Am 24. und 25. September 2013 fand die 6. „Medien.Messe.Migration & Diversität“ statt. Im Rahmen der Podiumsdiskussionen zu „Perspektiven der Diversitätspolitik in der österreichischen Einwanderungsgesellschaft“ wurde am ersten Messetag das Thema „Bildung als Schlüssel zum Aufstieg der MigrantInnen“ diskutiert.Seyit Arslan von der deutsch-türkischen Wochenzeitung ZAMAN formulierte als Moderatorin die einleitenden Worte und damit die Zielrichtung der Thematik: Bildung sei entscheidend für gelingende Integration und sozialen Aufstieg sowie für die Zukunft des Landes. Das Unwort der Integration gleich zu Beginn ließ aufhören und auch die Bezugnahme auf den volkswirtschaftlichen Nutzen als unhintergehbare Legitimitätsgrundlage verursachte Skepsis im Publikum. Zumindest dürfen die MigrantInnen dafür auch sozial aufsteigen. Bildung als „Win-Win-Win-Situation“?
Diversität und Bildung – keine Angst vor Mehrsprachigkeit!
Der erste Themenblock zu Mehrsprachigkeit und Sprachdefiziten nährte die Skepsis weiter. Würde es wieder einmal gar nicht so sehr um Bildung, sondern vor allem um Deutschkurse gehen? Nicht ganz. Rüdiger Teutsch, Leiter der Abteilung für Diversitäts- und Sprachenpolitik im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), brach eine Lanze für die Mehrsprachigkeit und plädierte dafür, deren Potential zu nutzen, anstatt Spracherwerb isoliert zu konzipieren. Handlungsbedarf sah er an den Pädagogischen Hochschulen, die LehrerInnen für das vielsprachige Klassenzimmer fit machen und sich selbst für Nicht-MuttersprachlerInnen öffnen müssten. Deutsche Grammatiktests als Gradmesser für Sprachkompetenz in den Aufnahmeverfahren stellten da eine unzweckmäßige Hürde dar.
Unterstützung bekam Teutsch dabei von SPÖ-Nationalratskandidatin Nurten Yilmaz. Sie bezeichnete das österreichische Bildungssystem als „ungenügend für das 21. Jahrhundert“. Und auch sie wünschte sich eine Debatte, die Kinder nicht mit Defiziten ausstatte, sondern Vielfalt als Potential aktiv nütze – mit bundesweiten Maßnahmen, jenseits einzelner Projekte engagierter Schulen.
Bildungsvisionen und Bildungsrealitäten
Es gehe aber nicht nur um Deutschkenntnisse, das war sämtlichen DiskutantInnen wichtig zu betonen. Mario Rieder, Geschäftsführer der Wiener Volkshochschulen, warnte eindringlich davor, sozialen Aufstieg durch Bildung auf den Spracherwerb zu reduzieren. Trotzdem wurde dann auch im Vortrag paradoxerweise hauptsächlich von Deutschkursen und sprachlicher Frühförderung gesprochen. Bis schließlich sogar der Einwurf aus dem Publikum kam, man habe ja nun schon viel zu Sprachkompetenz gehört, sei vielleicht sonst noch etwas wichtig in Bezug auf Bildung?
Rieder und Yilmaz hoben die Möglichkeit hervor, kostenlos Pflichtschul- und Lehrabschlüsse nachzuholen. Ob das allerdings bereits genügt, um einen tatsächlichen „sozialen Aufstieg“ von Personen mit Migrationshintergrund sicherzustellen, ist fraglich. Zwar wurde mit Verweis auf den Qualifikationsplan Wien 2020 angedeutet, dass für die Zukunft höhere Bildungsabschlüsse für alle Ziel seien. Auch Wien 2020 zielt aber zunächst nur darauf ab, den Anteil derer zu verringern, die keinen über Pflichtschulniveau hinausgehenden Abschluss besitzen. Hier ließ die Diskussion die Formulierung ambitionierterer Ziele vermissen. Zumindest Rüdiger Teutsch wagte sich an „offensivere“ Ansagen und führte mit seinem ganzheitlichen Bildungsbegriff die Debatte wieder aus ihrer Verengung auf die Arbeitsmarktorientierung. Bildung müsse Kompetenzen zur individuellen Lebensgestaltung vermitteln und letztlich „gesunde und glückliche Menschen“ zum Ziel haben, so Teutsch. Dafür brauche es zuallererst zugängliche Codes. Eine elitäre Bildungssprache mit exkludierenden Effekten für Menschen mit wenig kulturellem Kapital sei hingegen kontraproduktiv.
Kontrovers gestaltete sich die anschließende Publikumsdiskussion. Berichte von hochbegabten Zuwandererkindern in Sonderschulen, herkunftsbezogenem Mobbing und „Ghettoschulen“ verlangten den ReferentInnen den Spagat ab, diese Beispiele ernst zu nehmen und dennoch die positiven Entwicklungen herauszustreichen. Solche Einzelfälle werde es immer geben, grundsätzlich handle es sich aber nicht um systematische Praxis, denn schulische Bildung in Wien funktioniere inklusiv, so der Tenor auf dem Podium. Und die Ghettoschulen? Ein Zuhörer, der sich als Sozialpädagoge vorstellte, will nämlich sicher welche gesehen haben. Überraschend war hier die fast entnervte Replik von Frau Yilmaz: Es gebe weder Ghettoschulen noch Ghettobezirke, das sei einfach Wien. Ist also alles nur eine Frage der Definition?
Aufgaben für die Zukunft
Was bleibt zu tun, um Bildung für Menschen mit Migrationshintergrund zum Schlüssel des sozialen Aufstiegs zu machen? Der Vertreter des Bildungsministeriums forderte eine diversitätsorientierte Öffnung der Institutionen. Es brauche auch Lehrende im Klassenzimmer, die blind sind, vier Sprachen sprechen, eine Fluchtgeschichte haben. Die monolinguale Lehrerin aus der Kleinstadt repräsentiere nicht die Normalität der Vielfalt, sondern höchstens den systematischen Ausschluss an den pädagogischen Einrichtungen. Ein wahres Wort, nur was hat das eigentlich mit Bildung von MigrantInnen zu tun? Geht es da nicht eher um erstarrte Strukturen, die veränderten Realitäten hinterherhinken? So gesehen klang der Vorschlag aus dem Publikum, den Begriff „MigrantInnen“ aus dem Veranstaltungstitel zu streichen, plausibel und wurde auch von den ReferentInnen zustimmend aufgenommen. Warum sollen schon wieder MigrantInnen etwas lernen? Vorrangig scheint der Ball doch bei der Angebotsseite zu liegen, die den neuen Herausforderungen noch nicht gewachsen ist. Hier wurden im Rahmen der Diskussion auch brauchbare Ansätze formuliert. Es bleibt zu hoffen, dass auch der Mut vorhanden sein wird, sie zu Ende zu denken.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.