Befreiungspädagogische Anregungen von Paulo Freire und Augusto Boal (I)

In einem dreiteiligen Beitrag zeigt der Autor, dass die Konzepte der
beiden Brasilianer keineswegs an Aktualität eingebüßt haben. Teil I.
Paulo Freire: "Der Lehrer ist Politiker und Künstler".
Paulo Freires "Pädagogik der Unterdrückten" ist eine ganz bestimmte Pädagogik eine Pädagogik der Befreiung. Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" ist ein Theater der Befreiung.

Bildung wird oft nicht als Befreiung, sondern als Zwang und Fremdbestimmung erlebt. Viele Menschen fühlen sich ausgeliefert – dem Arbeitsmarkt, ihrem Betrieb, ihren LehrerInnen, der Struktur Schule oder anderen anonymen Verhältnissen. Ohnmacht ist das Wort, das diese alltägliche Erfahrung am besten beschreibt. Mit Politik hat das scheinbar wenig zu tun. Was kann schon ein/e LokalpolitikerIn gegen die Arbeitslosigkeit ausrichten?

Wo man sich von Politik keine Veränderung oder Verbesserung erwarten kann, ist Desinteresse und Politikverdrossenheit die Folge. Es kommt zu einer Entfremdung zwischen PolitikerInnen und dem "Volk". Wie aber können PolitikerInnen dieser Entfremdung entgegenwirken, damit sich Menschen als mündige BürgerInnen aufgefordert und ermutigt sehen, das Gemeinwesen mitzugestalten?

Im Mai 2003 besuchten im Rahmen eines internationalen Jugendaustauschprojektes zwölf junge Erwachsene aus Brasilien eine kirchliche Kinderorganisation in Österreich. Um die österreichische Kultur besser kennen zu lernen, befragten sie SchülerInnen nach ihren Träumen. Während brasilianische SchülerInnen von einer guten Arbeit, einem Haus, von der Landreform oder einem funktionierenden Gesundheitssystem träumten, wussten österreichische Kinder zumeist keine Antwort auf die scheinbar einfache Frage. Das schockierte die Gäste. In einer Schule meldete sich eine Schülerin nach minutenlangem Schweigen und meinte, die Frage sei zu persönlich.

Die befreiungspädagogische Anregung zu dieser "Kultur der Traumlosigkeit und des Schweigens" wäre: träumt und sprecht miteinander! Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen. Im Leben und Denken der Brasilianer Augusto Boal und Paulo Freire finden sich viele Anregungen für befreiendes Lernen und Handeln.

"Die Welt lesen lernen" Paulo Freire

Geboren 1921 in Pernambuco im Nordosten Brasiliens, schlug Paulo Freire zunächst eine Anwaltslaufbahn ein und studierte Jus. Bald erkannte er jedoch, dass seine wahre Berufung in der Lehrtätigkeit lag. Nach einigen Jahren des Unterrichts und des Pädagogik-Studiums hatte er Gelegenheit, im Rahmen der SESI, einer Art Kammer der IndustriearbeiterInnen, Bildungsexperimente durchzuführen. Deren Erfolg führte schließlich dazu, dass er Alphabetisierungsprogramme für LandarbeiterInnen entwickelte, zunächst für einige hundert, dann für tausende Menschen.
Freires zentrale Idee war, dass Menschen nicht nur Buchstaben und Worte lernen, sondern auch am Sinn, am existenziellen Bezug des Gelernten, arbeiten sollten. In seiner Alphabetisierungsmethode wurden bedeutende Begriffe gesucht, so genannte "generative Wörter" wie etwa Arbeit, Land oder Ziegel. Mit deren Silben wurde gearbeitet, wobei das Lesenlernen immer mit dem Reden über die Welt, mit Reflexion des eigenen Lebens, verbunden wurde. "Die Welt lesen lernen" kann als ein zentrales Motto freireanischer Bildung gesehen werden.

In seinem wohl wichtigsten Werk, der "Pädagogik der Unterdrückten", geht Freire davon aus, dass Bildung nicht neutral sein kann. Sie dient immer bestimmten Interessen, meistens denen der Stärkeren. Im Nordosten Brasiliens waren (und sind) das die LandbesitzerInnen. Ihnen gegenüber stehen die unterdrückten LandarbeiterInnen, die oft weder lesen noch schreiben können.

Lernen Menschen, dass es normal ist, sich unterzuordnen, dann ist dies unterdrückendes Lernen. Lernen sie hingegen, dass ein ungerechtes System sie im Zustand der Unterordnung gefangen hält, dann handelt es sich um emanzipatorisches Lernen. Die gängige Erziehungspraxis folgt der Bankiersmethode, in der die Lernenden als leere Konten verstanden werden, auf welche die Lehrenden Wissen einlegen. Freire hingegen respektiert das Vorwissen der Lernenden. Auch die scheinbar Unwissenden sind nicht leer, sondern verfügen über eine bestimmte Weltsicht, an die man anknüpfen sollte. Der/die Lehrende kann daher auch von den SchülerInnen lernen. Das traditionelle LehrerInnen-SchülerInnen Verhältnis soll einem offenen, wenn auch nicht positionslosen, Dialog weichen. Das unterscheidet den Ansatz von Paulo Freire von antiautoritären Strömungen in der Pädagogik. Bei Freire gibt es weiterhin LehrerInnen, die anleiten und aus ihrem Wissen Autorität beziehen. Außerdem vertritt er einen politischen Zugang zur Bildung und hält das sinnliche Erleben, das künstlerische Aktionsformen erlauben, für sehr bedeutsam: "Der Lehrer ist Politiker und Künstler".


Der Beitrag beruht auf einem Impulsreferat,
gehalten beim Workshop Theater macht Politik in Wiener Neustadt, 20. September
2006.

Lesen Sie in Teil II: Augusto Boal: "Theater für das Volk."

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.