In einem dreiteiligen Beitrag zeigt der Autor, dass die Konzepte der
beiden Brasilianer keineswegs an Aktualität eingebüßt haben. Teil II.
Augusto Boal: "Theater für das Volk."
Augusto Boal, ebenfalls Brasilianer, wurde 1931 geboren und war wie Freire im Rahmen emanzipatorischer Bewegungen tätig. Auch er musste nach 1964, als die Militärs putschten und Brasilien bis 1988 in eine Militärdiktatur verwandelten, das Land verlassen.
Die beiden waren Weggefährten und gute Freunde. Als Freire 1997 starb, schrieb Boal: "Ich bin sehr traurig. Ich habe meinen letzten Vater verloren. Nun sind alles, was ich habe, Brüder und Schwestern." Augusto Boals revolutionäre Theaterarbeit ist stark geprägt von den Überlegungen Paulo Freires.
Er schrieb in seiner Frühzeit eine Reihe von Stücken, die er am Teatro de Arena, einem kleinen Theater im Zentrum São Paulos, inszenierte. Das Teatro de Arena nahm an der zu Beginn der 1960er Jahre rapide wachsenden Bewegung für eine cultura popular teil und spielte vor Favela-BewohnerInnen, LandarbeiterInnen und FischerInnen. Man organisierte Theatergruppen (núcleos) im Landesinneren, wo SchauspielerInnen, Studierende und AktivistInnen der CPCs (Centros Populares de Cultura) gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung Theaterstücke schrieben und inszenierten.
In dieser Zeit machte Boal die wichtige Erfahrung, dass es nicht darum geht, die Revolution auf die Bühne zu bringen, sondern sehr konkrete und realistische Alternativen zu probieren.
Rückblickend schreibt er über sein damaliges Theaterschaffen:
"Das letzte Stück, das ich schrieb und inszenierte, ehe ich Brasilien verlassen musste, hieß »Abnehmender Mond und gefährlicher Weg«, eine Collage aus Texten von Fidel Castro und Che Guevara. Das Stück ähnelte einem Guerillaaufruf. Es endete damit, dass das Ensemble mit erhobener Faust und mit Gewehren, die aus dem Theaterfundus stammten, über die Bühne zog. Wir riefen von der Bühne hinunter, was draußen verändert werden müsse draußen, auf der Straße, in den Fabriken, auf den Feldern, im Alltag.
Auf der Bühne waren wir nicht zu schlagen: Wir hatten die Wahrheit für uns gepachtet. Der Kampf war ein Riesenerfolg auf der Bühne. Aber draußen warteten die bürgerliche Reaktion und der internationale Imperialismus mit tatsächlich gefährlichen Waffen im Anschlag. Weniger Argumente, aber mehr Kanonen. Sie drückten wirklich ab und hatten eine Runde gewonnen. Sie schossen scharf." (Boal 1989: 7)
Die Grenze zwischen Bühne und Publikum niederreißen
Boal kritisiert das konventionelle Theater, wo die ZuschauerInnen (espectadores) ihr Denken und Handeln an die SchauspielerInnen delegieren. Boal möchte die ZuschauerInnen aus dieser passiven Rolle befreien, damit sie zu AkteurInnen, zu ProtagonistInnen der dramatischen Handlung und damit auch ihres eigenen Lebens werden. Aus ZuschauerInnen werden ZuschauspielerInnen ("espectadores" werden zu "espect-atores"). Boal geht es also um die "Übereignung des Theaters an den Zuschauer" (Boal 1989: 14), als ein "Theater für das Volk" anstelle des bourgeoisen Theaters. Das "Volk" produziert somit sein eigenes Theater:
