Das lateinamerikanische Kooperationsbündnis ALBA versteht sich als Alternative zu bisherigen Freihandelsverträgen und als Gegenmodell zur kapitalistischen Ökonomie. Die Bildungsagenda der ALBA-Länder war Thema der Veranstaltung „¡Yo sí puedo!“ im C3-Centrum für Internationale Entwicklung mit Thomas Muhr und Daniel Görgl.Thomas Muhr von der Universität Linz war es zu Beginn seines Vortrags wichtig zu betonen, dass die „Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerikas“ (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América, ALBA) ein globalisierungskritisches Projekt mit dem Ziel der endogenen Entwicklung sei. Den Prinzipien der Solidarität, Reziprozität und Nachhaltigkeit verpflichtet, ziele der regionale Zusammenschluss darauf ab, Synergien zu schaffen und unter Berücksichtigung bestehender Asymmetrien die Entwicklung aller Mitgliedsstaaten zu fördern.
Der ALBA-Handelsvertrag der Völker (Tratado de Comercio de los Pueblos, TCP) als Nachfolgevertrag des ersten ALBA-Abkommens hat heute neun Mitglieder. Die von der ALBA-Logik angestoßenen sozialen Prozesse und vielfältigen multi-, bi- und transnationalen Projekte würden aber weiter greifen und eine größere de facto-Region schaffen. Auf Basis einer antihegemonial geprägten regionalen Identität solle die Schaffung einer transnational organisierten solidarischen Gesellschaft vorangetrieben werden.
Soziale Transformation statt Kommodifizierung
Nur im Kontext dieses politischen Anspruchs sei die Zentralität von Bildung in der Agenda der ALBA-TCP-Zusammenarbeit zu verstehen, erklärte Muhr. Jenseits eines konkurrenzbasierten Ansatzes, der Bildung auf Wissens- und gleichzeitig Profitmaximierung reduziere und Kapitalismus-angepasste unternehmerische Individuen produziere, gehe es um Bildung als Instrument zur sozialen Transformation. So verstehe das Konzept der ALBA-Länder Bildung holistisch – entgegen der globalen Tendenz zur Kommodifizierung von Bildung.
Am Beispiel der venezolanischen Hochschulpolitik zeigte Muhr auf, wie durch die Anerkennung der sozialen Relevanz von Bildung ein Gegenentwurf zum globalen Kommerzialisierungstrend in Bildungsfragen geschaffen werde. In Venezuela wurde Bildung als soziales Gut verfassungsrechtlich verankert und auf der Ebene der Hochschulbildung durch eine Entprivatisierung der Universitäten und die Munizipalisierung der Standorte demokratisch zugänglich gemacht.
Diese holistische Bildungsvision im ALBA-Raum übersetzt sich in der regionalen Zusammenarbeit, im Zuge derer in Zusammenschlüssen der staatlichen Universitäten netzwerkartige Kooperationen eingegangen werden und länderübergreifender Austausch von Know-how stattfinde: Auch hier gehe es schließlich statt um Wettbewerb um die Komplementierung der verschiedenen Länder.
Thomas Muhr, Gerald Faschingeder (Moderation), Daniel Görgl
Kooperation für Alphabetisierung
In Nicaragua wiederum wurde ab 2006 mithilfe des Alphabetisierungsprogramms „¡Yo sí puedo!“ die Analphabetenrate von 23,2% der Bevölkerung auf 3,33% im Jahr 2010 gesenkt. „¡Yo sí puedo!“ wurde in Kuba im Zuge der Bildungskampagne der 1960er Jahre entwickelt und hat seither 3,8 Millionen AnalphabetInnen in ganz Lateinamerika erreicht. Auch in Nicaragua sei diese Kampagne im Kontext der Umstrukturierung des Bildungssystems zu sehen, die nach dem Regierungsantritt der sandinistischen Partei FSLN als „partizipative Bildungsrevolution“ in Angriff genommen wurde und eine Entprivatisierung und Dekommodifizierung des Bildungssektors anstrebe.
Daniel Görgl von der Universität Wien lieferte in seinem Kommentar eine Ergänzung um die bolivianischen Erfahrungen mit „¡Yo sí puedo!“. Auch hier habe das Programm von einer Ausgangslage von 13-15% AnalphabetInnen landesweit zur Anerkennung durch die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) als „Analphabetismus-frei“ („illiteracy-free“) im Jahr 2010 geführt. Innerhalb von drei Jahren lernten 820.000 BolivianerInnen Lesen und Schreiben. Finanziert wurde das Programm von Venezuela, während Kuba die methodischen Erfahrungen, audio-visuelle Geräte, Solaranlagen und Lesebücher sowie etwa 200 BeraterInnen zur Verfügung stellte. Hier zeige sich die Bedeutung der Zusammenarbeit innerhalb der ALBA-Staaten, die auf Komplementarität und Solidarität basiere und es auch wirtschaftlich schwächeren Ländern ermögliche, an der politischen und ökonomischen Kooperation teilzuhaben.
Steine auf dem Weg…
Gleichzeitig wies Görgl aber auf die Widersprüche hin, die innerhalb dieses alternativen Modells existierten. So sei das politische und institutionelle Zusammenwachsen des lateinamerikanischen Kontinents ein hehres Ziel, angesichts der gegenwärtigen Bedeutung nationaler Souveränität in diesen Ländern aber schwer vorstellbar. Weiters wies er auf die Gefahr venezolanischer Herrschaftsansprüche aufgrund ihrer Vormachtstellung innerhalb der Allianz hin und kontrastierte den Anspruch auf Demokratisierung mit gegenläufigen konfliktiven Tendenzen etwa in Bolivien mit einem umstrittenen Staudammprojekt oder in Nicaragua mit der Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbruch.
Thomas Muhr bestätigte, dass die Prozesse Schwierigkeiten durchliefen, verwehrte sich aber gegen eine pauschale Diskreditierung. Natürlich sei Abhängigkeit von Erdöl gegeben und natürlich gebe es Machtungleichheiten, die Frage sei aber, wie damit umgegangen werde. Er sehe ALBA als regionalen alternativen Diskurs, der einer nicht-kapitalistischen Logik folge und durch die Auseinandersetzungen um Demokratie und Partizipation bereits an sich einen demokratischen Prozess darstelle. Schnelle Erfolge seien freilich nicht zu erwarten, gerade in Fragen der Bildung und Entwicklung, wenn beispielsweise für nun besser qualifizierte Schul- und StudienabgängerInnen entsprechende Arbeitsplätze fehlten. So endete der Abend mit der Conclusio, dass die Etablierung gemeinwohlorientierter Kooperationsmodelle notwendigerweise ein langer Prozess mit Rückschlägen und Ungleichzeitigkeiten sei, und dass viele unbekannte Variablen deren Ausgang offen ließen. Umso spannender bleibt es, das Projekt ALBA und seine alternative Bildungsagenda weiter zu verfolgen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und Dissertantin am Institut für Politikwissenschaft. Fotos: Katharina Prüfert. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.