Wie kann eine alternative, fesselnde und zugleich tiefgründige Präsentation einer Neuerscheinung gestaltet werden? Die Antwort darauf haben offensichtlich Helga Neumayer und Claudia Dal Bianco (Frauensolidarität), denn sie boten am 13. Dez. 2012 im Rahmen der Reihe „Bildung im C3ntrum“ eine Veranstaltung mit genau diesen Attributen.
Frauensolidarität-TV
Nach einer kurzen Begrüßung gaben die Moderatorinnen Dal Bianco und Neumayer einen Überblick über die vielfältigen Themen der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift der Frauensolidarität (4/2012). Unter dem langen und eigentlich selbsterklärenden Titel „Bildung, Migration, Kulturschaffen. Ermächtigung, Selbstpositionierung, Widerstand & Veränderung. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Kuba, Bangladesh, Togo, Iran & Österreich“ beschäftigt sich diese Ausgabe nicht nur mit Kunst als Ausdrucksmittel für marginalisierte Frauen, sondern auch mit dessen sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Die vielseitigen und sehr unterschiedlichen Beispiele zeigen, dass Kunst für viele Kunstschaffende ein Heilmittel sein kann, um die Schmerzen von Ausgrenzung, Vertreibung und/oder Unterdrückung zu verarbeiten. Außerdem kann sie ein Sprachrohr sein, das sprachliche und kulturelle Unterschiede in den Hintergrund stellt, also konstruierte Grenzen transzendiert und Berührungsängste mit „der/dem Anderen“ überwinden lässt.
Helga Neumayer und Claudia Dal Bianco; Foto: Nadine Mittempergher
Die Artikel der Zeitschrift wurden von den Moderatorinnen zu Recht als vielseitig, spannend und abwechslungsreich dargestellt. Ihr Präsentationsstil war unkonventionell und ließ den Eindruck entstehen, Dal Bianco und Neumayer würden ein TV-Programm moderieren. Jeder Artikel wurde dabei abwechselnd ein paar Minuten lang von den beiden vorgestellt und kommentiert, was dem Publikum einen guten Überblick über die Themenvielfalt und eine theoretische Einführung in das Thema bot. Dies diente als Grundlage für die zwei anschließenden Präsentationen.
Die Zeitschrift bietet Einblick in Lebens- und Arbeitswelten verschiedener Frauen, die sich mit dem Thema Kultur, Ausgrenzung, Migration und Unterdrückung, aber auch mit Befreiung beschäftigen. Dabei werden Themen wie z.B. die Situation von chinesischen Wanderarbeiterinnen und südafrikanischen Farmarbeiterinnen, ein Migrations-Stimmungsbild aus Madrid, Konsumverhalten im Iran, die Auswirkungen des Phosphatabbaus in Togo u.v.m. behandelt. Diese werden zu einem bunt gemischten Cocktail aus Systemkritik, Perspektivenwechsel und Hoffnung auf eine bessere Welt, der am Ende nur ein Fazit zulässt: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist notwendig!“ (Zeitschrift frauensolidarität 122, 4/12, S. 3)
Las Mujeres de Maíz, die „Mais-Frauen“
Einer der Artikel dreht sich um „Community Arts“, einer speziellen Methode des Kunstschaffens, am Beispiel der Gruppe der Mujeres de Maíz in Los Angeles. Diese organisieren seit 15 Jahren jeden März Konzerte, Shows, Filmvorführungen, Zeremonien, Ausstellungen usw., um auf ihre marginalisierte Stellung in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Als durchmischte Gruppe von, hauptsächlich aus Lateinamerika stammenden, Migrantinnen haben sie „Community Arts“ als Methode gewählt, da es hierbei nicht nur um die Schaffung von Kunst, sondern auch um ein politisches Statement, Gesellschaftskritik, Identitätsbildung und Empowerment geht. Lucia Rosati, Vortragende und Verfasserin des entsprechenden Artikels schreibt ihre Doktorarbeit über dieses Thema und berichtete aus ihrem Forschungsaufenthalt. Die Erstaufführung ihres Kurzfilmes über die Mujeres de Maíz an jenem Abend gab einen tiefen Einblick in das Schaffen der Mais-Frauen.
„Ich bin zur Welt gekommen und es war Krieg, ich bin geflohen und es war Krieg“
…mit diesem Satz fasste die Künstlerin Nigar Hasib ihr Leben im Nordirak und die Flucht vor dem Krieg zusammen, die sie schließlich nach Österreich verschlug. In ihrem fast einstündigen emotionalen, fesselnden und detaillierten Bericht, den man im Artikel von Betina Dobnig nachlesen kann, schilderte sie ihren Lebensweg von der politisch aktiven Kunststudentin zur Migrantin in Österreich, die trotz vieler kleiner und großer Opfer das Theaterschaffen nicht aufgegeben hat. Ihre Erfahrungen inspirieren Hasib zu den beeindruckenden und preisgekrönten Performances, von denen sie dem begeisterten Publikum einige Kostproben hören und sehen ließ. Diese lassen sich schwer beschreiben, da sie ein Gesamtkonzept aus Stimme, Bewegung und Gefühlen sind, die gleichzeitig Irritation und Begeisterung auslösen können. Kalt lassen sie jedoch sicher niemanden. Eine selbst kreierte Kunstsprache ergänzt die Performance und macht sie umso interessanter. Wer sich selbst ein Bild machen will, kann im Lalish Theater im 18. Wiener Bezirk vorbeischauen, das Hasib zusammen mit ihrem Mann gegründet hat. Nach der Performance, den dazugehörigen Erklärungen und Hintergrundinformationen zweifelte das Publikum nicht mehr daran, dass Kunst eine Form der Befreiung sein kann.
Nigar Hasib; Foto: Nadine Mittempergher
Die Veranstaltung war aufgrund ihrer Vielseitigkeit ein erfrischendes Pendant zu anderen Neuerscheinungspräsentationen, da die Autorinnen ihre Artikel nicht nur präsentierten, sondern ihre Arbeit greifbar machten und damit auch die Neugierde für die anderen Beiträge weckten.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.