Bildung in Österreich – sehr gut oder ungenügend?

In einem zweitägigen Symposium wurde am 11. und 12. April 2013 im Institut für Höhere Studien (IHS) der Nationale Bildungsbericht Österreich 2012 vorgestellt. Zahlreiche Vortragende fassten Kapitel zusammen, kommentierten Beiträge und diskutierten mit einem engagierten Publikum.Der Nationale Bildungsbericht Österreich 2012 (NBB) ging nach einer Pilotversion 2009 bereits in die zweite Runde. In Auftrag gegeben vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), fällt die Erstellung in den Zuständigkeitsbereich des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens (BIFIE). HerausgeberInnen des NBB 2012 sind Michael Bruneforth und Barbara Herzog-Punzenberger vom BIFIE sowie Lorenz Lassnigg vom IHS. Ein wichtiges Ziel des Berichtes ist es, ein evidenzbasierteres Vorgehen in Bildung und Bildungspolitik zu fördern.

Daten, Fakten und Analysen

Der NBB 2012 umfasst zwei Bände, eine Kurzzusammenfassung ist ebenfalls erhältlich. Im ersten Band, dem Indikatoren-Band, stand vor allem der Versuch im Mittelpunkt, einen Überblick über den derzeitigen Status des österreichischen Schulsystems zu liefern. Bereits vorhandenes Wissen wurde zusammengetragen und Daten aus verschiedenen nationalen und internationalen Quellen wurden zu einem gemeinsamen Nachschlagewerk verknüpft.

Im zweiten Band präsentieren die AutorInnen thematische Analysen zu fünf Bereichen: Kompetenzen von SchülerInnen sowie von LehrerInnen und Leitungspersonen, Bildungsgerechtigkeit, Schulformen sowie neue Steuerungsformen. Das Symposium konzentrierte sich auf diesen zweiten, analytischen Band. Nach einem Einführungsvortrag von Tracy Burns (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD Paris) und einer Kurzvorstellung der beiden Bände wurde der Großteil der zweitägigen Veranstaltung für die Vorstellung und Diskussion der einzelnen Kapitel durch die jeweiligen AutorInnen verwendet. Am ersten Abend fand zudem eine Podiumsdiskussion statt, die in Kooperation mit dem Standard veranstaltet wurde.

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v.l.n.r.: Lisa Nimmervoll, Heinz Günther Holtappels, Heinrich Himmer, Gerhard Riemer; Foto: Christina Haslehner

Neue Herausforderungen

In OECD-Ländern, so Tracy Burns, sei in den letzten zehn Jahren immer mehr Geld für Bildung ausgegeben worden, die Ergebnisse hätten sich aber nicht im erhofften Maße verbessert. Dies habe den Druck auf die Schulen erhöht. Zudem seien immer mehr Menschen ins Bildungssystem involviert, zusätzlich sei es zu einer Verschiebung der Aufgabenbereiche gekommen. SchulleiterInnen und LehrerInnen müssten heute neben ihren pädagogischen Aufgaben auch vermehrt im Managementbereich agieren. Um diese neuen Herausforderungen meistern zu können, müssten neue Kapazitäten entwickelt und die Frage der Verantwortlichkeiten der Beteiligten geklärt werden. Auch Effizienz und eine evidenzbasierte Vorgehensweise würden in Bezug auf die schlechten Bildungsresultate immer wichtiger.

In Mitteleuropa sei eine solche Bildungspolitik aber noch nicht wirklich verbreitet, erläuterte Christiane Spiel (Universität Wien) in der Podiumsdiskussion. Man stütze sich hier eher auf Ideologien oder auf die Meinung wichtiger Persönlichkeiten als auf evidenzbasierte Fakten. Der NBB sei aber ein Schritt in die richtige Richtung, denn er bilde eine wichtige Datenquelle für das Ministerium, auf die aufgebaut werden könne, bestätigte Kurt Nekula (Sektionschef des BMUKK).

Schwierige Umsetzung

Darauf, dass eine Umsetzung der Erkenntnisse des NBB aber schwierig ist, wiesen sowohl mehrere DiskutantInnen als auch verschiedene Vortragende hin. Zum einen sei der Bericht in den Schulen noch nicht wirklich angekommen und viele LehrerInnen würden ihn noch gar nicht kennen. Zum anderen käme es auch zu einer Überforderung der Schulen, denn LehrerInnen und SchulleiterInnen wüssten oft nicht wirklich, wie eine Umsetzung der Hinweise in der Praxis aussehen könnte. Gemeinsame Ziele der beteiligten AkteurInnen seien noch zu wenig konkretisiert und definiert worden.

Julia Klug, Mitautorin des dritten Kapitels des NBB 2012, wies auf die Notwendigkeit einer Veränderung der Grundhaltung von LehrerInnen und SchulleiterInnen hin. Denn bereits ausformulierte Veränderungsvorschläge würden von LehrerInnen oft als Bedrohung wahrgenommen und stießen daher auf Ablehnung. Es sei aber wichtig, dass Evaluationen als etwas Nützliches erlebt würden und SchulleiterInnen eine Fehlerkultur schaffen, die auch negative Ergebnisse zulässt, um gemeinsam daraus lernen zu können. Um dies zu ermöglichen, müssten LehrerInnen und SchulleiterInnen darin unterstützt werden, nötige Kompetenzen zu erlernen.

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Kurt Nekula, Harald Walser, Christiane Spiel, Lisa Nimmervoll, Heinz Günter Holtappels; Foto: Christina Haslehner

Chancengerechtigkeit in der Bildung?

Ein immer wieder aufkommendes Thema des Symposiums war jenes der Ungleichheiten im Bildungssystem. Im NBB 2012 ist dieser Problematik ein eigenes Kapitel gewidmet. Ungleichheit im Bildungswesen, so Bruneforth, Mitautor des Artikels, würde in Österreich immer stark auf MigrantInnen fokussiert. In Wahrheit handle es sich aber vorrangig um ein Problem des sozioökonomischen Status und der Bildung der Eltern. Migrationshintergründe spielten da eine weit geringere Rolle. Die Kompetenzen von Kindern aus Familien mit schlechter ausgebildeten Eltern hinkten öfter hinterher.

Man wisse zwar noch zu wenig darüber, wo genau innerhalb der Schule Ungerechtigkeiten zustande kämen, allerdings würden diese besonders an den Bildungsübergängen von Volksschule zu Allgemeinbildender Höherer Schule (AHS) und – in etwas abgeschwächter Form – auch zur Sekundarstufe II sichtbar. Ob ein Kind in eine AHS-Unterstufe geht, hänge weniger von der Schulleistung des Kindes ab, als von der Schulwahl der Eltern. Besonders hier würden Ungleichheiten deutlich zu Tage treten: so würden SchülerInnen, die aus Familien mit geringerem Bildungsniveau stammen, auch bei gleicher Leistung weit seltener in eine AHS gehen, als Kinder aus Familien mit gut ausgebildeten Eltern.

Aber auch die soziale Zusammensetzung der Schulen sei entscheidend für die Kompetenzentwicklung von Kindern. Sozial belastete Schulen, so Bruneforth, müssten daher dringend gefördert werden. Dies ersetze zwar die Individuenförderung nicht, sei aber eine zentrale Vorraussetzung dafür, Chancengleichheit überhaupt erst schaffen zu können.

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Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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