"Es gibt zwei Theaterperspektiven. Theater ist für das Volk, wenn es die Welt aus der Perspektive des Volkes sieht, das heißt, in unaufhörlichem Wandel begriffen, mit allen Widersprüchen und der Bewegung dieser Widersprüche, wenn es die Wege zur Befreiung des Menschen zeigt. Diese Perspektive macht deutlich, dass Menschen, die durch Arbeit, Gewohnheit, Traditionen versklavt wurden, ihre Situation ändern können. Alles befindet sich in Veränderung. Diese Veränderung gilt es voranzutreiben. Die Perspektive des bourgeoisen Theaters dagegen beharrt darauf, dass die Menschen, am Ende ihres langen Weges durch die Geschichte, nunmehr die beste aller möglichen Welten erreicht haben: das gegenwärtige System." (Boal 1989: 17)
Das bourgeoise Theaterkonzept unterscheidet sich von jenem der Schaubühne als Ort der moralischen Erziehung, wie es im deutschen Idealismus entwickelt wurde. Bereits im 18. Jahrhundert wurde Theater als Lernort definiert. So schreibt beispielsweise Schiller vom Theater als "moralischer Anstalt". Dies steht im Gegensatz zur Idee eines zweckfreien Theaters und einer zweckfreien Kunst. Die Schwierigkeit bei einem solchen Zugang, der von Schiller über Brecht bis Boal reicht, liegt darin, Ästhetik, künstlerische Qualität mit Lernen und pädagogischem Anspruch auf einen Nenner zu bringen.
Die Technik Brechts, auch er ein großer Lehrmeister Boals, besteht darin, das Theater nicht länger als Ort der Illusion zu inszenieren. Theater soll keine Traumfabrik sein. Nicht die Flucht vor der Realität soll bewirkt werden, sondern die Konfrontation mit der politischen Wirklichkeit. Brecht war Marxist, und in seinem Weltbild galt es, durch das Theater jene Strukturen herauszuarbeiten, die Menschen entfremden, ihnen die Individualität nehmen, sie zu Marionetten der Geschichte und der Politik machen. Man denke an Brechts "Mutter Courage", die gegen all ihre persönlichen Wünsche und auch gegen ihre Vernunft immer dem Krieg nachzieht und alles verliert. Brecht wollte die imaginäre "vierte Wand", die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, niederreißen. Er ließ während der Aufführung Leute als Zeitungsverkäufer durch den Zuschauerraum gehen, sich Zigaretten anzünden, Gespräche mit den BesucherInnen beginnen. Dadurch sollten die ZuschauerInnen mit einbezogen und zum Denken angeregt werden.
Theater macht Politik
Boal entwickelt diesen Ansatz weiter: Er holt das Publikum auf die Bühne und macht die ZuschauerInnen zu SchauspielerInnen. Sie sollen selbst überlegen, wie die Geschichte weitergeht. Politik, Macht, Unterdrückung und Befreiung sollen zum Thema gemacht werden. Das Theater wird zum Forum, auf dem Wege ausprobiert und debattiert werden.
Das Zentrale an der Politik, die Entwicklung von Gesetzen, versucht Boal in seiner Zeit als Stadtrat in Sao Paulo im legislativen Theater umzusetzen. Ein solches legislative Theater setzt vieles voraus: die Fähigkeit, Bedürfnisse zu artikulieren und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, die Kenntnis von Strukturen und Spielregeln sowie die Fähigkeit, alternative Visionen zu entwickeln.
Eine Voraussetzung dafür ist die Erkenntnis, dass es Ungleichheit und Unterdrückung gibt. Gesetze sind nicht nur Spielregeln für das Zusammenleben. Sie sind auch Schutzmaßnahmen für Unterdrückte oder selbst Unterdrückungsmaßnahmen, die verändert und aufgehoben gehören.
Der Beitrag beruht auf einem Impulsreferat,
gehalten beim Workshop Theater macht Politik in Wiener Neustadt, 20. September
2006.
Lesen Sie in Teil III: Was ist Unterdrückung?
Quelle: Augusto Boal (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt am Main.