
Innerhalb neoliberaler Strukturen besteht die Gefahr, den Anspruch auf „Befreiung“ mit der Forderung nach „Inklusion“ gleichzusetzen. Welche Folgen solche Tendenzen für heutige emanzipatorische Bildungsansätze haben, damit beschäftigen sich die AutorInnen in der 134. Schulheft Ausgabe.
Die Ausgabe der Schulfheft-Reihe „Selbstbefreiung oder Inklusion? Zur Aktualität emanzipatorischer (Volks)Bildungskonzepte. Schulheft 134/2009“ geht emanzipatorischen Bildungsprojekten innerhalb der Erwachsenenbildung und der Grundschulbildung sowohl in Ländern des Nordens als auch des Südens auf die Spur. Als zentralen Referenzpunkt ziehen die AutorInnen die Pädagogik und Philosophie Paulo Freires heran.
Emanzipatorische Bildungskonzepte revisited
Zu Beginn beleuchtet Franz Ofner kritisch Inklusion-Exklusion-Ansätze innerhalb der Sozialwissenschaften. Als zentralen Kritikpunkt führt er die fehlende handlungstheoretische und gesellschaftsverändernde Perspektive solcher Ansätze an. Dem werden in den weiteren theoretisch orientierten Kapiteln die Ansätze Freires, Gramscis, Luxemburgs und der libertären Pädagogik gegenübergestellt.
Carlos Roberto Winckler gibt in seinem Beitrag einen Überblick über das Werk Freires und die Umsetzung seiner Pädagogik innerhalb Brasiliens. Sein Beitrag ist thematisch sehr umfangreich, da er die Entwicklung der Gedanken Freires, die verschiedenen emanzipatorischen Bildungsinitiativen und die polit-ökonomischen Veränderung in Brasilien thematisiert. Aufgrund der Übersetzung ist der Artikel manchmal sprachlich schwer verständlich.
Einen guten Überblick über die Bildungskonzepte von Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci gibt Frigga Haug. Der Beitrag macht deutlich, wie diese beiden DenkerInnen Bildungsprozesse mit politischer Handlungsermächtigung der „Massen“ und sozialistischer Umgestaltung der Gesellschaft zusammendachten.
Einen ganz anderen Blick führt Ulrich Klemm mit seinem Beitrag auf die libertäre Pädagogik ein. Solche anarchistisch orientierten Ansätze nehmen Erziehung und Bildung an sich unter die „kritische Lupe“ und sprechen sich gegen öffentlich organisierte Bildungsmodelle aus. Klemms Beitrag macht die Relevanz ideologiekritischer Ansätze für emanzipatorische Bildungskonzepte deutlich, werden dadurch auch emanzipatorische Bildungsmodelle im Sinne von Ordnungsmodellen hinterfragt.
Von der Theorie zur Praxis ein holpriger Weg
Der zweite und dritte Abschnitt nimmt auf diverse Projekte und Initiativen im Bereich emanzipatorischer Bildungsarbeit Bezug. Es werden sowohl Erfolge als auch Herausforderungen und Misserfolge aufgezeigt.
Zwei Projekte aus Namibia (John Nyambe) und Uganda (Maria Denkmayr, Teresa Nadeje) verdeutlichen die strukturellen Rahmenbedingungen (institutionell, finanziell, gesellschaftlich etc.) die emanzipatorischen Bildungsprojekten oft im Weg stehen. Meiner Meinung nach wird im Beitrag von Nyambe auch das Nord-Süd-Machtgefälle in Bezug auf emanzipatorische Bildungsprojekte deutlich. Er schreibt in diesem Zusammenhang, dass „pedagogy from a western-socio cultural context characterized by material abundance“ (Nyambe 2009: 61) nicht einfach auf einen ländlichen Bereich z.B. in Uganda umgesetzt werden kann. Damit kommt nun der Widerspruch zu Tage, dass einige Ansätze emanzipatorischer Bildungsprozesse wie jene von Freire zwar im Kontext des globalen Südens entstanden sind, nördliche Rezeptionen über diese jedoch dominieren.
