Unter dem Vortragstitel „Bildung – Macht – Demokratie“ beleuchtete Erich Ribolits die Funktion von Bildung in unserer kapitalistischen Gesellschaft, die Schaffung von Humankapital durch Bildungsinstitutionen und das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Anpassung.
Am 8. November 2017 fand unter Moderation von Sonja Lukisk der zweite Vortrag der Reihe „Politische Bildung in Österreich – Geschichte, Zugänge, Konzepte“, veranstaltet von der österreichischen Gesellschaft für politische Bildung, statt. Erich Ribolits, Bildungswissenschaftler und Privatdozent an der Universität Wien sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Paulo Freire Zentrums, sprach im Depot über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und (politischer) Bildung.
Der Doppelcharakter von Bildung.
Bildung genieße derzeit uneingeschränkten Zuspruch, so Ribolits. Es herrsche das allgemeine Narrativ, dass Menschen dadurch klüger, selbstbewusster und selbstbestimmter werden. Alles in allem gute Eigenschaften, weshalb auch ein Mehr an Bildung gefordert werde. Diese Idealisierung von Bildung verdiene aber durchaus Skepsis. Ja, kritische Bildung könne dabei helfen, Zwänge zu durchschauen und asymmetrische Machtstrukturen zu erkennen. Die formale Bildung führe jedoch in den meisten Fällen dazu, sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen und Teil des Systems zu werden. Auch wenn von offizieller Seite Kritik nicht explizit abgelehnt werde, solle aber niemand die Grundprämissen der bestehenden Ordnung hinterfragen, so der Eindruck, wenn man Studienfinanzierung und dergleichen betrachtet. Der Glaube, man lebe „in der besten aller Welten“, die eben nur schlecht gemanagt werde, werde aufrecht gehalten. Um Zusammenhalt innerhalb dieses Systems zu schaffen brauche es außerdem die Loyalität der Mitglieder, so Ribolits.
Alle gegen alle?
Diese Widersprüchlichkeit erkenne man auch sehr gut in der Diskussion rund um „Bourgeois“ (dt. Angehörige/r des Bürgertums“) und „Citoyen“ (dt. BürgerInnen), Begriffe, die beide stark von Jean-Jacques Rousseau geprägt wurden. Erstere streben vor allem die individuelle (ökonomische) Absicherung sowie Machterhalt und -kontrolle durch bestmögliche Platzierung am Markt an. Zweitere fühlen sich dem Ideal der Menschenwürde verpflichtet und setze sich für ein solidarisches Gemeinwesen ein. Einerseits sollen ungleiche Lebensbedingungen legitimiert und andererseits Zusammenhalt im kapitalistischen System geschaffen werden, so Ribolits.
Resultat sei die gesellschaftliche Akzeptanz des widersprüchlichen Kampfes „alle gegen alle“, in dem einerseits Egoismus, aber gleichzeitig auch die Macht der Masse kultiviert werde. . Beides werde durch Bildung gefördert, bemerkte Ribolits kritisch.
Erstellung von „Humankapital“ durch Bildung.
Wir leben, so Ribolits, in einem System, in dem man seine Lebensgrundlage meist nur durch den Verkauf seiner Arbeitskraft absichern könne. Eine gute Positionierung der eigenen Arbeitskraft am Markt sei vor allem durch Bildung zu erkämpfen. Durch diese ökonomische Investition seien Mensch und Bildung nun endgültig dem kapitalistischen Geist unterworfen. Dieses Nützlichkeitsdenken habe sogar schon totalitäre Züge angenommen. Auch Lehrpläne fokussieren sich mehr und mehr auf das Hervorbringen von ökonomisch verwertbarem Humankapital; individuelle Interessen und geistige Emanzipation treten in den Hintergrund. Der Großteil des Lehrangebotes sei durch das Leistungsdiktat kontaminiert und wirke systemstabilisierend. Selbst Erwachsenenbildung, die früher als Alternative zu herkömmlicher Bildung gegolten habe, habe sich zunehmend dem Leistungsdiskurs verschrieben. Die Idee des lebenslangen Lernens diene letztendlich auch nur mehr dazu, die persönliche Verwertbarkeit zu steigern, meinte der Vortragende. Im Raum bleibe die Frage, was mit denen geschehe, die nicht „verwertbar“ seien.
Veränderung durch Technik.
Im Moment befinden wir uns an der Schwelle zu einer neuen Art des bürgerlichen Kapitalismus. Ausschlaggebend dafür seien, so Ribolits, neue Kommunikations- und Informationstechnologien. Diese schaffen eine neue Stufe der industriellen Revolution, in der menschliche Arbeitskräfte in sämtlichen Bereichen ersetzt werden. Dadurch, dass diese neuen Technologien universell einsetzbar seien, käme es zu einem Rückgang an Arbeitskräftebedarf. Als Konsequenz dessen steige die Arbeitslosenrate und verringern sich „normale“ Arbeitsverhältnisse. Nun gebe es mehr Angestellte in Teilzeit und Geringfügigkeit. Letzten Endes bleiben für Menschen vorwiegend fallbezogene Tätigkeiten übrig, bei denen Kreativität gefragt ist. Ribolits meinte, dass der Umschwung auf Kompetenzorientierung in Bildungsinstitutionen, vor allem in Schulen, damit in Verbindung stehe. Zusätzlich gewinnen Arbeitsmoral und situatives Handeln immer mehr an Bedeutung.
Die Politik an ihren Grenzen?
Durch diesen Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen nationalstaatliche Regierungen immer mehr unter Druck. Dies sei auch klar im Wahlkampf zu erkennen, wo sämtliche wahlwerbende Parteien versprechen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Methoden dafür reichen von green economy (dt.: grüne Wirtschaft) bis hin zum Abschotten des Arbeitsmarktes gegenüber nicht einheimischen ArbeitsnehmerInnen. Die kapitalistischen Mechanismen lassen sich aber laut Ribolits durch nationale Maßnahmen nur gering beeinflussen, was zu Verdrossenheit und Enttäuschung bei den WählerInnen führt. Wer „das Sagen hat“ scheine immer weniger bedeutsam, wichtig sei das Ziel, Kapital ins Land zu locken. Das demokratische Mitbestimmungsrecht verliere dabei gegenüber der Attraktivität der Verwertungsbedingungen an Wichtigkeit. Dazu müssen Standorte optimiert werden, wodurch für soziale Unterstützung immer weniger Geld vorhanden sei. Das Narrativ „den Tüchtigen gehört die Welt“ sei somit aktueller denn je.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB): https://www.politischebildung.at/oegpb/bildungsangebot/vortragsreihe/?detail=88070