österreich“ zu sein, gerecht werden und Bildung als Praxis der Freiheit ermöglichen? Im Rahmen ihrer Forschung nehmen die StudentInnen an künstlerischen Darbietungen von onda latina teil und werden dazu, soweit wie möglich, auch in die Bundesländer fahren.
Am 21. Juni 2006 findet eine öffentliche Präsentation der Forschungsergebnisse durch die StudentInnen statt. In Form von Proseminararbeiten werden diese auch in schriftlicher Form ausgearbeitet. Eine Dokumentation der Reflexion von onda latina wird über den Sommer von einer Praktikantin des Paulo Freire Zentrums ausgearbeitet werden und voraussichtlich im Oktober 2006 erscheinen.
Die Lehrveranstaltung ist ein Projekt, das die StudentInnen vor höchste Ansprüche hinsichtlich Selbstverantwortung und Zusammenarbeit stellt. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess, dessen Ergebnis im Moment noch offen ist.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.