Im verschlafenen walisischen Dorf Llangollen fand vom 2.-9. Jänner 2005 ein internationales Jugendtreffen statt. Drei PraktikantInnen des Paulo Freire Zentrums gehörten zu den OrganisatorInnen.
"Citizen-ship in the SEE (and other countries)" lautete der mehrdeutige Name. Die See, in der das Schiff fährt, steht dabei für Südosteuropa. Drei PraktikantInnen des Paulo Freire Zentrums beteiligten sich an der Organisation und Gestaltung des Programms, vier Schülerinnen aus Kufstein fuhren als Teilnehmerinnen mit.
Die Idee für das Projekt wurde bei einem Trainingskurs für Internationale Jugendarbeit des "European Youth Programme" der Europäischen Union (EU) im Frühling 2004 im bosnischen Livno geboren. Acht TeilnehmerInnen dieses Kurses aus Bulgarien, England, Italien, dem Kosovo, Kroatien, Österreich, Rumänien und Serbien reichten schließlich ein "Youth Exchange Programme" bei der Europäischen Kommission ein. Mit Erfolg. In der ersten Jännerwoche 2005 trafen sich 29 Jugendliche aus den genannten Ländern im Norden Wales zu einer Jugendaustauschwoche. Das Thema: "Jugendliches Selbstverständnis in der Öffentlichkeit in Südosteuropa und anderen europäischen Ländern".
Organisation im Rahmen des Freire Zentrums
Drei PraktikantInnen des Freire Zentrums (Mia Krenceyova, Philip Taucher und Jo Tordy) waren die österreichischen OrganisatorInnen. Sie versuchten Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten für das Jugendprogramm anzuwenden.
Ein Resultat war ein Workshop "Identität, Macht und Sprache", der im Herbst 2004 in einem Gymnasium in Kufstein zum ersten Mal mit SchülerInnen umgesetzt wurde. Jugendliche sollten anhand von lebensnahen Situationen für die Produktion von Identitäten und Machtverhältnisse durch Sprache sensibilisiert werden. Das Konzept ging auf. Die Jugendlichen nahmen begeistert am Workshop teil und revoltierten gegen die WorkshopleiterInnen.
Von Kufstein nach Wales
In der ersten Jännerwoche 2005 reisten vier der Kufsteiner Schülerinnen, begleitet von einem Praktikanten des Paulo Freire Zentrums, nach Wales, um den Workshop unter anderen Rahmenbedingungen zu wiederholen. Die Woche in Wales erwies sich als unterhaltsames Beisammensein von Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren, bei dem sich eine kritische Betrachtungsweise vorwiegend auf die englische Art der Verköstigung beschränkte.
Dabei hätte es von Anfang an ausreichend lebensnahen Stoff zur kritischen Reflexion gegeben: Die Gruppe aus dem Kosovo, deren Teilnahme am Austausch von der EU schon abgesegnet und vorfinanziert war, wurde nicht etwa durch serbische Behörden an der Reise gehindert, indem der kosovarische UN-Pass von den serbischen Behörden nicht akzeptiert wurde (was oft ein Problem darstellt). Die zuständige Stelle in Großbritannien erklärte sich nicht bereit, den sieben Kosovaren für die Projektwoche ein Visum auszustellen.
Eine Teilnehmerin meinte: "Die (gesamt)europäische Gemeinschaft muss halt von unten wachsen…"
Ich konsumiere, daher bin ich
In diesem Sinne wurden die anfänglichen Unannehmlichkeiten vergessen, um sich bei Spiel, Spass und Abenteuer in harmonischer Weise näherzukommen. Von dynamischen "Ice-Breakers" ausgehend zum geheimnisvollen "Mystery-Tours" über "Powershopping" und "creative workshopping" zum schwungvollen "Iceskating" verpasste man keine Möglichkeit zum gemeinsamen Gruppenfoto.
"Das ausgeprägte Verlangen harmonisch wirkende Gruppenfotos knipsen zu wollen, erinnerte schon fast an die Fernsehübertragungen von den Treffen des europäischen Rates", merkte Sahra Posch, eine der österreichischen Teilnehmerinnen, an. In der restlichen Zeit war das kollektive Schweigen oft unüberhörbar. Das Bild der TeilnehmerInnen als passive KonsumentInnen eines Unterhaltungsprogramms, im Gegensatz zu aktiven GestalterInnen des sozialen Raums, wurde mit einem ganztägigen Besuch im Trafford Shopping Center in Manchester auf die Spitze getrieben. Mit den Worten "I am shopping, therefore I am…" wurde man begrüsst, bevor man sich in der Konsumkathedrale stundenlang berieseln liess.
Das eigentliche Thema rund um "Citizenship" und jugendliches Selbstverständnis ging in all den Aktivitäten unter. Maßgeblicher Grund dafür war die Uneinigkeit innerhalb des siebenköpfigen OrganisatorInnenteams. Aus Angst vor potenziell konfliktträchtigen Situationen vermied man inhaltlich brisante Diskussionen und nahm dafür harmonisches Schweigen und Null-Kommunikation gelassen hin.
Trotz des vorhandenen kritischen Potenzials der TeilnehmerInnen wurde von den OrganisatorInnen nicht der entsprechende Raum geschaffen, dieses Potenzial ausleben zu können.
Die Frage, ob es nicht schon ein als positives Ergebnis zu werten sei, dass Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam eine Ferienwoche in Wales verbringen können, und nicht unbedingt kritische Diskussionen führen müssten, stand vor allem bei der Projektevaluierung zur Debatte. Eine einheitliche Antwort konnte nicht gefunden werden. Das Resümee von Julia Schwarz, einer der österreichischen Teilnehmerinnen, brachte es auf den Punkt: "Eine nette Woche war das, eher apolitisch, aber nett…".
European Youth Programme: https://europa.eu.int/comm/youth/program/index_en.html
Der Autor war Mitorganisator des Projekts "Citizen-ship in the SEE (and
other countries)" und Praktikant am Paulo Freire Zentrum.