Das Problem fremdkultureller Vereinnahmung von Bildungsprojekten sprich vonseiten des globalen Nordens und die damit einhergehende Fremdbestimmung werden auch in den Beiträgen über ein Schulprojekt in Uganda und das „Learn for Life-Projekt“ (Alexander Ragossnig) in der indischen Stadt Varanasi angesprochen. Interessant in Bezug auf das Projekt in Uganda ist vor allem die kritische Selbstreflexion der zwei Autorinnen als weiße Studentinnen aus einem Land des Nordens.
Die Artikel über das indische „Theater der Unterdrückten“-Netzwerk (Birgit Fritz) und über die Incubadoras in Brasilien (Michaela Hauer, Pia Lichtblau) stellen wiederum sehr positiv und optimistisch gestimmte Überblicke über emanzipatorische Bildungsprozesse in Ländern des Südens dar. Incubadoras sind universitäre Gruppen, die auf Wissensaustausch zwischen universitärem Wissen und jenem marginalisierter Bevölkerungsgruppen abzielen und „Brutkästen“ in der Solidarökonomie darstellen (siehe dazu auch Aktion&Reflexion Heft 4).
Gerade dieser Brückenschlag zur Solidarökonomie macht die entscheidende Rolle der Befriedigung von Grundbedürfnissen, d.h. der materiellen Grundlage, in Bezug auf die Umsetzung emanzipatorischer Bildungsprojekte deutlich, was innerhalb der Beiträge immer wieder angesprochen wird.
Dass es vielleicht mehr Gemeinsamkeiten zwischen Nord und Süd in Bezug auf Unterdrückungsverhältnisse und die Notwendigkeit emanzipatorischer Bildungsprojekte gibt, als man/frau glaubt, das wird anhand der letzten zwei Beiträge über Bildungsansätze in Österreich deutlich. Margarete Meixner zeigt, wie Forumtheater eine geeignete Methode darstellt, Unterdrückungsverhältnisse wie in diesem Fall „atypische Beschäftigungsformen“ wie Teilzeitarbeit, Heimarbeit etc. zu thematisieren. Michaela Hauer und Pia Lichtblauer erläutern die Arbeit des Integrationshauses in Wien und von maiz autonomes Zentrum von & für Migrantinnen in Linz.
eine Weiterempfehlung
Das Buch nimmt die Lesenden demnach mit auf eine Reise in die Welt der emanzipatorischen Bildungsarbeit. Als sehr positiv empfinde ich die Bandbreite der vorgestellten theoretischen Konzepte, vor allem die Einbeziehung anarchistischer Bildungsansätze. Jedoch sind einige Beiträge ohne theoretisches Vorwissen schwer verständlich.
Der zweite Teil zeigt auf, was emanzipatorische Bildungsarbeit im heutigen Kontext alles beinhalten kann und welche Herausforderungen aufgrund neoliberaler Verhältnisse bestehen. Die verschiedenen Projekte spiegeln die im Titel der Ausgabe thematisierte Diskussion, ob es nun um Inklusion in bestehende Verhältnisse oder um eine Befreiung von diesen geht, wider. Dabei wird gezeigt, dass oft eher eine Gradwanderung zwischen diesen zwei Polen vorgenommen wird, sprich eine Inklusion in bestehende Verhältnisse nicht ganz umgangen werden kann. Die Beiträge des zweiten und dritten Teils sind oft im Stil von Erfahrungsberichte bzw. in einem erzählerischen Stil verfasst, was zu leichter Verständlichkeit führt.
Verein der Förderer der Schulhefte (2009): Selbstbefreiung oder Inklusion? Zur Aktualität emanzipatorischer (Volks)Bildungskonzepte. Schulheft 134/2009. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag. ISBN: 978-3-7065-4731-4.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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